Wenn die Frau zur Tyrannin wird

Auch Männer sind immer wieder Opfer häuslicher Gewalt. Florian Gasser musste das 19 Jahre lang erdulden.

Nach langer Leidenszeit lässt er sich endlich scheiden: Florian Gasser. Foto: Robert Haas

Nach langer Leidenszeit lässt er sich endlich scheiden: Florian Gasser. Foto: Robert Haas

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Am Anfang war es die ganz grosse Liebe. Kennen gelernt hatte Florian Gasser* sie über einen Freund, der sagte, diese Frau sei nichts für ihn. «Ich war ruhig, sie war übertrieben, fröhlich, lebenslustig, das fand ich cool.» Er sei ihr Traummann, sagte sie, er sei perfekt. Nach fünf Tagen zogen sie zusammen, nach 101 Tagen fand die Hochzeit statt, in ganz kleinem Rahmen. Sie habe es so gewollt.

Eine Woche nach der Eheschliessung warf sie zum ersten Mal einen Teller nach ihm, so erzählt er es. «Ich dachte, jetzt gehts los, jetzt hab ich mal eine Temperamentvolle.» Worum es bei dem Streit ging, daran kann er sich heute nicht mehr erinnern. «Wir kannten uns noch nicht lange, wir hatten keinen Grund zum Streiten.»

Er fuhr damals zu seinen Eltern, und als deren Haus schon in Sichtweite war, zitierte sie ihn per SMS zurück. «Ich hätte weiterfahren sollen, dann hätte ich es jetzt leichter», sagt Florian Gasser. Aber er kehrte um. 19 Jahre ist das nun her. Viele Jahre später habe ihn mal jemand gefragt, wann er zum ersten Mal überlegt habe zu gehen. Er sagte: «Nach einer Woche.»

In der Schweiz sind rund 23 Prozent der Opfer, die in ihrer Partnerschaft Gewalt erleben, männlich.

Florian Gassers Geschichte handelt von ständiger Herabsetzung, von Kontrolle, von psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt. Dass seine Geschichte einst mit der grossen Liebe begonnen hat, sei typisch, sagt Sozialpädagogin Deborah Neuburger.

Dass es das gibt – häusliche Gewalt gegen Männer –, ist für manche nur schwer vorstellbar, aber statistisch ausgewiesen: Etwa 23 Prozent der Opfer, die in der Schweiz in ihrer Partnerschaft Gewalt erleben, sind laut Zahlen des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2017 männlich. Generell gibt es zu dieser Rollenverteilung in dysfunktionalen Beziehungen allerdings wenig Forschung – die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Dazu kommt, dass Betroffene sich aus Scham oftmals nicht trauen, darüber zu sprechen. Warum er das jetzt tue? «Weil es zu wenige tun», sagt Gasser.

Es hat lange gedauert, bis er verstand, wie ihm geschah. Bis er sein Problem ernst nehmen und sich jemandem anvertrauen konnte. Mittlerweile befinden sich seine Frau und er im Trennungsjahr. Gasser ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und wohnt nun in einer von Deborah Neuburgers Anlaufstelle eingerichteten anonymen Schutzwohnung.

«Blödes Grinsen aus den Gesichtern bekommen»

Neuburgers Ziel ist es, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und aufzuklären, auch in diesem Bereich eine Gleichberechtigung voranzutreiben, «das blöde Grinsen aus den Gesichtern zu bekommen». Das stelle sich nämlich nahezu jedes Mal ein, wenn sie jemandem von ihrem Engagement erzähle. Ein wenig belustigt, ein wenig ungläubig, ein wenig überfordert. Bekannte fragten dann gern: «Und deinem Mann gehts gut?» Ein Mann als Opfer, das können oder wollen sich viele nicht vorstellen, das passt nicht zur klassischen Rollenverteilung, die in vielen Köpfen herrscht. Stattdessen steht die unausgesprochene Frage im Raum: Kann der sich etwa nicht wehren? Gibt man bei Google «Männerschutz» ein, wird der Begriff durch «Mutterschutz» ersetzt.

