Was heisst perfekte Sauberkeit?

Unterwegs mit der leitenden Gouvernante im Berner Luxushotel «Bellevue Palace», wo alles jederzeit top sein muss.

Ihr Talent ist nicht unbedingt die Reinigung, sondern die Organisation: Nathalie Secchiari. Foto: Ruben Wyttenbach

Ihr Talent ist nicht unbedingt die Reinigung, sondern die Organisation: Nathalie Secchiari. Foto: Ruben Wyttenbach

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Bei allem, was Nathalie Secchiari tut, wirkt es, als trüge sie weisse Handschuhe. Die Bewegungen sind vorsichtig, zügig, aber ohne hektisch zu sein. Die Handgriffe sind kontrolliert und präzise. Weisse Handschuhe trägt sie nicht. Dafür hat sie zwei babyblaue Mikrofaserlappen in den Händen. Das einzig Extravagante an ihrer Erscheinung ist ihre Frisur – eine Art grau melierte Tolle.

Sonst ist sie genau so, wie man sich eine Person in ihrer Position vorstellt: unauffällig und vornehm in ihrem dunklen Anzug, das Lächelnd ist gewinnend, der Blick sanft, die Haltung zurückhaltend. Sogar ihre Berufsbezeichnung hat etwas Distinguiertes: Sie ist Leitende Hausdame – im Hotel «Bellevue Palace», fünf Sterne, die Adresse für die hohen, oft staatsmännischen Besuche in der Stadt Bern.

Ihr Tag beginnt um 5.45 Uhr. Nach und nach erscheinen das Etagenpersonal, die Portiers, die Gouvernanten. Ein Hotelalltag ist nie gleich, auch wenn alles immer routiniert und perfekt sein muss. Einen Frühlingsputz gibt es nicht im Bellevue. Aber eine Grundreinigung, und die findet statt, sobald es eben geht. Manchmal in der Nacht. Manchmal, wenn mal viele Zimmer nicht belegt sind – kurze Zeitfenster, in denen viel geleistet werden muss. Das ist vor allem ein grosser organisatorischer Aufwand, der eine präzise Planung verlangt. Deshalb sieht Nathalie Secchiari ihr Talent nicht unbedingt in der Reinigung, sondern in der Organisation.

Babyblaue Lappen fürs Badezimmer

Es ist bereits 9 Uhr. Nathalie Secchiari betritt das Zimmer 510. Alle Schränke und alle Schubladen in dem Zimmer sind geöffnet. So haben es die Zimmermädchen hinterlassen. Rund eine halbe Stunde hatten sie zu zweit Zeit, das Zimmer zu reinigen. Die eine übernahm Badezimmer und Toilette, die andere den Rest des Raums. Auf den Putzwagen, die jetzt draussen auf den breiten Fluren stehen, liegen stapelweise verschiedenfarbige Lappen: rot, gelb, blau. Rot für die Toilette. Gelb für das Bad. Blau für die anderen Räumlichkeiten. Dazu kommen ein Stapel Mikrofasermopps, drei verschiedene Reinigungsmittel.

Rund zehn Minuten wird Nathalie Secchiari nun aufwenden, um das Zimmer zu kontrollieren, bevor sie es via Telefontasten der Réception freigibt. Auch hier gilt: Der eine babyblaue Lappen ist für das Badezimmer. Der andere für den Rest. «Lappen hält man nie wie ein Gewurstel in der Hand», sagt Nathalie Secchiari. «Es gibt wirklich ein System dahinter. Ein Lappen hat acht Flächen, die man benutzen kann. Man kann ihn zweimal durch vier teilen und beide Seiten benützen.»

«Einen Lappen hält man nie wie ein Gewurstel in der Hand. Er hat acht Flächen, die man benutzen kann.»Nathalie Secchiari

Jetzt nimmt sie einen Kleiderbügel aus dem Einbauschrank hinter der Tür, wickelt den einen Lappen darum, geht auf die Zehenspitzen und schwenkt ihn durch das oberste Fach des Schranks. Was ist ihr grösster Feind, Frau Secchiari? «Wenn ich einen Fleck nicht identifizieren kann. Wenn ich mein ganzes Wissen über Produkte und Materialien durchgehe und den Fleck immer noch nicht wegbekomme.»

Natürlich hat man im Hotel Bellevue spezielle Enzymreiniger, um die ärgsten Verunreinigungen wie Blut oder Rotwein verschwinden zu lassen. Ansonsten seien Mikrofasertücher, ein Baumwolllappen und ein bisschen Wasser das Beste, um Flecken zu entfernen. «Ganz wichtig», sagt Nathalie Secchiari: «Immer nur tupfen und immer mit und nicht gegen die Fasern.»

Sie hat die Reinlichkeit im Blut

Nathalie Secchiari hat die Reinlichkeit im Blut, das Auge fürs Detail buchstäblich mit der Muttermilch eingesogen. Geboren ist sie 1969 in der Provinz Massa-Carrara in der Toskana. Aufgewachsen aber ist sie in der Welt des Gastgewerbes auf dem Bea­tenberg. Ihre Grosseltern hatten nach dem Zweiten Weltkrieg das Kurhotel Silberhorn gekauft. Die Eltern hatten es weitergeführt, und eigentlich war vorgesehen, dass Nathalie Secchiari den Betrieb eines Tages übernehmen würde.

Deshalb hat sie auch keine Hotelmanagement-Ausbildung gemacht, sondern gleich Hotelfachfrau gelernt und sich dann zur hauswirtschaftlichen Betriebsleitern weiterbilden lassen. Aus der Hotelübernahme wurde schliesslich nichts. Das Silberhorn kam im Jahr 2000 unter den Hammer. Nathalie Secchiari hat eine lange Reise durch etliche Sternehotels hinter sich.

