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Was ist eine Biografie?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema, ob das Leben nur einem roten Faden folgen kann.

Und vielleicht noch wichtiger: Braucht man eine Biografie? Ich kann mich an eine «Club»-Diskussion erinnern, in der ein älterer Mann sich kritisch über irgendeine gesellschaftliche Tendenz äusserte – ich glaube, es ging darum, dass sich «die jungen Leute» nicht mehr festlegen, irgend so was. Sein Kommentar dazu: «Das gibt keine Biografie.» Der Subtext schien zu sein: Ein Leben hat einem roten Faden zu folgen. Aber funktioniert ein Leben überhaupt so? Oder sind es nicht eher blaue, grüne, gelbe, viele bunte Fäden, die sich auch mal verknäueln, abreissen und an anderer Stelle wieder fortbestehen, sich verbinden und wieder trennen? Diese Vorstellung scheint mir nicht nur realistischer, sondern auch schöner zu sein als dieser elende, autoritäre rote Faden. M.K. Lieber Herr K.

Geben Sie zu, Sie haben mir nur geschrieben, weil ich Ihnen recht geben soll. Sie haben recht daran getan. Denn ich gebe Ihnen gerne recht.

Also: Zum einen geht mir wie Ihnen dieser dumme Kulturpessimismus auf den Keks, der nichts mit Gesellschaftskritik zu tun, wohl aber viel mit Ressentiment. Es ist wohl tatsächlich so, dass – dank der neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die Whatsapp, SMS, Messengers etc. zur Verfügung stellen – Verabredungen kurzfristiger getroffen und auch wieder geändert werden. Daraus abzuleiten, dass die jungen Menschen deshalb keine richtige Biografie mehr haben können, ist so tiefsinnig wie der Vorwurf, dass die Erfindung des Buchdrucks die Tradition mündlicher Erzählungen unwiderruflich zerstört habe.

Ja, das soziale Leben ändert sich, aber das ist vermutlich eine seiner ältesten und vermutlich auch ewigen Eigenschaften. Das bedeutet, dass sich auch die Weise, wie das Leben der Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten jeweils zu einer Biografie «gerinnt», Wandlungen unterworfen ist. Diese jeweils konkret zu erforschen, ist sicherlich interessant; die Tatsache des Wandels an sich ist hingegen nicht besonders aufregend.

Eine Biografie ist ein Leben im Rückblick. Solche Rückblicke sind immer eine Art von Abstraktion; insofern ist es nicht verwunderlich, wenn sich dabei (nachträglich) der Eindruck eines roten Fadens ergibt. Nämlich schlicht deshalb, weil man all die losen Fadenenden und die gelben, grünen und blauen Fäden, die es auch in diesem Leben gegeben hat, (sträflich) vernachlässigt. Die Vorstellung, ein Leben solle bereits in der Vorschau darauf angelegt sein, einem roten Faden zu folgen, ist in der Tat eher elend. All die Zufälle und Uneindeutigkeiten des Lebens werden zu Störfaktoren der «richtigen Biografie». Noch etwas steiler formuliert: Man macht sich in einem solchen Leben zu seinem eigenen Biografen und lebt, als sei man schon gestorben.

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