Weg von der normierten Schönheit

Professorin Eva Wunderer erklärt, weshalb Instagram oder Sendungen wie Germany's Next Topmodel Essstörungen begünstigen und was dagegen zu tun wäre.

Was Mädchen und Frauen beeinflusst ist nicht nur der Blick in den Spiegel – sondern auch soziale Medien oder Sendungen wie Germany's Next Topmodel. Das Bild stammt aus einer früheren Staffel. (Foto: Getty Images)

Was Mädchen und Frauen beeinflusst ist nicht nur der Blick in den Spiegel – sondern auch soziale Medien oder Sendungen wie Germany's Next Topmodel. Das Bild stammt aus einer früheren Staffel. (Foto: Getty Images)

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Eva Wunderer ist Professorin für Psychologische Aspekte Sozialer Arbeit. Vor ihrer Forschungstätigkeit war sie als Therapeutin im Bereich der Systemischen Paar- und Familientherapie tätig. Sie erklärt, wie Sendungen wie Germany's Next Topmodel Essstörungen begünstigen können, woran eine Störung erkannt werden kann und was Angehörige von Betroffenen oft falsch machen.

Seit Kurzem läuft die neue Staffel von Germany's Next Topmodel. Oft wird kritisiert, dass die Sendung einen Schlankheitswahn bei jungen Mädchen schürt. Ist sie wirklich so problematisch?
Es kann problematisch werden. Wenn sich jemand ohnehin schon sehr mit seiner eigenen Figur befasst, können solche Sendungen Auslöser für eine Essstörung sein. Natürlich macht Germany's Next Topmodel alleine keine Essstörung. Da muss schon vorher eine persönliche Verletzlichkeit vorhanden sein.

Aber Models und andere Vorbilder spielen tatsächlich eine Rolle?
Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren. Von biologischen bis hin zu persönlichen, psychologischen. Und eben soziale und soziokulturelle Faktoren. Da ist unser Schlankheitsideal sicher massgeblich. Bei Germany's Next Topmodel sehe ich aber noch ein ganz anderes Problem: Dort wird vorgelebt, dass die Mädchen einfach alles tun müssen, was Heidi Klum und die Jury sagen. Egal, was es ist: Ob ich nackt auf Fotos posiere, mit Schlangen oder sonst etwas. Nur dann hat Heidi ein Foto für mich. Damit transportiert die Sendung ein Frauenbild, das suggeriert: Frauen sind dann gut und kommen weiter, wenn sie sich den Anforderungen von aussen bedingungslos anpassen. Das sehe ich sehr kritisch.

Solche Rollenbilder und das Schlankheitsideal betreffen vor allem Frauen. Erklärt das, warum sie häufiger von Essstörungen betroffen sind als Männer?
Das könnte auch an biologischen Unterschieden liegen. Aber der soziokulturelle Druck ist sicherlich eine Erklärung. Wobei es bei Männern ja stark zugenommen hat. Noch vor 30 Jahren gab es Zeitschriften, in denen es um Diät und tolle Figuren geht, nur für Frauen. Jetzt gibt es die reihenweise auch für Männer. Gerade bei jungen Männern ist die sogenannte Muskeldysmorphie zunehmend verbreitet, also ein Muskelstreben. Ich befürchte, dass die Rate derjenigen, die in der Folge auch an einer Essstörung erkranken, zunehmen wird.

Eine Essstörung führt ja nicht zwingend zu einer merklichen Gewichtsveränderung. Gibt es andere typische Anzeichen?
Oft haben Betroffene gute Strategien, wenn sie nicht wollen, dass man etwas merkt. Gerade eine Bulimie wird teils über Jahre hinweg verheimlicht. Aussenstehenden fällt dann vielleicht auf, dass die Person nicht ganz so viel isst oder auf bestimmte Sachen verzichtet. Erkennen könnte man aber, wenn es einer Person insgesamt schlecht geht. Wenn sie sich zurückzieht oder Probleme in der Schule oder im Beruf hat. Manchmal könnte man es auch an körperlichen Merkmalen erkennen. Zum Beispiel, wenn die Zähne vom vielen Erbrechen kariös werden. Insgesamt ist es von aussen aber oft schwer zu erkennen.

Eva Wunderer hat in München Psychologie studiert, seit 2009 hat sie im bayrischen Landshut die Professur für Psychologische Aspekte Sozialer Arbeit inne. Zudem ist sie Paar- und Familientherapeutin. Foto: OH

Gerade Angehörige machen sich wahrscheinlich Vorwürfe, wenn sie lange Zeit nichts bemerken. Sie selbst haben Erfahrung mit Familientherapie. Gibt es bestimmte Fehler, die Angehörige immer wieder machen?
Es bringt erst mal nicht viel, darüber nachzudenken, was war und bei wem die Schuld liegt. Wichtiger ist, an den Beziehungen aktuell zu arbeiten, und da gibt es einige klassische Fehler. Ich habe da meist mit den Tiermetaphern von Janet Treasure gearbeitet. Sie ist eine britische Psychiaterin, die zum Beispiel das «Känguru» beschrieben hat. Damit sind Eltern gemeint, die wie ein Känguru ihr Kind immer wieder in den Beutel holen und alles für es tun. Wenn es nur noch einen bestimmten Joghurt essen will, dann würden die Eltern auch durch die ganze Stadt fahren, um ihn zu kaufen. Das kann dazu führen, dass die Betroffenen ihr Verhalten aufrechterhalten, weil sie so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Welche Tiermetaphern gibt es noch?
Ein anderes Muster ist das Rhinozeros. Dabei denken die Angehörigen sehr stark rational. Sie wollen direkt eine Lösung finden und fokussieren sich sehr auf das Essen. Dann fühlen sich Betroffene aber oft gar nicht verstanden. Es geht ja nur vordergründig ums Essen, dahinter stecken ganz andere Probleme. Es gibt noch mehr Muster. Bei allen kann man sagen, dass die Angehörigen es nicht böse meinen und helfen wollen. Im schlimmsten Fall führt das aber genau zum Gegenteil. Am wichtigsten ist, die Essstörung nicht auf das Essverhalten zu reduzieren. Man muss schauen, um welche Probleme es eigentlich geht und adäquate Hilfe suchen.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit weniger Leute erkranken?
Man müsste mehr Unterschiedlichkeit anerkennen und von der normierten Schönheit wegkommen. Ich sehe zum Beispiel eine grosse Gefahr bei Instagram, wo junge Menschen ihre Fotos selbst extrem verändern, um schön genug zu sein. Ein anderer Aspekt ist, dass hinter einer Essstörung meist ein mangelnder Selbstwert steht. Hier stellt sich die Frage, wie man den bei Kindern und Jugendlichen stärken kann. Denn wenn ich einen guten Selbstwert habe, kann ich Germany's Next Topmodel oder Fotos auf Instagram anschauen, ohne gleich eine Essstörung zu entwickeln.

Erstellt: 24.02.2019, 19:50 Uhr

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