Auch bei ihr zu Hause herrsche penible Ordnung, sagt Nathalie Secchiari.

Sie arbeitete etwa in St. Moritz, in Saanen, in Interlaken und gar im Universitätsspital in Zürich. Am 1. Mai 2006 begann sie im Hotel Bellevue und ist seither dageblieben. «Wissen Sie, wenn Sie in so einem Betrieb aufwachsen, sehen Sie die Kleinigkeiten. Wenn man das von klein auf kennt und wenn man dann noch strenge Eltern hat, die einem das beibringen, dann brennt sich das ein.»

Auch bei ihr zu Hause herrsche penible Ordnung. Secchiari wohnt in Graffenried, ist ledig und hat keine Kinder. Nach jeder Dusche trocknet sie die Flächen mit einem Mikrofasertuch ab. Nach dem Kochen räumt sie die Küche gleich auf. Einen Kühlschrank, sagt sie, putze man am besten mit kaltem Wasser, einem Mikrofasertuch und einem Baumwolllappen. Nein, kein Seifenprodukt, nichts. «Ich sage immer: Kaltes Wasser ist das beste Mittel. Die hartnäckigeren Flecken kann man einweichen lassen. Aber natürlich genügt das nicht, wenn Sie den Kühlschrank ein Jahr lang nicht geputzt ­haben.»

Sie legt täglich 15 bis 20 Kilometer zurück

Zimmer 510. Der Einbauschrank ist sauber. Jetzt steht Nathalie Secchiari vor dem Schreibtisch und blättert den Hotelkatalog durch. Auch etwas, das sie in jedem Zimmer, nach jedem Check-out, tut. Sie kontrolliert, ob alle Seiten da sind, ob niemand etwas hineingekritzelt hat. Dann geht sie rüber zum Fenster, kneift die Augen zusammen. Draussen sieht man die Aare, den Gurten, die Alpen. Aber das interessiert Secchiari nicht. «Es ist simpel. Die Fenster putzen wir, wenn sie dreckig sind», sagt sie. «Fünf Liter kaltes Wasser, ein Deziliter Brennsprit und ein Schaber. Für die Ecken und Ränder wiederum ein Mikrofasertuch.»

126 Zimmer, 28 Suite, 5 Etagen, eine Sauna, ein Fitnessraum und die sogenannten Public Areas wie etwa die Hotelhalle. Das ist Nathalie Secchiaris Reich. Das alles muss immer – tagein, tagaus – «top, top» sein, wie Nathalie Secchiari es nennt. Dazu braucht es vor allem gute Organisation, Flexibilität und auch Ausdauer. Nathalie Secchiari legt pro Tag zwischen 15 und 20 Kilometer zurück. Ihr unterstellt sind 4 Gouvernanten, 9 Zimmermädchen, 6 Angestellte der Lingerie, 4 Portiers, 3 Floristinnen und 6 Lernende. Die Zimmermädchen arbeiten in Zweierteams und reinigen im Schnitt 33 Zimmer pro Tag.

Beliebte Adresse für hohe, oft staatsmännische Besuche: Innenansicht des Hotels «Bellevue Palace» in Bern. Foto: PD

Inzwischen hat sie das Briefpapier kontrolliert, die Batterien der Fernbedienung, den Safe, die Nachttischschubladen. Sie hat unters Bett geschaut und ist mit dem Lappen über die Bilderrahmen gefahren. Nun wechselt sie den babyblauen Lappen aus. Nathalie Secchiari steht jetzt im Badezimmer, lässt den Lappen über die Wanne, den Spiegel, das Lavabo, die Spiegelschränke gleiten. Kontrolliert den Abfalleimer und die Zahngläser. Sie nimmt die Waage hervor, lässt den Journalisten daraufstehen, um zu testen, ob sie funktioniert. Dann wartet die ­Toilette. «Für Toiletten gilt», sagt Nathalie Secchiari, «von oben nach unten. Von links nach rechts. Und ganz wichtig: Von aussen nach innen putzen. Am Schluss die Wände.»

Lieber Wasser als Schaum

Natürlich könne man einen privaten Haushalt nicht mit einem Hotel vergleichen, sagt sie. Bei sich zu Hause putze sie zweimal im Monat. Aber ihr falle schon auf, dass zum Beispiel zu oft zu viel Reinigungsmittel verwendet würden. «Wissen Sie, der Schaum reinigt nicht. Verwenden Sie Seifenwasser! Wenig Mittel und keine Schwämme. Nur Putzpads.» Auch beim Abwasch brauche es ein Laugenbad. Sie sehe immer wieder, dass Leute ihr Geschirr unter fliessendem Wasser waschen würden, sagt sie und schüttelt den Kopf. «Ach ja, und Pfannen gehören jetzt wirklich nicht in die Abwaschmaschine.»

Zehn Minuten sind um. Nathalie Secchiari meldet der Réception die Freigabe des Zimmers. Lässt nochmals den Blick durch den Raum gleiten und schliesst die Tür. Während sie durch die weiten Gänge mit den Stuckaturen an den Wänden und dem blauen Teppich schreitet und darauf hinweist, dass auch das alles immer, tagein, tagaus, sauber gehalten werden muss, sagt sie noch: «Ich habe wirklich Leidenschaft für diesen Beruf. Sonst würde ich es nicht machen mit fünfzig. Es ist ein harter Job.» Das Entscheidende aber sei die Seele eines Hotels. Und das Bellevue, sie könne es sich nicht recht erklären: «Ja, das Bellevue hat ein gute Seele.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.04.2019, 20:37 Uhr

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