Wer mit dem Partner ins Ausland zieht, gibt sein Leben auf

Der eine hat einen neuen, aufregenden Job, der andere leidet unter Langeweile – das erleben viele Paare, die zusammen ins Ausland ziehen. Drei Geschichten.

Sinnkrise im Ausland: Viele mitreisende Partner kennen das zermürbende Gefühl, keine Aufgabe zu haben. Foto: Getty Images

Sinnkrise im Ausland: Viele mitreisende Partner kennen das zermürbende Gefühl, keine Aufgabe zu haben. Foto: Getty Images

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Fast drei Jahre lebte die 35-jährige Deutsche Lisa D.* mit ihrem Mann in Mexiko-Stadt. Sie, die neugierig auf fremde Menschen und Kulturen ist, fühlt sich in Mexiko kraftlos. Zu Partys, zu denen ihr Mann eingeladen ist, kommt sie selten mit. Die Kinder lassen sich nicht gerne vom Kindermädchen ins Bett bringen. Ihr fehle ein Auftrag, schreibt sie. «Frei von allem» sei sie, und genau darin liege das Problem: das Privileg, das lähmt. Eine andere Frau antwortete in einem Kommentar unter dem Text, dass es ihr ähnlich ergehe, «dass es eben auch ein Stück Identität ist, das uns da genommen wird».

Das Leben im Ausland empfinden viele als bereichernd. Mehrere Jahre eine andere Kultur zu verstehen und eine Fremdsprache zu lernen, weitet den Horizont. Forscher haben festgestellt, dass Menschen, die einer grösseren Vielfalt kultureller Einflüsse ausgesetzt sind, kreativer und stärker in der Lösung von Problemen sind. In vielen Unternehmen gilt ein Auslandsposten zudem als Karriereschritt, weshalb viele eine Zeit lang als sogenannte Expats in anderen Ländern arbeiten. Die Stelle im Ausland bedeutet für den, der sie antritt, oft eine neue Herausforderung. Er gewinnt Kompetenzen und Selbstbewusstsein. Der mitreisende Partner dagegen gibt zunächst einmal viel auf: den eigenen Job, die Freunde – und vor allem seine Selbstbestimmung.

Die Expatmamas

«Dinge, die ich an Deutschland vermisse», listet Lisa D. 2016 in einem Blog-Beitrag auf. Sie sitzt am Computer in ihrem Haus mit grünem Garten in Mexiko-Stadt und schreibt über ihre Sehnsucht nach einem ganz normalen Bummel durch den Drogeriemarkt, nach deutscher Zuverlässigkeit, aber auch nach ihrem alten Selbstvertrauen. Ohne Sprachkenntnisse sind plötzlich sogar Anrufe beim Kinderarzt eine Herausforderung. Bore-out nennt sie, was sie in Mexiko erlebte: Das Wortspiel aus Burn-out und dem englischen Wort boredom, Langeweile, beschreibt das zermürbende Gefühl, keine Aufgabe zu haben, im goldenen Käfig gefangen zu sein.

«Ich kannte niemanden und hatte keine Ahnung, wie ich mit Neugeborenem hier jemanden kennen lerne.»Jonna Struwe, Gründerin Expatmamas

In Deutschland hat die studierte Sozialpädagogin einen Job und die Kinder gestemmt. Nun halfen ihr eine Nanny und eine Haushaltshilfe. «Ich war noch nicht mal eine richtige Hausfrau, auch da war ich überflüssig», erinnert sie sich. Bis sie ein Fernstudium begonnen hat, fehlte ihr etwas, sagt D. am Telefon. «Es gibt bestimmt Mütter, denen das reicht, mit den Kindern alleine zu sein, aber mir reichte es nicht.»

