Kicken gegen die Trauer

Die Fussballer bei Sands United eint ihr Schicksal: Sie alle haben vor oder kurz nach der Geburt Kinder verloren.

Der Tod eines Kindes ist für die Eltern nur sehr schwer zu überwinden. Foto: Kurt Henseler (Laif)

Der Tod eines Kindes ist für die Eltern nur sehr schwer zu überwinden. Foto: Kurt Henseler (Laif)

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Niamh hatte noch vier Tage bis zum errechneten Geburtstermin. Das Mädchen hatte schon einen Namen, irisch und recht ungewöhnlich, aber es hatte keine Chance zu leben. Im Oktober 2017 hätte das Baby auf die Welt kommen sollen, aber vier Tage vor dem Termin, als Charlotte Allen sich untersuchen liess, fanden die Ärzte keinen Herzton mehr. «Unsere Arme waren leer», sagt ihr Mann Robert heute, «aber die Sehnsucht ging nicht weg.» Es war ein Schock, unerwartet, ohne Erklärung, die Schwangerschaft war gut verlaufen.

Die beiden hatten Glück im Unglück in ihrem Krankenhaus in Northamptonshire; die Klinik war auf die Trauer nach der Euphorie eingestellt. An einem Montag war Niamh tot geboren worden. Bis zum Mittwoch konnten Robert und Charlotte bei dem Mädchen bleiben. «Sie sah aus, als ob sie schliefe. Kein Fehler, kein Makel war an ihr zu erkennen.» Sie kleideten sie, machten Fotos, fuhren sie in einem sogenannten Cold Cot, einem wie ein Babykörbchen gestalteten Kühlwagen, herum, damit sie nicht sofort Abschied nehmen, Niamh nicht in die Pathologie schicken mussten, während sie mit ihrer Trauer zu leben lernten.

Erst als der Leichnam zu riechen begann, da wussten sie: Es ist Zeit. Später liessen sie das tote Baby untersuchen, aber: keine Erklärung. Seine Frau, sagt Robert, habe sich fürchterliche Vorwürfe gemacht, aber nicht gewusst, was sie falsch gemacht habe. Sie wollten beide ein weiteres Kind, aber die Angst war lange zu gross. «Wir wollten keinen Ersatz. Wir wollten Trost.»

«Ich musste mit jemandem reden. Ich wurde irre. Meine Ehe stand auf der Kippe, ich wollte nicht auch meine Frau verlieren.»

Den fand der 32-jährige Zimmermann schliesslich auf unerwartete Weise. Er hatte schon früher Fussball gespielt, und ein paar Wochen später rief sein früherer Manager an, er brauche jemanden, der ein Team zusammenstelle. Zufall? Fügung? Egal. Das Team war Sands United, und der Ideengeber eine Charity, die sich seit 1978 für Menschen einsetzt, die ihre Kinder durch Totgeburt oder kurz nach der Geburt verloren haben. Die Spieler der noch zu gründenden Mannschaft: speziell Männer, die Kinder verloren hatten - während der Schwangerschaft ihrer Partnerin, kurz vor dem Geburtstermin oder kurz danach. Männer, die trauerten und reden wollten. Männer, die Hilfe suchten und Freunde brauchten.

Robert Allen rief Bekannte an, fragte herum. Nach drei Monaten hatte er ein Team von 17 Männern beisammen, von denen 15 die traumatische Erfahrung selbst gemacht hatten; die beiden anderen waren Angehörige. «Befriended training» nennen sie, was sie tun, sinngemäss: Trainieren mit Freunden.

Kindernamen auf den Trikots

Beim ersten Spiel, für das die Mannschaft ein Stadion mietete und die Einnahmen spendete, kamen 6000 Pfund zusammen. Mittlerweile ist es, mit Spenden, Auftritten und Einnahmen aus Veranstaltungen, einiges mehr geworden. Über eine Whatsapp-Gruppe tauschen sich die Spieler aus, erzählen sich, wenn es ihnen schlecht geht. Manchmal reden sie nur über Fussball, manchmal reden sie über die Kinder, die sie nie kennen lernen durften. Alle tragen die Namen ihrer toten Babys auf dem Trikot.

Rund um den Todestag des Kindes darf sich der jeweilige Vater wünschen, dass es eine Schweigeminute gibt, oder Applaus. Dass geredet wird, oder eben nicht. Wer Jahrestag hat, ist an diesem Tag der Kapitän auf dem Spielfeld. »Wir haben alle die gleiche Erfahrung», sagt Robert Allen, «und wir müssen uns nicht voreinander schämen.» Für Frauen gebe es viel mehr Hilfsangebote, Trauergruppen, spezielle Hebammen, Betreuung nach einer Totgeburt. Männer suchen seltener Hilfe, öffnen sich schwerer.

Mit Sands United wollen sie das ändern. «Bei uns sagt keiner dem anderen: ‹Heul doch nicht rum und stell dich nicht so an!› Der Tod eines Kindes, egal, ob es ein fast fertig entwickelter Fötus ist oder ein Baby, das kurz nach der Geburt stirbt, oder ein Kind, das mit einer schweren Behinderung auf die Welt gebracht wird - es ist immer ein Trauma, das bleibt.»

Die Gründung des Teams ist ein knappes Jahr her. Die Nachricht hat sich im Internet rasch verbreitet, Sands United hat eine Auszeichnung, den «Pride of Sport»-Award des «Daily Mirror», bekommen. Mittlerweile gibt es mehr als 30 Teams, überall im Land.

Etwa 3000 tote Kinder im Jahr

An einem sonnigen Tag treffen sie sich alle in Kettering, etwa zwei Autostunden nördlich von London. Aus allen Ecken des Landes sind sie gekommen zum Familientag: Die Teams treten gegeneinander an, die Frauen schwatzen, Kinder springen auf der Hüpfburg herum. Vor dem Burger-Wagen bildet sich eine Schlange, auf der Kinderwiese gibt es eine Tombola. Die Familien kennen sich mittlerweile; die Sands United Teams verbringen viel Zeit miteinander, auch unter den Frauen haben sich Freundschaften gebildet.

Allens Frau Charlotte ist da, mit dem grossen Sohn, Alfie, und einer kleinen Tochter, Iris. Sie ist im Dezember 2018 geboren worden, anderthalb Jahre nach dem Tod von Niamh. «Die Schwangerschaft war grauenhaft», sagt ihr Mann, «wir waren hysterisch. Aber jetzt sind wir froh und erleichtert. Auch, weil ich mit meinen Freunden reden konnte, die das schon durchgemacht hatten.»

Die Stiftung, die hinter dem Team steht, finanziert nicht nur Trauerräume in Krankenhäusern und Hilfe daheim, sondern Forschung und Lehre für Mediziner sowie Fortbildungen für Ärzte und Hebammen, die lernen sollen, mit trauernden Eltern umzugehen. 3,9 von tausend Neugeborenen – also insgesamt knapp 3000 Kinder – starben laut Eurostat in Grossbritannien im Jahr 2017, bevor sie das erste Lebensjahr erreichten.

Das sind wenige im Vergleich zu den Sechzigerjahren, wo noch 22,9 Kinder von tausend starben. Europaweit geht die Säuglingssterblichkeit seit Jahren zurück. Trotzdem könnten es noch weniger sein, wenn es Grossbritannien gelänge, zu Ländern wie Finnland oder Schweden aufzuschliessen, deren Säuglingssterblichkeit niedriger ist.

Sogar die Hochzeit musste abgeblasen werden

Ein Kind zu verlieren, sei eine Tragödie, die jeden treffen könne und weit weniger selten sei, als man denke, sagt der Sprecher der Stiftung, Lee Armitt. Was Mike Pollard aus Kent bestätigen kann. Er war über Social Media auf die Stiftung und das Fussballteam aufmerksam geworden und gründete dann zusammen mit anderen Männern eine neue Mannschaft in seiner Gegend, deren Kapitän er nun ist.

