Wenn schon 9-Jährige im Netz auf Pornos stossen

Eine Umfrage bei über 1000 Schweizer Schülerinnen und Schülern zeigt, wie stark sie im Internet Gefahren ausgesetzt sind.

Die Umfrage beweist: Es ist keine Ausnahmeerscheinung mehr, wenn Kinder und Jugendliche von Risiken im Internet betroffen sind. (iStock/Archiv)

Die Umfrage beweist: Es ist keine Ausnahmeerscheinung mehr, wenn Kinder und Jugendliche von Risiken im Internet betroffen sind. (iStock/Archiv)

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11-jährige Buben stossen beim Surfen im Internet plötzlich auf blutige Gewaltdarstellungen, junge Mädchen erhalten ungefragt Fotos mit sexuellen Darstellungen, werden von Unbekannten im Internet angemacht oder sie treffen sich mit Fremden, die sie im Netz kennengelernt haben. Die Gefahren, denen Kinder und Jugendliche im Internet ausgesetzt sind, nehmen zu, weil sie immer öfter und immer jünger im Web unterwegs sind.

Nun haben Forscher 1026 Schülerinnen und Schüler nach den Risiken und Chancen befragt, die sich aus ihrem Internetkonsum ergeben. An der Umfrage nahmen 9- bis 16-Jährige aus 67 Schulklassen in der deutschen und französischen Schweiz teil. Parallel dazu haben das auch Wissenschaftler in anderen europäischen Ländern gemacht.

Die Schweizer Resultate werden heute in der Studie «EU-Kids online Schweiz 2019» veröffentlicht. Erhoben wurden sie von der pädagogischen Hochschule Schwyz, unter Beteiligung der nationalen Plattform Jugend und Medien des Bundesamtes für Sozialversicherung.

Schon fast alltäglich

Die Umfrage zeigt: Es ist keine Ausnahmeerscheinung mehr, wenn Kinder und Jugendliche von Risiken im Internet betroffen sind. Es gehört mehr und mehr zu ihrem Alltag, dass sie problematischen Inhalten begegnen. Bei den 9- und 10-Jährigen ist es ein Viertel, bei den 11- und 12-Jährigen die Hälfte, die von solchen Erfahrungen berichten. Bei den 15- und 16-Jährigen hingegen 94 Prozent. Also praktisch alle.

Wichtig ist: Nicht alle Risiken erleben die Kinder auch als unangenehm. Manche sehen sie als Chance. So gibt ein Drittel der Befragten an, dass sie über das Internet schon einmal Kontakt mit Personen hatten, die sie nicht kannten. Es sind in den letzten Jahren immer wieder Fälle bekannt geworden, in denen Unbekannte Kinder zu Treffen lockten, um sie dann sexuell zu missbrauchen. Ein 10-jähriges Mädchen gab in der Umfrage an, es komme vor, dass «Menschen dir sagen, sie sind ein Kind in deinem Alter, was gar nicht stimmt und dann wollen sie, dass man zu ihnen nach Hause kommt».

Belastende Inhalte

Trotz dieser Gefahren geben 15 Prozent der Kinder an, dass sie sich auch schon mit Fremden getroffen haben. Sie schildern dabei aber mehrheitlich positive Erfahrungen. Es sei für sie ein Weg, neue Bekanntschaften zu machen, Jugendliche kennen zu lernen, die dieselben Hobbys pflegen. Doch 13 Prozent der Mädchen sagen, dass ein Treffen mit einer unbekannten Person «ein bisschen unangenehm» gewesen sei.

Jedes dritte Kind gibt in der Umfrage an, dass es im Internet in den letzten 12 Monaten eine negative Erfahrung gemacht hat. Das zeigt: Relativ viele Kinder und Jugendliche sind mit prekären Inhalten konfrontiert, die auch belastend sein können.

