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Was taugen Tipps von alten Freundinnen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema unbequeme Ratschläge von langjährigen Bekannten.

Manche Freundinnen scheinen Differenz als Verrat zu verstehen: Ältere Frauen in Cordoba. Foto: Michael Cohen (Flickr)
Manche Freundinnen scheinen Differenz als Verrat zu verstehen: Ältere Frauen in Cordoba. Foto: Michael Cohen (Flickr)

Nach zwei sehr langjährigen Beziehungen (Ehe und Lebenspartnerschaft, beide Männer sind verstorben) habe ich Lust auf eine dritte Partnerschaft. Meine «besten Freundinnen» raten mir vehement davon ab. Sie sind Singles und kümmern sich häufig um ihre Enkelkinder. Ich jedoch habe keine solchen, also bin ich wohl ein völlig anderer Single . . . Was meinen Sie zu diesen Frauenfreundschaften und Ratschlägen?R. G.

Liebe Frau G.

Zum Thema «Freundinnen» und «Frauenfreundschaften» habe ich auch schon meinen unmassgeblichen Senf dazugegeben; ein weiteres Mal erspare ich Ihnen und mir. Aber zu dieser Art von Ratschlägen meine ich gerne etwas: nämlich, dass ich dieselbigen ziemlich schräg finde, um es einmal salopp auszudrücken. Man kann jemandem vehement davon abraten, einen ­Alligator als Haustier zu halten (bleibt nicht immer klein und niedlich, braucht viel Auslauf, frisst, wenn ausgewachsen, am Tag mindestens zwei Hühner, und Ärger mit den Nachbarn ist fast garantiert usw.).

Aber was kann einen auf die Idee bringen, eine Freundin von einer Partnerschaft abzubringen? Und zwar nicht von einer bestimmten (zum Beispiel mit einem 40 Jahre älteren Heiratsschwindler, der behauptet, eine Wiedergeburt von Johannes Heesters zu sein), sondern grundsätzlich vor jedweder möglichen künftigen? Was bringt Leute dazu, derartig aggressiv und rücksichtslos das ­Leben anderer Menschen beeinflussen zu wollen? Das fast noch edelste Motiv, das ich mir vorstellen kann, ist Eifersucht: Die besten Freundinnen (die Sie allerdings in Anführungszeichen gesetzt haben) befürchten, Sie an einen fremden Mann zu verlieren. Das leider wahrscheinlichere (und umfassendere) Motiv: Ihre Freundinnen können es nicht ertragen, wenn Sie ein anderes Leben führen. Dabei mag auch Neid eine Rolle spielen, aber er erklärt dennoch nicht alles. Schliesslich ist Ihr Leben als zweifach verwitwete Frau vermutlich kein reines Zuckerschlecken. Und niemand verbietet Ihren Freundinnen, sich ihrerseits auch wieder zu verpartnern, wenn sie es denn möchten.

Oder es zu lassen, wenn sie es nicht möchten. Wobei es ja nicht nur vom eigenen Willen abhängt, ob man jemanden findet oder nicht. Vielleicht wollen sie sich auch gar nicht erst diesem Risiko aussetzen und verlangen dasselbe nun von Ihnen. Differenz scheinen Ihre Freundinnen als Verrat zu verstehen. Mit dieser Einstellung, finde ich, können sie Ihnen gestohlen bleiben.

Ein anderes Leben leben

Nun aber noch ein kleiner Schlenker ins Allgemeine: Diese rabiate Ablehnung von Formen des Lebens, die nicht die eigenen sind, findet man häufig in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, wenn es um das richtige oder das gute Leben geht. Und zwar von reaktionär bis progressiv. Wenn heterosexuelle Partner zwar nichts gegen Homosexuelle ­haben, aber finden, es ginge doch zu weit, wenn diese Kinder adoptieren könnten; wenn Menschen sich nicht vorstellen können, dass die Verringerung des ökologischen Fussabdrucks nicht für alle Menschen das höchste Ziel ist, sondern vielleicht doch eher eine Städtereise nach Detroit.

Es gibt immer wieder Leute, die offen oder implizit versuchen, ihre Lebensorganisation zu einem allgemeingültigen Vorbild zu erklären. Oftmals sogar mit durchaus bedenkenswerten Argumenten. Aber wenn man ihren Argumenten nicht folgt, ist man nicht notwendigerweise dumm oder bösartig oder unbelehrbar; sondern möchte vielleicht bloss ein anderes Leben leben.

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