Florian Gasser ist ein grosser, sportlicher Mann mit kleinen Fältchen um die Augen, 44 Jahre alt. Er trägt Jeans und Turnschuhe, wirkt selbstbewusst, spricht aber eher leise und antwortet recht knapp auf Fragen. Seine Frau habe sich nicht entschuldigt, als er damals zu ihr zurückfuhr. Von ihm aber habe sie fortan immer Entschuldigungen verlangt. Sie mussten stimmen, es musste die richtige Formulierung sein. Sonst habe sie gesagt: «Du meinst es nicht ernst.»

Oft sei sie wie umgedreht gewesen. An einem Tag lachte sie sich über einen Witz kaputt, in der Woche darauf flippte sie unvermittelt aus. «Normalerweise», sagt Florian Gasser, «kann man sich ja in einer Beziehung aufeinander einstellen.» Seine Frau aber sei unberechenbar gewesen.

Er will sein Leben wieder in die Hand nehmen: Florian Gasser. Foto: Robert Haas

Anfangs waren es meist verbale Beleidigungen, «oft auch vor anderen». Die Geschenke, die er ihr zu Beginn der Ehe jeden Monat machte, «zum kleinen Hochzeitstag», musste er zurückbringen, sie fand sie zu teuer. In dem Solarium, in dem sie arbeitete, beschimpfte sie ihn vor ihren Kollegen. In der Disco, in der beide nebenbei arbeiteten, herrschte sie ihn an, wenn er ein paar Worte mit einer Bekannten wechselte. Die Beziehung, sagt Gasser, habe sich immer falsch angefühlt. Doch er sei trotzdem geblieben. «Ich weiss nicht, warum.»

Die Kinder waren sicher ein wichtiger Grund, der eine Sohn ist heute 16, der andere vier Jahre alt. Florian Gasser sehnte sich nach einem harmonischen Familienleben. Vor fünf Jahren bauten sie ein Haus. Dass seine Frau ihn beleidigte, kleinmachte, provozierte und körperlich anging, wo es nur ging – irgendwie gewöhnte er sich wohl daran.

Schlafentzug als typische Methode

Ihre Eltern hat er nie kennen gelernt. Auch den Umgang mit seinen Eltern habe sie ihm untersagt, einige Jahre lang richtete er sich danach. Dass der gewalttätige Partner oder die Partnerin andere soziale Beziehungen kappt – auch das komme in solchen Partnerschaften häufig vor, sagt Deborah Neuburger. Bei Florian Gasser folgten die Vorwürfe; ständig habe seine Frau ihm Affären unterstellt. Damals begann die Kontrolle. Sie habe seinen Computer durchsucht, Mails gelesen, die Post kontrolliert und sein Online-Bankkonto. Zum Schluss habe sie ihn jede zweite Nacht nicht schlafen lassen.

Schlafentzug, auch das sei eine typische Methode von Täterinnen, weiss Sozialpädagogin Neuburger. Die vergangenen Jahre schlief er auf der Couch im Wohnzimmer, dort habe seine Frau bis nachts um zwei Uhr auf ihn eingeredet oder immer wieder das Licht angemacht. Sie zog ihn an den Haaren, spuckte ihn an, trat ihm in die Genitalien oder griff ihm an die Kehle. Und dann seien da noch die sexuellen Übergriffe gewesen. Als er Deborah Neuburger zum ersten Mal davon erzählte, sagte er nur: «Wenn sie was will, wird sie rabiat.» Die Sozialpädagogin erinnert sich noch gut, wie er ein paar Wochen später noch mal darauf zu sprechen kam und sagte: «Das war ja Vergewaltigung.»

Dass er in eine Schutzwohnung einziehen musste, habe sich wie ein Abstieg angefühlt, sagt Florian Gasser.

