Was ist an Autos so faszinierend?

Die Antwort auf die Frage, warum Menschen Fahrzeuge lieben.

Autos stehen für Fantasien, zum Beispiel eines abenteuerlichen Lebens. Foto: Reuters

Autos stehen für Fantasien, zum Beispiel eines abenteuerlichen Lebens. Foto: Reuters

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Weshalb ist das Auto für so viele Menschen so furchtbar wichtig? Um nicht zu sagen: schon fast heilig?
F. F.

Lieber Herr F.

Man könnte sagen: «My car is my home is my castle is my temple.» Zudem ist es ein bedeutendes Statussymbol; das Auto gehorcht einem unmittelbar auf Lenkerbewegung, Gaspedal- und Bremsdruck; das Brummen seines ­Motors hat etwas Beruhigendes und Erotisierendes; es dient nicht nur der Fortbewegung in einem trivialen Sinne, sondern auch der Fantasie, sich jederzeit vom hiesigen Acker machen zu können, auf in das Land, wo die Zitronen blühen und die Sonne bei Capri im Meer versinkt.

In so einem Auto kommen viele Fantasien zusammen. Je nach Modell die Vorstellung eines geglückten Familienlebens (zwei Kinder auf dem Rücksitz und ein Hund im Kofferraum) oder eines abenteuerlichen Lebens entweder in der Variante Cabrio oder Allradantrieb. Solche Fantasien darf man nicht unterschätzen; oft erweisen sie sich noch als hartnäckiger als der Osterstau vor dem Gotthard. Doch bevor man nun in eine ahistorische Der-Mensch-träumte-immer-schon-von-grenzenloser-Fortbewegung-Anthropologie verfällt, sollte man bedenken, dass die Heiligkeit des Automobils derzeit doch unter starkem Säkularisierungsdruck steht.

«Die Heiligkeit des Auto­mobils ist im Niedergang begriffen.»

Auch Fantasien sind gegenüber den Zumutungen der ­Realität nicht immun. So viele Parkplätze kann es gar nicht ­geben, dass das Autofahren in einer Stadt Spass macht. Man könnte die Stadt in einen Parkplatz verwandeln, aber wer ­wollte auf einem Riesenparkplatz herumcruisen wie einst Gregory Peck auf seiner Vespa in «Vacanze ­romane». Die real existierenden Autobahnraststätten sind dazu angetan, das Freiheitsgefühl eher zu dämpfen; und das Strassennetz besteht leider nicht nur aus leeren toskanischen Alleen. Die Real-Utopie selbstfahrender Autos ist auch weniger verlockend, als sie scheint, denn auch diese Autos brauchen einen Parkplatz jeweils vor der Haustür, wenn sie einen bedeutenden Vorteil vor dem ÖV haben sollen.

Die Fahrt selber ist nicht aufregender als eine Zugfahrt, abgesehen von der spannenden Frage, die einen latent immer beschäftigen dürfte, nämlich welchem Ethiktypus die eingebaute Intelligenz wohl folgt: Wird sie zwei Fussgänger mit Rollator oder eine Mutter mit Kinderwagen überfahren, um die drei arbeitslosen Männer um die 40 zu retten? Was ich sagen will: Die Heiligkeit des Auto­mobils ist im Niedergang begriffen. Irgendwann werden die Parkplätze so leer wie die Kirchen. Dann kann man sich endlich wieder einen Oldtimer ­kaufen.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 29.05.2019, 09:38 Uhr

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