Seine Frau und er hatten schon mehrere Male ein Baby weit vor dem Geburtstermin verloren. Das erste starb in der zwölften Woche. «Das ist nicht selten», sagt er, «das konnten wir verkraften.» Dann war seine Frau mit eineiigen Zwillingen schwanger, erlitt aber in der 19. Woche einen septischen Schock. Die Jungs schafften es nicht, die Geburt wurde eingeleitet. Sie wurden tot geboren. Die dritte Schwangerschaft endete in der 24. Woche. Eine Woche später hatten Pollard und seine Frau eigentlich heiraten wollen. Aber die Klinik, wo man den Fötus vielleicht hätte retten können, war zu weit weg gewesen.

Der letzte Versuch endete im vergangenen Januar, wieder erfolglos. «Ich musste mit jemandem reden. Ich bin irre geworden», sagt er. «Meine Ehe stand auf der Kippe, und ich wollte nicht auch noch meine Frau verlieren.»

Nicht allein sein

Mike Pollard (34) ist TV-Produzent, nun sitzt er an diesem heiteren Samstagnachmittag in Kettering auf der Tribüne unter einem Sonnendach, seine Frau unterhält sich mit einigen Müttern. Er ist stolz auf sich und seine neuen Freunde. «Wir sind mittlerweile 28 Männer bei Sands United in Kent. Es geht bei uns um Fussball, aber nicht nur. Es geht vor allem darum, nicht allein zu sein mit den Fragen und der Trauer.»

Gefühle überhaupt zu zeigen, müssen viele der Männer erst mal lernen. Klar gebe es da viele Tabus, «harte Männer weinen nicht und so», erzählt Jack Brockmann (24). Er hat das Team in Kent zusammen mit Mike aufgebaut - Mike als Kapitän, Jack als Manager. Inzwischen sind sie Freunde.

Seine Tochter Florence wurde im Winter 2016 gezeugt, aber sie litt an einem multiplen Gendefekt. Herzfehler, nur eine Niere, eine Lunge. Bei etwa einem Dutzend Föten pro Jahr werde das in Grossbritannien diagnostiziert, sagten die Ärzte. Im März 2017 wurde Florence von einem Ärzteteam mehrmals operiert, aber sie hatte keine Chance. Sie starb nach drei Monaten. Seine Frau und er haben das Kind im Kältewagen mit nach Hause genommen.

Fussballspielen hilft

Natürlich, sagt er, gehe es auch darum, die Zahl der Totgeburten durch gute Vorsorge und bessere medizinische Versorgung zu senken. Die mittlerweile landesweit agierenden Teams von Sands United tragen dazu bei; die Einnahmen aller Spiele gehen an die Stiftung. «Wir helfen anderen», sagt Nick Gutteridge, «aber vor allem helfen wir uns selbst.» Nick ist rundlich, blond, kindlich, gerade erst 25 geworden. Er sei, sagt er, «ein anderer Mensch», seit er mit den Jungs Fussball spiele. «Das sagt auch meine Frau.»

Sein Sohn, Oscar, starb schon 2015. Seine Frau, erinnert er sich, sei damals irgendwie unruhig und nervös gewesen. «Da stimmt was nicht, hat sie gesagt.» Beim Ultraschall in der 26. Woche stellten die Ärzte eine sehr schwere Behinderung fest. Herzfehler, Arme und Beine nicht richtig ausgebildet, schlechte Prognose.

Nick weint jetzt. Sofort stehen zwei Spieler bei ihm, einer tätschelt sein Knie, einer klopft ihm auf die Schulter. «Wir haben noch zwei Kinder bekommen», sagt er. «Aber ich trage die Asche von Oscar immer bei mir.» Er holt eine Halskette mit Medaillon unter dem Trikot hervor. Auf dem Trikot steht: Oscar. Dann mag er nicht mehr weinen und nicht mehr reden. Nur noch Fussball spielen.

Erstellt: 02.08.2019, 20:31 Uhr

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