Die meisten Partner durchleben irgendwann eine Sinnkrise, weiss Jonna Struwe. Manche gerieten nur selten, etwa bei einem Glas Rotwein, ins Grübeln, andere haderten über Monate mit der Entscheidung. Die promovierte Politikwissenschaftlerin fühlte sich 2005 in einem kleinen Dorf zwischen Birmingham und London einsam und gründete das Netzwerk Expatmamas, wo Hunderte mitreisende Partner ihre Fragen loswerden oder sich einfach von Anekdoten anderer trösten lassen. Bis zum Umzug nach England hatte sie in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Jetzt sass sie mit neugeborenem Baby in England auf dem Land fest. «Ich kannte niemanden und hatte keine Ahnung, wie ich mit Neugeborenem hier jemanden kennen lerne», sagt die 46-Jährige heute.

«Anfangs hat man nur sich»: Politikwissenschaftlerin Jonna Struwe. Foto: Paige Morrison & Kin

Der Anfang war auch als Paar schwer: Jeder versuchte, in seinem Alltag zu bestehen, was viel Energie und Aufmerksamkeit kostete. Manchmal blieb wenig füreinander übrig. «Wie soll man dann noch zu zweit etwas unternehmen, wenn man kein soziales Umfeld hat und niemanden, der auf die Kinder aufpasst?» Allerdings schweisste die Situation das Paar auch zusammen. «Anfangs hat man ja nur sich», sagt Struwe. Als mitreisender Partner sei man gezwungen, selbstlos zu sein; dabei hält Struwe das für kein gutes Motiv, um dem Partner ins Ausland zu folgen. Jeder sollte sich selbst verwirklichen können. Trotzdem ist sie vor kurzem wieder mitgegangen, als die Firma ihren Mann erneut ins Ausland schickte, diesmal nach Atlanta, USA: «Wenn der andere jahrelang auf diese Gelegenheit wartet, kann man nicht sagen: Mach das nicht.»

Kann man das wirklich nicht? Während früher klar war, dass die Frau dem Mann folgt und ihn unterstützt, sind die Rollen heute nicht mehr so eindeutig verteilt. Laut einer Umfrage des Netzwerks Internations unter 14’400 Expats aus 170 Ländern sind zwar immer noch mehr als 80 Prozent der begleitenden Partner Frauen, aber es ist nicht mehr so selbstverständlich, dass Frauen mitgehen. Wer steckt für den anderen zurück? Auf diese Fragen gibt es keine vorgegebenen Antworten mehr. Paare können sie nur in intensiver Diskussion für sich selbst beantworten.

Bewerbungstrainings, Tanz- und Kochkurse

Manchmal folgt dann auch der Mann der Frau. Tobias Jungwirth, 31, etwa kündigte seine Stelle als Ingenieur und Instandhaltungsleiter, um in China Hausmann zu sein. Seine Freundin sollte für einen deutschen Autokonzern zwei Jahre nach Peking gehen und dort ein neues Werk aufbauen – ein wichtiger Karriereschritt mit Verantwortung. Jahrelang hatten sie eine Fern- und Wochenendbeziehung geführt, zuletzt gerade begonnen, eine gemeinsame Wohnung in Stuttgart zu suchen. Nun wollten sie trotzdem zusammenziehen.

Wenn die Familie zufrieden ist, liefern auch die Mitarbeiter bessere Arbeit ab.

Zu zweit leben sie seit Mai in einem 100-Quadratmeter-Apartment mit Gästezimmer. In dem Haus mit Pool und Fitnessstudio wohnen auf dreissig Stockwerken Expats und Chinesen. Tagsüber trifft er sich oft mit anderen mitgereisten Partnern, zumeist Frauen. Er ist die Ausnahme. «Viele haben schon Kinder oder bekommen gerade welche.» Er gehe zwar gerne zu den Treffen. «Aber ich habe eben andere Themen als junge Mütter», sagt er. Ein einziger anderer Mann sei in den Reihen der «Spouses» – ein Glücksfall für ihn.

Die ersten vier Monate in Peking hat er die «Ruhe im Kopf» genossen, nichts zu müssen, keine Perspektive zu haben. Doch schleichend stellt sich Langeweile ein. Er will beschäftigt bleiben, sich weiterbilden, widmet sich seit einiger Zeit wieder dem Programmieren. Wenn alles klappt, tritt er im Januar eine Stelle im selben Unternehmen an wie seine Freundin. Vermittelt wurde sie ihm allerdings nicht: Die Firma ermöglicht dem mitreisenden Partner zwar 150 Stunden Sprachkurs, doch Hilfe, um im fremden Land eine Arbeit zu finden, die zur eigenen Karriere passt, gibt es kaum. Stattdessen: Bewerbungstrainings, Tanz- und Kochkurse.

