Zum Hauptinhalt springen

«Wenn ich gross bin, will ich israelische Soldaten entführen»

Kalaschnikows zerlegen statt Fussball spielen, Entführungen üben statt ums Lagerfeuer sitzen: Wenn palästinensische Kinder ins Sommerlager der al-Kuds-Brigaden gehen, lernen sie den Widerstand.

«Ein Soldat der Zukunft»: Ein palästinensischer Junge übt im Sommer-Camp in Rafah das Zielen und Schiessen. (12. Juni 2013)
«Ein Soldat der Zukunft»: Ein palästinensischer Junge übt im Sommer-Camp in Rafah das Zielen und Schiessen. (12. Juni 2013)
AFP
In den von den al-Quds-Brigaden organisierten Ferienlagern werden die Kinder auf den Widerstand vorbereitet. (12. Juni 2013)
In den von den al-Quds-Brigaden organisierten Ferienlagern werden die Kinder auf den Widerstand vorbereitet. (12. Juni 2013)
AFP
... Hindernisse überklettern und durch den Sand robben. (12. Juni 2013)
... Hindernisse überklettern und durch den Sand robben. (12. Juni 2013)
AFP
1 / 4

Jugendliche in den schwarzen Farben der radikalen Palästinensergruppe Islamischer Jihad simulieren die Entführung eines israelischen Soldaten. Dieser wird von einem schmächtigen Jungen in Originaluniform der israelischen Armee gespielt: Im Gazastreifen ist wieder die Zeit der Sommerlager. Und die islamistischen Gruppierungen überbieten sich darin, die Kinder im «Widerstand» zu trainieren. Die eigentlichen Machthaber von Gaza aber bemühen sich zur gleichen Zeit, den nun siebenmonatigen Waffenstillstand mit Israel in Kraft zu halten.

In Rafah, ganz im Süden des isolierten Küstenstreifens, nehmen an die hundert Kinder unter 16 Jahren zwei Wochen lang am Lager der al-Kuds-Brigaden teil, des bewaffneten Arms des Islamischen Jihad. Sie zerlegen Kalaschnikows, überklettern Hindernisse, überspringen brennende Reifen, kriechen unter Stacheldrahtverhauen, während um sie herum Detonationen zu hören sind und die Trainer scharf in den Sand schiessen.

«Wir lernen, uns zu wehren»

«Wenn ich gross bin, will ich al-Kuds-Brigadier werden und israelische Soldaten entführen», verkündet der zwölfjährige Ess, der auf einem heissen Sandhügel gerade noch den «Feind» spielte und von Guerilla-Lehrlingen überwältigt wurde. Vor den Sommerferien besuchte Ess eine Schule des Hilfswerks der Vereinten Nationen für die Palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA). Osama, einer seiner Kameraden mit einem Kalaschnikow-Gewehr, ergänzt: «Wir lernen, uns zu wehren, damit wir zur rechten Zeit bereit sind, dem zionistischen Feind zu widerstehen, der unser Land besetzt hält und uns tötet.»

Abu Chaled, Instrukteur der Brigaden, insistiert, es handele sich vor allem «um ein Pfadfinder-Ferienlager, das auch Kampf- und Kraftübungen enthält». Mit einer Kapuzenhaube bedeckt bestätigt der Leiter der Militärausbildung im Sommercamp, dass er in diesen Kindern durchaus die «Soldaten der Zukunft» sehe. «Wir wollen ihnen eine Kultur der Soldatenentführung einpflanzen, damit unsere Häftlinge niemals vergessen werden», sagt Chaled unter Verweis auf erfolgreiche Gefangenenfreipressungen in der Vergangenheit.

Psychologe ist alarmiert

Auch die den Gazastreifen kontrollierende islamistische Hamas eröffnete am Sonntag ihre Sommerlager, an denen einen Monat lang rund 100'000 Jungen und Mädchen zwischen zehn und 21 Jahren teilnehmen. In den Hamas-Camps nehmen «schöpferisches Gestalten und Spiele sowie Unterricht in religiöser Moral und nationaler Zeitgeschichte einen grösseren Raum ein», erläutert Organisator Mussa al-Samak. Aber auch hier gehörten «grundlegende Kampfsportarten» zum Programm, sagt Mohammed al-Schawa, Trainer im Flüchtlingslager Schati, das sich am Strand von Gaza-Stadt erstreckt.

Ein örtlicher Psychologe, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, kritisiert, dass «die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder gestört wird und hier alle internationalen Übereinkünfte zum Kinderschutz verletzt werden». Offenbar hätten dies aber einige Gruppierungen nötig: Als wollten sie sagen, «indem wir Kinder für den Kampf trainieren, setzen wir den Widerstand fort».

Hamas will Angriffe auf Israel verhindern

Denn seit Beginn des Waffenstillstands im November sind die Raketenangriffe auf Israel deutlich zurückgegangen. Palästinensische Medien und Augenzeugen berichten übereinstimmend, dass die Hamas eine 600 Mann starke Spezialtruppe entlang der Sperranlagen zu Israel postiert hat, um zu verhindern, dass der Islamische Jihad oder Salafistengruppen weiter über die Grenze feuern.

Schon seit die Hamas vor sechs Jahren die Kontrolle im Gazastreifen erkämpfte, wiederholt sich dort jeden Sommer der Wettbewerb zwischen den Ferienlagern der Islamistengruppen und den «Sommerspielen» der UNRWA. Obwohl die Angebote des Flüchtlingshilfswerks 2011 von rund 250'000 Kindern angenommen wurden, musste die UNO das Programm im vergangenen Jahr aus Finanznot absagen.

Dank einer Finanzierungszusage Finnlands konnte am 15. Juni immerhin ein reduziertes Angebot für 150'000 Teilnehmer starten. Und die UNO freut sich, dass Fussball, Drachenfliegen und andere hier friedliche Freiluftspiele «den Kindern, die in einer so rauen Umwelt leben müssen, wieder eine so willkommene Abwechslung bieten, die auch therapeutischen Wert hat».

AFP/fko

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch