Werden wir bald wie Maschinen sein?

Gedanken zu bestehenden und sich weiter vermischenden Verhältnissen zwischen Mensch und Maschine.

Welche Vorstellungen vom fliessenden Verkehr setzen sich durch? Die VBZ stellt das selbstfahrende Fahrzeug Self-E vor. Foto: Reto Oeschger

Welche Vorstellungen vom fliessenden Verkehr setzen sich durch? Die VBZ stellt das selbstfahrende Fahrzeug Self-E vor. Foto: Reto Oeschger

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KI-Nerds prophezeien, dass ihre lern­fähigen Maschinen die Menschen punkto Intelligenz, Effizienz, Kreativität usw. bald überflügeln werden und uns Menschen als so etwas wie Haustiere halten. Könnten diese Maschinen auch menschliche Gefühle entwickeln? Oder werden sich die Menschen bald wie Maschinen verhalten?
P. S.

Lieber Herr S.
Auch bei den K(ünstliche)-I(ntelligenz)-Nerds gehört Klappern zum Handwerk – in diesem Fall besteht das Klappern aus den dystopischen Visionen von den Menschen als den Schosshündchen der Superroboter. Bis es so weit kommt, dürften allerdings noch einige Megabytes durch die Halbleiter fliessen.

Nun aber zu Ihren zwei Fragen. Ich beginne mit der letzten: Ich glaube nicht, dass wir vor der Frage stehen, ob die Maschinen nun immer menschenähnlicher oder die Menschen immer mehr wie Maschinen werden (sollen). Es gibt keinen Vorrang des einen Prozesses vor dem anderen. So, wie heute schon Menschen Teile von Maschinen sind (denken Sie an die Fliessbänder und Charlie Chaplins Film «Modern Times»), sind Maschinen Teile von Menschen (z. B. Herzschrittmacher). Eingabegeräte wie Tastaturen richten sich nach ergonomischen Gesichtspunkten; andererseits trainieren sich die Menschen Fähigkeiten an, die der optimalen Anpassung an die Maschinenerfordernisse dienen. Heutzutage lernen die meisten Jugendlichen das sogenannte Maschinenschreiben in der Schule.

Zwischen Maschinen und Menschen bestehen Verhältnisse von Durchdringung, Angleichung, Vermischung und Verschränkung. Und diese Verhältnisse werden sich weiter vermischen. Die alte Weisheit, dass ein Computer nur das ausspuckt, womit man ihn zuvor ge­füttert hat («Harry, jag die Daten mal durch unseren Computer!»), ist bei der Generation der HP-Taschenrechner stehen geblieben.

Und damit zu Ihrer ersten Frage: Eine heutige Konversation mit Siri oder Alexa bestärkt einen nicht gerade in der Vorstellung, dass KI, mit der man reden kann wie mit einem Menschen, in naher Zukunft verwirklicht sein wird. Andererseits sind die Fortschritte z. B. bei «intelligenten» Diagnosesystemen und fahrerlosen Autos mit lernender Software immens. Es könnte sein, dass sich der menschliche Faktor in den meisten Bereichen als grundsätzlich fehleranfälliger erweisen könnte als der lernender Algorithmen.

Nun wirds lustig oder auch gfürchig.

Das macht die Maschinen allerdings nicht menschenähnlicher. Im Gegenteil. Man könnte sich vorstellen, dass fahrerlose Autos auf deutschen Autobahnen mit der Zeit eine algorithmisch als vernünftig erkannte Höchstgeschwindigkeit durchsetzen, für die es keine politische Mehrheit gibt.

Nun wirds lustig oder auch gfürchig. Nämlich bei der Frage, ob für alle Autos grundsätzlich ein Superalgorithmus gelten muss oder ob sich ein paar Algorithmen vielleicht selbstständig machen, weil sie andere Vorstellungen vom fliessenden Verkehr entwickeln. Was wir dann brauchen, ist das, was Bruno Latour ein «Parlament der Dinge» genannt hat – in dem die Interessen sowohl menschlicher als auch nicht menschlicher Wesen verhandelt werden.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2018, 16:38 Uhr

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