Eine Weile genoss er die «Ruhe im Kopf»: Ingenieur Tobias Jungwirth. Foto: zvg

Dabei wären Unternehmen gut beraten, sich intensiv um die Partner ihrer im Ausland tätigen Mitarbeiter zu kümmern. Wenn die Familie zufrieden ist, liefern auch die Mitarbeiter bessere Arbeit ab, wie Studien zeigen. Dem amerikanischen «Global Relocation Trend Survey Report» zufolge halfen 2019 knapp zwei Drittel der Unternehmen in den USA deshalb mitreisenden Partnern bei der Arbeitssuche – 2005 waren es gerade einmal 24 Prozent.

Tobias Jungwirth hat sich vorgenommen: Bloss nicht stundenlang Netflix schauen und ausschlafen.

Für die USA hat die Firma ihres Mannes Expatmama-Gründerin Jonna Struwe einen Englischkurs und eine einmalige Pauschalzahlung angeboten, mit der sie sich fortbilden kann – nicht viel mehr also als 15 Jahre zuvor in England, aber es ist ein Puffer, der ihre finanziellen Einbussen abfedern soll. Vielleicht wird sie diesmal mit den Kindern nach einem Jahr zurückkehren, damit die grosse Tochter sich auf ihr Abitur vorbereiten kann. Struwe will ihren Mann unterstützen und trotzdem den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht werden.

Tobias Jungwirth folgt in Peking einer festen Routine, um nicht in Lethargie zu verfallen. Morgens steht er mit seiner Freundin auf, kümmert sich um den Haushalt und geht einkaufen. Bloss nicht stundenlang Netflix schauen und ausschlafen, hat er sich vorgenommen. Dass ihm die Zeit als Hausmann eine Lücke in den Lebenslauf reisst, befürchtet der Ingenieur nicht: Seit seiner Ausbildung hat er bereits mehr als 15 Jahre Berufserfahrung gesammelt, der Mut zum Aufbruch in die Fremde könnte ihm positiv angerechnet werden, glaubt er. Seine Freunde und sogar sein Chef ermutigten ihn, den Schritt zu gehen.

«Das werde ich den Kindern nicht mehr antun»

Obwohl sie die Gelassenheit der Mexikaner und deren freundliche, offene Art schätzte, brachten die drei Jahre Lisa D. an ihre Grenzen. Gerade ist die Familie nach Europa gezogen. Das Leben dort fällt ihr leichter: Ohne Zeitverschiebung kann sie einfacher mit Freunden in Deutschland telefonieren, sie kann mehr zu Fuss oder mit dem Fahrrad erledigen, muss sich nicht auf dem Spielplatz sorgen, ob die Kinder noch da sind. In Mexiko erfuhr sie immer wieder, dass Bekannte im Taxi ausgeraubt oder Läden in der Nähe überfallen worden waren.

Der Umzug war stressig, vor allem für die drei Töchter, die acht, sieben und vier Jahre alt sind. Zwei Monate haben sie auf den Container gewartet und aus Koffern gelebt. Sie und ihr Mann haben vereinbart, dass sie mit den Kindern in Berlin oder zumindest in Europa bleiben wird, bis sie ihren Schulabschluss machen. Der Umzug von Mexiko-Stadt, der Verlust der Freunde – «das werde ich den Kindern nicht mehr antun», sagt sie. Nicht den Kindern und wohl auch nicht sich selbst. Über ihren Blog fand Lisa D. Kontakt zu anderen in der gleichen Situation. Sie verstand, dass es vielen so geht. «Und dass ich nicht völlig bekloppt bin.»

* Name von der Redaktion geändert

Erstellt: 11.10.2019, 11:50 Uhr

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