Was ist psychosoziale Gesundheit?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu Aktionismus in der Schule.

Soziales Wohlbefinden: Was der eine als Fürsorge schätzt, geht dem anderen als Einmischung in die Privatsphäre auf den Geist.

Soziales Wohlbefinden: Was der eine als Fürsorge schätzt, geht dem anderen als Einmischung in die Privatsphäre auf den Geist. Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mein Job ist es, Lehrer-Weiterbildungen zu konzipieren. Jetzt wurde ich vom Amt für Gesundheit als «Schlüsselperson für die psychosoziale Gesundheit von Lehrpersonen und Schulleitern/-innen» identifiziert. Was soll das heissen?
L. M.

Lieber Herr M.

Ich teile Ihre Skepsis und wahrscheinlich auch Bockigkeit. Allein die Ihnen verliehene Funktionsbezeichnung wirkt so bemüht gesund wie die Schockbilder auf einer Zigarettenpackung. Und wenn man die grassierenden Klagen der Lehrer über zu viel bürokratischen Aktionismus in der Schule ernst nimmt, dann wirkt das Ganze auf mich wie der Versuch, ein bestehendes Übel mit einer zusätzlichen Portion desselben zu kurieren. Und selbst, wenn ein Viertelstündchen Yoga in der Mittagspause vielen guttäte, würde der erholsame Effekt spätestens mit der garantiert darauf folgenden gründlichen Evaluation der Wirkung dieser Massnahme wieder ins Gegenteil verkehrt.

Es ist ja unbestritten, dass soziale Bedingungen und psychisches Wohlbefinden irgendwie zusammenhängen. Aber eben nur «irgendwie»: Der Zusammenhang ist kein überschaubar kausaler, sondern eine statistische Korrelation unter anderen. Was der eine als Fürsorge des Arbeitgebers schätzt, geht dem anderen als Einmischung in die Privatsphäre auf den Geist.

Täglich einen Obstteller in der Kantine anzubieten, ist eine feine Sache für alle, die Obst mögen; ein Obstteller-Tag jeden Freitag kann auf den Sack gehen. Nicht, weil man an diesem Tag auf seine Lasagne verzichten müsste oder man freitags grundsätzlich kein Obst essen möchte, sondern weil man nicht ständig zum Gegenstand irgendeiner noch so guten Kampagne gemacht und über dieses und jenes belehrt werden möchte.

Zum psychosozialen Wohlbefinden beizutragen, kann nämlich auch heissen, dem Wunsch Rechnung zu tragen, dass manche Menschen einfach nur – ­soweit das in einer Institution möglich ist – in Ruhe gelassen werden möchten. Sie möchten nichts als ihre Arbeit gut ­erledigen und dafür einen guten Lohn bekommen. Wo es nötig ist, wollen sie mit anderen zusammenarbeiten, wenn es der Sache dient. Aber sie wollen kein Team bilden und auch nicht angeleitet werden, sich gesund zu ernähren, mindestens 10'000 Schritte am Tag zu tun und dabei genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Und sie wären froh, wenn sie sich nicht entscheiden müssten, ­mitzumachen bei der psychosozialen Gesundung oder aber bockig und unbelehrbar zu sein und kompliziert zu tun.

Sie könnten in Ihrer neuen Funktion vielleicht die «Dekade des In-Frieden-weiter-vor-sich-hin-Wurstelns» aus­rufen.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

Erstellt: 21.09.2016, 08:45 Uhr

Neues Buch

Peter Schneiders Kolumnen

Peter Schneider: Identität und solche Sachen. Kolumnen. Zytglogge-Verlag, Basel 2016. 260 Seiten, ca. 32 Franken.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home 7 Köstlichkeiten für Ferientage

Mamablog Schluss mit Pille und Co.!

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Monsunregen: Nach heftigen Regenfällen müssen die Menschen im Kurigram-Distrikt in Bangladesh auf Booten ausharren, lediglich die Hausdächer ragen aus dem Hochwasser. (17. Juli 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/Barcroft Media/Getty) Mehr...