Wer war Daphne Caruana Galizia?

Ihre Feinde, ihre Unterstützer, ihre Recherchen: So lebte die maltesische Journalistin – bis sie von einer Autobombe aus dem Leben gerissen wurde.

Geliebt und gehasst: Eine Frau erinnert mit einem Foto von Daphne Caruana Galizia an deren Tod am 16. Oktober 2017. Foto: Reuters

Geliebt und gehasst: Eine Frau erinnert mit einem Foto von Daphne Caruana Galizia an deren Tod am 16. Oktober 2017. Foto: Reuters

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Am frühen Nachmittag des 16. Oktober 2017 sitzt eine Frau an ihrem Küchentisch in Bidnija, einem kleinen Dorf im Norden von Malta, und weiss nicht, dass sie gerade ihre letzten Worte schreibt. «Wohin man heute blickt, überall sitzen Gauner. Die Zeiten sind hoffnungslos», tippt sie in ihren Laptop, drückt auf «Veröffentlichen» und lädt den Text auf ihrem Blog hoch. Sie verlässt ihr Haus, kehrt noch einmal um, weil sie etwas vergessen hat. Dann steigt sie in ihren gemieteten weissen Peugeot 108.

Daphne Caruana Galizia ist diesen Weg viele Male gefahren, sie wohnt schon seit Ewigkeiten in dem kleinen Dorf auf dem Hügel, von dem man so gut über die Felder vor der Stadt Mosta blicken kann. Ein paar Minuten nachdem sie ihren Wagen angelassen hat, drückt George Degiorgio auf einem Boot vor der Küste auf «Senden». Zumindest ist das die Version der Polizei. Eine Bombe zerreisst den weissen Peugeot auf der Strasse von Bidnija nach Mosta.

Reste eines Infernos: Kriminaltechniker untersuchen die Stelle des Anschlags. Foto: Reuters

Das Auto wird weit in ein Feld geschleudert, die Fahrerin ist sofort tot. Die Detonation ist überall in Bidnija zu hören. Daphnes Sohn Matthew (31) rennt aus dem Haus zum Feld, wo das Auto zum Liegen gekommen ist. Es gibt von ihm schreckliche Fotos von diesem Tag, wie er fassungslos vor Wut und Verzweiflung zwischen den Sicherheitsbeamten steht.

«Ich bin durch das Inferno auf dem Feld gerannt, habe nach einer Möglichkeit gesucht, die Wagentür zu öffnen, habe Polizisten angeschrien, die mit einem Feuerlöscher auftauchten. Ich werde das mein ganzes Leben lang nicht vergessen können», schreibt er später auf Facebook.

Schilder gegen das Vergessen

Auch Monate nach dem Attentat ist die Stelle im Feld vor Bidnija, wo die Strasse eine Kurve macht, kahl gebrannt. Ein grosses Transparent fordert «Justice», Blumen verwelken und werden wieder durch frische ersetzt. Menschen stellen Kerzen auf und legen Schilder mit dem Versprechen ab, die Frau, die hier mit 53 Jahren starb, nie zu vergessen. Der Mord an der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia hat sich nicht nur in das Feld vor Bidnija gebrannt, sondern auch tief in die maltesische Gesellschaft.

«Ich hab eine SMS von einem Informanten bekommen, in Bidnija sei eine Bombe explodiert. Mein einziger Gedanke war sofort: Daphne», erinnert sich Matthew Xuereb, Nachrichtenchef bei der Tageszeitung «Times of Malta». Der Name des 300-Seelen-Orts Bidnija ist auf Malta untrennbar mit seiner berühmtesten Bewohnerin verbunden.

Maltas bekannteste Journalistin ist tot: Die Bombe explodierte beim Start des Autos. (Video: Tamedia / Storful)

Eine Schockwelle geht durch den kleinen Staat im Mittelmeer. Bei der Beerdigung der Journalistin in Mosta säumen Hunderte Menschen die Strasse, an einer Demonstration in Valletta nehmen Tausende Bürger teil.

Aber andere feiern die Tat, posten auf Facebook, Daphne Caruana Galizia habe bekommen, was sie verdiente. Die Journalistin war eine der kontroversesten Personen Maltas. Joseph Muscat, der Premierminister, den Caruana Galizia so konsequent attackiert hatte wie kaum jemand anderen, tritt anderthalb Stunden nach der Nachricht vor die Presse und schwört, nicht zu ruhen, bis der Mord aufgeklärt ist. Nicht alle nehmen ihm die Bestürzung ab.

Viele Malteser liebten sie und wohl ebenso viele hassten sie abgrundtief: Die Anschlagsstelle acht Monate nach dem Tod von Caruana Galizia. Foto: Reuters

Malta ist der Mitgliedstaat der EU mit den wenigsten Einwohnern. Auf 316 Quadratkilometern wohnen knapp 400'000 Menschen. Offiziell hat Malta keine grössere Stadt, aber das täuscht ein wenig: Der Nordosten der Hauptinsel ist ein einziger Vorort der Hauptstadt Valletta. Ein urbaner Raum, in dem sich zwei-, maximal dreistöckige Gebäude aneinanderreihen und man den Wechsel in eine andere Gemeinde nur auf der Landkarte bemerkt. Das ist das Malta, wo alles kompliziert ist, über Ecken jeder jeden kennt und die Menschen zu allem Überfluss oft auch noch dieselben Nachnamen tragen.

Wenn man drei Monate nach Daphne Caruana Galizias Ermordung durch die Strassen geht, fallen einem irgendwann die Graffitis auf, die überall nach Aufklärung rufen. «Man kann uns nicht zum Schweigen bringen», steht auf einer Mauer an einer viel befahrenen Strasse. Das Leben geht weiter, doch der Mord an der berühmtesten Journalistin des Landes hat die Malteser aufgewühlt.

Caruana Galizia hatte eine so herausragende Stellung, dass es schwierig war, keine Meinung zu ihr zu haben. Mit vielen Menschen kann man nur anonym reden, mit anderen gar nicht. Die Familie Caruana Galizia hat entschieden, keine Interviews zu geben. «Wenn man irgendwann die Geschichte Maltas der letzten Jahre aufschreibt, wird man das nicht tun können, ohne über Daphne zu reden», sagt Joseph Borg, Lektor an der University of Malta und Spezialist für Maltas Medienlandschaft. Egal wie man zu ihr stand, man musste Caruana Galizias Texte lesen, um das komplette Bild zu haben.

Doch wer war die Frau, die Malta so geprägt hat? Die so viele Skandale aufdeckte wie keine Zweite? Die vom Magazin «Politico» 2017 zu einer der 28 Personen gekürt wurde, die Europa «formen, aufrütteln und umrühren»? Die so viele Malteser liebten und wohl ebenso viele abgrundtief hassten?

«Wohin man heute blickt, überall sitzen Gauner. Die Zeiten sind hoffnungslos»: Die letzten Worte, die Caruana Galizia getippt hat, verewigt als Graffiti. Foto: Reuters

Am 22. Februar 2016, anderthalb Jahre vor ihrem Tod, postet Daphne Caruana Galizia an ihrem Küchentisch, der auch ihr Arbeitsplatz ist, auf ihrem Blog «Running Commentary» einen ersten, kryptischen Hinweis, dass bald die Hölle losbrechen werde: Am Ostersonntag esse man traditionell Lamm. Konrad Mizzi, damals Superminister für Energie und Gesundheit, werde seines aus Neuseeland bekommen. Mehr könne sie noch nicht sagen. Es ist der kleine Vorbote eines riesigen Skandals. Daphne Caruana Galizia ist die Journalistin, die den maltesischen Teil der «Panama Papers» bearbeitete, die im Frühjahr 2016 weltweit die Politik und Finanzwelt erschütterten.

Die «Panama Papers»

Malta ist eins der Länder, in denen sich Namen von Regierungsmitgliedern in den «Panama Papers» fanden: Keith Schembri, Stabschef von Ministerpräsident Muscat, und Konrad Mizzi, der Superminister, setzten Firmen und Trusts in Panama und Neuseeland auf. Zehntausende gehen daraufhin in Malta auf die Strasse. Premier Muscat verspricht Aufklärung, Rücktritte gibt es nicht.