Besonders häufig treffen sie auf sexuelle Darstellungen. Jedes fünfte Kind im Alter von 11 oder 12 Jahren hat bereits solche Bilder gesehen, bei den 13-Jährigen ist es bereits jeder Zweite, bei den 15- und 16-Jährigen 69 Prozent. Mädchen und Knaben sind laut Umfrage gleichermassen betroffen, hingegen geben 37 Prozent der Jungs, die solche Bilder gesehen haben, an, dass sie sie auch sehen wollten. Bei den Mädchen sagen das nur 8 Prozent. Die Aussagen vieler Mädchen zeigen, dass sie ungewollt mit Pornografie in Kontakt kommen. Auf die Frage, was für sie im Internet störend sei, antwortete eine 14-Jährige: «Sachen wie Pornos und andere Dinge, die man nicht unbedingt sehen will.»

Die Schülerinnen und Schüler erhalten auch persönlich an sie gerichtete Nachrichten sexuellen Inhaltes. «Kinder und Jugendliche können auf diesem Weg in eine Kommunikation verwickelt werden, die nicht ihrem Entwicklungsstand entspricht oder bei der sie sich unwohl fühlen», schreibt der Studienautor Martin Hermida von der pädagogischen Hochschule Schwyz.

Fälle von Erpressungen

Im Durchschnitt gibt ein Viertel der befragten Kinder an, in den letzten 12 Monaten sexuelle Nachrichten, Fotos oder Videos im Internet erhalten zu haben. Betroffen waren 4 Prozent der 11- und 12-Jährigen, aber bereits 42 Prozent der 15- und 16-Jährigen. Ein 13-jähriges Mädchen notiert in der Umfrage: Sie fühle sich gestört, «wenn ich zum Beispiel game und dann schreibt mich einfach jemand an und fragt, ob ich single bin und wo ich wohne.»

10 Prozent der befragten Jugendlichen (15- bis 16-Jährige) haben im vergangenen Jahr auch selber sexuelle Nachrichten verschickt, 20 der 1026 befragten Kinder wurden mit Videos, Fotos oder Nachrichten sexuellen Inhalts auch schon erpresst.

Sehr oft kommen sie in Kontakt mit diskriminierenden, zum Teil hasserfüllten Nachrichten. Ein Viertel der Befragten wurde schon Ziel solcher Angriffe. 5 Prozent der Mädchen und Buben geben an, dass sie selber Cyberhate-Inhalte an andere geschickt haben.

Früh lernen, sich zu wehren

Die Forscher wollten von den Kindern zudem wissen, mit wem sie über negative Erfahrungen im Internet reden würden. Immerhin 28 Prozent gaben an, sie hätten den Eltern davon erzählt – oder ihren Freunden und Geschwistern. Doch jedes dritte Kind hat mit niemandem darüber gesprochen.

Die ebenfalls befragten Lehrerinnen und Lehrer der Klassen wünschen sich vermehrt Weiterbildung zu Themen wie Cybermobbing oder übermässiger Medienkonsum der Schüler.

Aus den Ergebnissen der Umfrage leitet Studienautor Hermida Empfehlungen für die Prävention ab. Es zeige sich, dass der Kontakt mit Risiken im Internet nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall sei. «Es ist deshalb wichtig, alle Kinder, in jedem Alter, zu befähigen, richtig mit Online-Risiken umzugehen. Es muss zum digitalen Allgemeinwissen gehören», sagt Hermida.

Die Kinder sollten vermehrt dazu ermuntert werden, über negative Erfahrungen zu sprechen, empfiehlt der Forscher. Sie müssten schon früh lernen, sich zu wehren, indem sie beispielsweise wüssten, wie man unangenehme Nachrichten entfernt, aufdringliche Kontakte blockiert und auf die eigene Datensicherheit achte. Wie die Umfrage zeige, wüssten das noch deutlich zu wenige Kinder, sagt der Studienleiter.

Erstellt: 23.05.2019, 09:30 Uhr

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