Im August 2016 verbrachte Gasser nach einer Herzoperation längere Zeit in der Reha. «Da hatte ich viel Zeit zum Überlegen und bin zum Schluss gekommen, dass ich das so nicht mehr mitmache.» Als er nach Hause kam, die Fassade des neuen Eigenheims war noch nicht fertig, habe sie ihn zusammengestaucht. Die Operation sei ihm gerade recht gekommen, so habe er nichts am Haus machen müssen. «Das hat mir die Luft abgedrückt.»

Es dauerte dann aber doch noch eine ganze Weile, bis er sich Ende 2017 Deborah Neuburger anvertraute. Gegenüber Freunden hatte er zuvor die Vorgänge immer heruntergespielt. «Da war es dann eben die blöde Kuh, die man zu Hause hat.» Viele Kontakte seien über die Jahre verloren gegangen; langsam baut er sie jetzt wieder auf. Nun also sprach er zum ersten Mal über seine Erfahrungen, versuchte Worte zu finden.

Dass er in eine Schutzwohnung einziehen musste, habe sich zunächst wie ein Abstieg angefühlt, sagt Florian Gasser. Deborah Neuburger erinnert sich noch gut an den Tag, als sie ihn abholte und in die Wohnung brachte, mit seinem Computer, seinen Kleidern, den wichtigsten Dokumenten. «Er war gebrochen, ein Wrack.» Zuletzt hatte seine Frau ihn dazu gebracht, zehn Tage lang in der Garage zu übernachten, zwischen Auto und Werkzeuglager, den Zugang zum gemeinsamen Haus verweigerte sie ihm. Deborah Neuburger zeigt ein Foto: eine Schlafcouch vor offenem Kofferraum.

Er wusste nicht mehr, was er glauben soll

In der Schutzwohnung kam Florian Gasser langsam zur Ruhe. Er zeigte seine Frau wegen körperlicher Gewalt an. Zugleich läuft nun ein Verfahren wegen der Kinder – Gasser will sie öfter sehen als nur jedes zweite Wochenende. Bei der Polizei habe er gute Erfahrungen gemacht, dort habe man ihn ernst genommen. Anders beim Jugendamt. Auch dort herrsche offenbar die Meinung vor, dass es das nicht geben könne, einen Mann als Opfer, sagt Deborah Neuburger. Zumal die Frau alles versuche, um die Dinge gegenteilig darzustellen.

Gaslighting – Gasbeleuchtung –, so nennt man diese Methode der Manipulation im Fachjargon. Benannt nach dem Theaterstück «Gas Light» des britischen Autors Patrick Hamilton, das durch die Verfilmungen «Gaslight» und «Das Haus der Lady Alquist» weltweit bekannt wurde. In dem Stück manipuliert der Protagonist seine Ehefrau über einen langen Zeitraum, indem er behauptet, Dinge nicht zu sehen, die sie wahrnimmt, unter anderem das Licht einer flackernden Gaslaterne. Schliesslich zweifelt die Frau an ihrer eigenen Wahrnehmung und wird beinahe wahnsinnig.

Irgendwann ging es auch Florian Gasser so: Er wusste selbst nicht mehr, was er glauben soll. Dazu kommt, dass die Gewalt von Frauen subtiler ist, Männer weniger Verletzungen davontragen. Dass sie nicht darüber reden, weil sie sich schämen, dass sie sich nicht gewehrt haben. Dass psychische Gewalt kaum nachweisbar ist. Doch Gewalt hat viele Formen. Sie beginnt nicht erst bei blauen Flecken.

Florian Gasser hofft nun, dass seine Scheidung schnell über die Bühne geht. Und dass er seine Kinder künftig wieder häufiger sehen darf. Er will sein Leben wieder in die Hand nehmen.

* Name von der Redaktion geändert

Erstellt: 25.04.2019, 20:37 Uhr

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