«Wer sagt, dass ich nicht reich bin?»

Als Moderatorin zweier SRF-Wirtschaftsformate muss Patrizia Laeri häufig Fragen zum Geld beantworten. Vor allem in Finanzkrisen, sagt sie im Interview.

«Ich bin pragmatisch und idealistisch, aber nicht ideologisch», sagt SRF-Moderatorin Patrizia Laeri. Foto: Samuel Schalch

«Ich bin pragmatisch und idealistisch, aber nicht ideologisch», sagt SRF-Moderatorin Patrizia Laeri. Foto: Samuel Schalch

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Es gibt in der Schweiz wohl niemanden, der den Leuten das Thema Geld so nahe bringt wie Sie. Was wissen Sie über die Beziehung der Schweizer zum Geld?
Sie reden nicht gerne darüber, es ist immer noch ein Tabuthema. Aber ich setze auf die neue Generation. Auf die Millennials und jungen Frauen, die dafür kämpfen, dass zum Beispiel Löhne transparenter werden. Es gibt inzwischen viele Mitarbeiterbewertungs-Portale. Da kann man die Löhne einsehen. Und auch Start-ups zeigen auf ihrer Website an, welche Löhne sie zahlen und wie diese zustande kommen. Die USA sind schon weiter. Aber auch bei uns wird ein grosser Wandel kommen.

Das Tabuthema Geld bröckelt?
Das Tabu ist immer noch stark. Studien zeigen, dass sogar viele Eltern Mühe haben, mit ihren Kindern über Geld zu reden. Die Schweizer und Schweizerinnen sind sehr diskret, auch wegen ihrer Historie mit dem Schweizer Bankgeheimnis. Bei uns protzt man nicht, stellt den Reichtum nicht zur Schau.

Haben Sie zu Hause über Geld gesprochen?
Meine Mutter kam aus sehr armen Verhältnissen, darüber hat sie viel erzählt. Zu Weihnachten haben sie und ihre Geschwister Spielsachen aus einem Schweizer Katalog geschnitten, auf Packpapier geklebt und einander geschenkt. Meine Eltern sind aber nie dem Geld nachgerannt.

Ihre Beschäftigung mit Geld war also nicht schon in Ihrer Kindheit angelegt?
Meine Mutter sagte mir schon: «Mach du etwas Sicheres, etwas Rechtes. Geh zur Bank!» Gerade diesen Ratschlag werden die Eltern heute ihren Kindern sicher nicht mehr geben. Die Branche baut ständig ab, wie kürzlich die Deutsche Bank, wo 18'000 Arbeitsplätze gestrichen wurden. Eine Branche, die auch keine besonderen Sympathien geniesst.

Warum nicht?
Mit der Finanzkrise hat das Image der Banken extrem gelitten, und seither haben sie nicht wieder zur alten Stärke zurückgefunden.

«Je schlimmer eine Situation, desto grösser der Erklärungsbedarf»: Moderatorin Patricia Laeri. Foto: Patric Spahni (BOM)

Spüren Sie das als Moderatorin einer Börsen- und Wirtschaftssendung, wenn die eigene Branche an Ansehen verliert?
Wir Journalistinnen sind natürlich Krisenprofiteure. Je schlimmer eine Situation ist, desto grösser ist der Erklärungsbedarf. Am meisten hatte ich zu tun während der Finanz- und Eurokrise, als der Grexit von Griechenland diskutiert wurde. Wir mussten erklären, wie es zu solch irrationalen Übertreibungen kommt, zu diesen Blasen, die platzen. Das finde ich spannend. Deshalb hat es mich in den Journalismus gezogen: Ich beendete mein Wirtschaftsstudium mitten in der Dotcom-Krise. Viele Firmen hatten Einstellungsstopps, man fand eigentlich keinen Job in der Wirtschaft. Aber die Medien suchten Leute, welche die Krise einordnen konnten.

Kann man so etwas Komplexes wie die Börse überhaupt erklären?
So komplex ist das gar nicht. Die Börse ist seit langem digitalisiert und programmiert und funktioniert wie eine Tauschbörse: Angebot und Nachfrage bestimmen schliesslich den Preis.

«Ein Merkmal von Finanzkrisen ist, dass die Reichen vor einem Ausbruch immer weniger beitragen mussten.»

Hat aber nicht gerade die Finanzkrise gezeigt, dass unser Einfluss immer kleiner wird und der Algorithmus ­übernimmt? Wie erklärt man etwas, das sich nicht mehr erfassen lässt?
Dass gewisse Faktoren in einem System programmiert sind, bedeutet, dass diese von Menschen festgelegt worden sind. Aber kein Mensch oder System kann an der Börse Crashs zuverlässig voraussagen. Psychologie und Politik spielen immer auch eine Rolle. Das sieht man auch daran, dass heute die Hälfte der Banken rät, nicht mehr gross in Aktien zu investieren, und die andere Hälfte sagt, doch, doch, investieren! Für mich ist es wichtig, den Leuten die grossen Grundsätze zu erklären. Die Basics: Nicht alles auf eine Karte zu setzen, also nicht alles in Bitcoins investieren.

Wollen Menschen Tipps von Ihnen?
Ab und zu im Tram oder im Supermarkt kommt jemand und fragt: «Wie geht es jetzt weiter an der Börse, Frau Laeri?» Es sind vor allem ältere Leute, die solche Entwicklungen mehr betreffen, weil sie durch die AHV und die Pensionskasse Geld angehäuft haben. Mittlerweile bekommt man auf Aktienmärkten mehr Geld als auf dem Sparkonto, weil es keine Zinsen mehr gibt. Junge Generationen kennen das Prinzip der Zinsen gar nicht mehr, oder nur aus der Theorie.

Die Logik des Geldes hat sich verkehrt.
Ja, und die Wissenschaft hinkt hinterher. Diese Modelle haben wir in den Schulen und an der Uni nicht gelernt. Solche Anomalien gab es bisher ja auch noch nie, und es sieht so aus, als würde es lange bei diesen Tiefzinsen bleiben.

Wenn man so viel über Geld weiss wie Sie, müsste man dann nicht schon längst reich sein?
Wer sagt, dass ich es nicht bin? (lacht) Beim SRF gibt es klare Leitlinien, in denen steht, dass wir nicht in Einzelaktien investieren dürfen. Das könnte kursbewegend sein, gerade bei KMU, je nachdem, wie wir über sie berichten. Auf dem Weltmarkt darf ich aber investieren.

Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Es wurde wichtig, als ich Kinder bekam. Davor reicht es für einen allein ja immer. Als Mittelstandsfamilie merkt man plötzlich, wie teuer das Leben mit Kindern ist. In der Schweiz haben wir das teuerste Betreuungsmodell. Mein Mann und ich arbeiten Vollzeit, und würde meine Mutter nicht auf die Kinder aufpassen, müssten wir etwa 6000 Franken pro Monat für die Betreuung unserer beiden Söhne bezahlen. Ich finde es schade, dass mit dem Schweizer System falsche Anreize geschaffen werden: Meistens ist es die Frau, die weniger verdient als der Mann. Deswegen bleibt sie zu Hause, weil das günstiger ist.

Sie haben oft mit vermögenden CEOs zu tun. Was ist ihnen gemeinsam?
Diese Wallstreet-Reports, die zeigen wollen, wie die «Reichen ticken», finde ich etwas oberflächlich. Es gibt mehr und mehr Reiche, die auf Impact-Investment setzen, also mit ihrem Geld die Welt verbessern möchten. Und eine junge Generation von Investorinnen und Investoren hat ein grösseres Interesse daran, nachhaltig zu investieren.

Patricia Laeri: «Meine Haltungen sind gesellschaftlich breit abgestützt.» Foto: SRF

Also verdirbt Geld den Charakter nicht?
Es liegt doch an jedem einzelnen Menschen, ob er sich verderben lässt.

Darf man von den Reichen erwarten, dass sie etwas zurückgeben?
Ich finde schon. Wo es hinführt, wenn man den Solidargedanken aus einer Gesellschaft verbannt, sieht man in San Francisco. Die Stadt hat ein riesiges Problem mit Drogen und Obdachlosen – gleichzeitig irrsinnig hohe Mietpreise wegen der vielen Millionäre aus dem Silicon Valley. Die Leute scheinen das zu akzeptieren. Solche Zustände gibt es im Europa der sozialen Marktwirtschaft zum Glück noch nicht.

Sollten Reiche mehr Steuern zahlen?
Es braucht einfach eine saubere Progression. Es ist ein Merkmal von Finanzkrisen, dass die Reichen vor einem Ausbruch der Krise immer weniger beitragen mussten. Ein besseres Argument für eine progressive Steuer gibt es kaum. Es ist ja auch nicht so, dass all der Reichtum selber erarbeitet wurde, wie es so oft heisst. Es gibt Leute wie Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos – doch die sind die Ausnahme. Der meiste Reichtum weltweit ist immer noch geerbt.

Dass Sie sich so klar politisch äussern – ist das kein Problem für die SRG?
Ich äussere mich ja nicht parteipolitisch – das wäre ein Problem. Ich bin pragmatisch und idealistisch, aber nicht ideologisch. Meine Haltungen sind gesellschaftlich breit abgestützt. Oder kennen Sie eine Partei, die gegen Gleichberechtigung und gegen Frauen wäre?

In einer Kolumne erklärten Sie, dass Sie nicht mehr bei Zalando bestellen, weil die Chefs keine Frauen in der Geschäftsleitung wollen.
Ich wollte ein Zeichen setzen. Zalandos Kunden sind zu 90 Prozent Frauen, und ich finde, sie müssen wissen, dass Zalando null Prozent Frauen in der Geschäftsleitung will und das im Geschäftsbericht festschreibt.

Wie hat Zalando reagiert?
In einem Gespräch sagten sie mir, dass sie in diesem Punkt Aufholbedarf hätten. Für Unternehmen ist es natürlich wichtig, dass sie ihr Image wahren.

Geld verweigern ist unsere letzte Form des Widerstands?
Ja, als Konsumenten können wir darauf achten, welche Firmen unsere Werte teilen und wo wir einkaufen möchten. Solch nachhaltiges Konsumieren ist unsere Macht.

Erstellt: 18.07.2019, 20:44 Uhr

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Sie erklärt der Schweiz das Geld

Patrizia Laeri ist Wirtschaftsredaktorin und gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Schweizer Medienlandschaft. Nach dem Wirtschaftsstudium hat sich Laeri beim Schweizer Radio und Fernsehen zur Journalistin ausbilden lassen. Seit 2007
ist sie als Produzentin und Moderatorin der Sendung «SRF Börse» tätig, seit 2016 moderiert sie zusätzlich das wöchentliche Wirtschaftsmagazin «Eco». Regelmässig berichtet Laeri vom WEF in Davos. In ihrer «Blick»-Kolumne #aufbruch äussert sie sich immer wieder gesellschaftspolitisch. Die 42-Jährige lebt mit ihrer Familie in Männedorf. (red)

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