Wenn der Partner den Geschirrspüler falsch einräumt

Warum nach oben zeigendes Besteck und vollgepackte Körbe zu einer Beziehungskrise führen können – und wie man sie löst.

«Schweres Geschirr unten, zerbrechliches oben», sagt Aufräumexpertin Rita Schilke. Foto: Getty

«Schweres Geschirr unten, zerbrechliches oben», sagt Aufräumexpertin Rita Schilke. Foto: Getty

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 25. Juli 2019.

Der Anlass für den nächsten Streit wartet schon, und zwar im Inneren des Geschirrspülers. Tassen und Gläser stehen kreuz und quer im oberen Metallkorb, im unteren sind tiefe und flache Teller im Wechsel einsortiert, sodass auch ganz sicher kein Wassertropfen dazwischenpasst. In die Lücken hat jemand – wer wohl? – Bretter und Topfdeckel gequetscht und darüber ein Pastasieb gestülpt. Ganz oben balanciert eine ölige Salatschüssel. Das Besteck zeigt nach oben, also falsch herum.

Wer wissen möchte, wie es um seine Beziehung steht, sollte in den Rachen des Geschirrspülers blicken. Er konfrontiert seine Besitzer mit weitaus Schlimmerem als fettigen Tellern, nämlich mit ihren Befindlichkeiten. Das Ding muss nur die Klappe aufmachen und seinen Geschirrkorb ausfahren, schon werden aus Liebenden Bünzlis oder Chaoten oder noch Schlimmeres.

Weil die eine glaubt, ihr Anspruch auf Symmetrie verleihe ihr die Lizenz zum Nachbessern, räumt sie das Geschirr mit spitzen Fingern wichtigtuerisch nach eigenen Vorstellungen um. Der andere wirft Tassen, Teller, Töpfe so hinein, wie sie ihm gerade in die Hände kommen. Und verkündet dann noch verschnupft, dass auch mit seiner, nämlich keiner, Methode immer alles sauber geworden sei. Und wer beim Einräumen so einen Zirkus veranstalte, sei nur zu faul, beim Ausräumen zu sortieren.

Die Frage nach der richtigen Ordnung im Inneren einer Abwaschmaschine beschäftigt nicht nur Paare und Wohngemeinschaften, auch Haushaltsblogs und sonstige Ratgeber arbeiten sich daran ab. Zunächst also ein Anruf bei einer, die es wissen könnte: Aufräumexpertin Rita Schilke. Doch sie bleibt eher vage: «Schweres Geschirr unten, zerbrechliches oben. Der Rest ist Geschmackssache.»

Geht es ein bisschen genauer? Rainer Stamminger forscht am Lehrstuhl für Haushaltstechnik der Universität Bonn. Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Abwaschen. Doch der Professor muss passen: Ein wissenschaftlich bewährtes Vorgehen zum Einräumen von Geschirrspülern habe auch er nicht zu bieten. Ihm sei bewusst, dass das der These widerspreche, auf der seine Forschungen zu optimalen Abläufen im Haushalt basieren: dass es für jede Haushaltstätigkeit eine Möglichkeit geben muss, diese optimal zu verrichten. «Leider aber existieren in dem Bereich so viele Prozesse, dass wir noch nicht alle optimieren konnten.»

Die perfekte Methode des Einräumens existiert nicht

Wenn selbst die Wissenschaft versagt, wird man ja vielleicht mit gesundem Menschenverstand mit der Abwaschmaschine fertig – beziehungsweise mit Philosophie. Da wären zum Beispiel Kant und sein kategorischer Imperativ: Der Vordenker der Aufklärung war überzeugt, dass Handlungen nicht der persönlichen Neigung, sondern einem allgemeingültigen Gesetz zu folgen haben. So gesehen, müsste es doch möglich sein, einen Geschirrspüler nach einer Maxime zu befüllen, die alle zufriedenstellt. Oder nicht? Philosoph Jörg Bernardy winkt ab: «Wären alle Menschen vernunftbegabte Wesen, würde der kategorische Imperativ hier greifen.» Logik aber könne nun mal nicht das einzige Kriterium für das Befüllen einer Abwaschmaschine sein. «Sonst müsste das auch für den besten Sex, die perfekte Art der Kommunikation, die genialste Musik gelten.» Der Fehler sei, dass Kant stets einen Faktor ignoriert habe: die Emotionen. «Und die kommen nun mal immer dazwischen.»

Hilft jetzt nur noch Trennung – zumindest vom Geschirrspüler? Paartherapeut David Wilchfort scheint kein bisschen überrascht, dass man ihn wegen eines Elektrogeräts behelligt. «Ich höre immer öfter von diesem Meinungsunterschied. Das Thema hat den Klassiker mit der falsch ausgedrückten Zahnpastatube abgelöst.» Eines stellt Wilchfort gleich vorneweg klar: «Über die Methode, eine Spülmaschine einzuräumen, wird man sich ebenso wenig einigen wie über die Frage, ob die Suppe schmeckt.» Selbst der Hinweis «So steht es im Rezept» würde unterschiedliche Geschmäcker nicht zum gleichen Urteil bewegen.

Macht er das alles aus Faulheit? Oder weiss sie es nicht besser?

Die gute Nachricht: Im Gegensatz zur Frage, ob man gemeinsam nach Australien auswandern oder ein zweites Kind haben möchte, lasse sich das Problem auch dann lösen, wenn man unterschiedlicher Meinung sei. Und zwar mit einer positiven Grundhaltung. Wilchfort zufolge ist das Problem weniger, was genau der Partner macht. Das Problem ist die Vermutung, warum er es macht. Es geht also gar nicht darum, ob das Besteck nach oben oder nach unten zeigt. Sondern um das Motiv, das man dem anderen unterstellt: Faulheit, Kontrollzwang, Desinteresse, mangelnde Wertschätzung.

«Wenn sich beide vom anderen geschätzt fühlen, gehen sie eher davon aus, dass dem anderen auch ihr Wohlergehen wichtig ist», sagt der Paartherapeut. Dann suchten sie eher nach kreativen Lösungswegen. Etwa, dass kreuz und quer erlaubt ist, wenn es schnell gehen muss. Und ansonsten Sorgfalt vorgeht. «Wissen Sie, Verliebte streiten ja auch nicht. Sie lachen höchstens darüber, wie unterschiedlich sie sind.» Sollen sie lachen. Solange sie noch können.

Erstellt: 02.08.2019, 12:19 Uhr

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