Mizzi veröffentlicht im Februar 2017 den privaten Bericht eines neuseeländischen Wirtschaftsprüfers, der ihn freispricht. Bezüglich einer offiziellen Untersuchung hält sich die Regierung immer noch bedeckt. Erst Mitte März bricht Mizzi eine Pressekonferenz ab, als er gefragt wird, ob er von den maltesischen Finanzbehörden in der Sache kontaktiert wurde.

Um Daphne Caruana Galizia zu verstehen, muss man das Biotop verstehen, in dem sie arbeitete. Das politische System Maltas ist ein Relikt. Ein Anachronismus, der im übrigen Europa schon lange Zeit ausgestorben ist. Es gibt die Nationalistische Partei (PN), die Konservativen. Und es gibt Labour, die Sozialdemokraten. Dazwischen gibt es nichts. Die beiden Parteien teilen die Politik, die Medien, das Land unter sich auf. In Malta unterhalten die Parteien eigene Zeitungen und Medien. «Bei uns ist Politik wie Fussball: Es gibt zwei Mannschaften, und jeder ist Fan von einer der beiden», sagt Joseph Borg.

Liebling der Massen, auch nach ihrem Tod: Tausende wohnten der Beerdigung von Daphne Caruana Galizia bei. Foto: Reuters

1987 übernahm die PN den Sitz des Premierministers und behielt ihn, mit einer kurzen Unterbrechung, 25 Jahre. Das muss man wissen, um zu verstehen, wie sensationell der Sieg des Labour-Chefs Joseph Muscat, ein ehemaliger Journalist der Labour-eigenen Medien, im Jahr 2013 war. Die Regierung Muscat verteilte Posten, schnell tauchten Korruptionsvorwürfe auf.

Die «Panama Papers» setzten in Malta etwas in Gang. Journalisten recherchierten intensiv, weitere Enthüllungen folgten. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod beschuldigte Daphne Caruana Galizia die Frau des Premiers, Michelle Muscat, Anteile an Egrant Inc zu halten. Die Firma habe unter anderem hohe Geldsummen von Leyla Aliyeva, Tochter des aserbeidschanischen Präsidenten, erhalten.

Caruana Galizia beschuldigte also nicht nur das Kabinett Muscat, sondern auch die Familie und den Premierminister persönlich. Muscat nennt das auf einer Pressekonferenz «die grösste Lüge in der Geschichte der maltesischen Politik». Die Ermittlungen in diesem Fall dauern noch an.

Hat die Korruption oder zumindest der Nepotismus unter Labour tatsächlich zugenommen? Ja, sagen die meisten. Das Ausmass der Korruption (oder zumindest der Vorwürfe, vieles ist bislang nicht gerichtlich geklärt) sei ohne Vergleich. Andere verweisen darauf, dass lediglich die Sichtbarkeit zugenommen habe. Die PN habe mehr als 25 Jahre die Ämter genauso an ihre eigenen Leute vergeben, aber das sei irgendwann gar nicht mehr aufgefallen.

Als Labour nach der langen Durststrecke endlich wieder einmal an die Futtertröge kam, wurden die Unterstützer belohnt. Es wurde «umgefärbt», wie man gerne sagt. «Labour hat sich benommen wie Kinder in einem Süssigkeitenladen», sagt ein Journalist einer Tageszeitung, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Der Polizist, der Caruana Galizia verhaftete und misshandelte, ist Anglu Farrugia. Er sitzt ihr später wieder gegenüber – als Präsident des Parlaments.

Als Daphne Caruana Galizia am 26. August 1964 in Sliema geboren wird, ist Malta noch eine britische Kolonie, einen Monat später ist es unabhängig. Eine Zeit grosser Veränderungen. Es ist kein reiches Elternhaus, in dem Daphne aufwächst – ihr Vater vertreibt Fahrstühle, ihre Mutter ist Hausfrau –, aber die Eltern legen grossen Wert auf Etikette und Bildung. Daphne ist die älteste von vier Töchtern. Sie besucht katholische Schulen und geniesst die beste Bildung, die man in Malta bekommen kann. Es sind die späten 1970er-, frühen 1980er-Jahre, die in Malta geprägt sind von einer Labour-Regierung unter Dom Mintoff, dem bedeutendsten maltesischen Politiker der Nachkriegszeit.

Anfang der 1980er versucht Labour, den katholischen Schulen des Landes das Erheben von Gebühren zu verbieten. Als zahlreiche Schulschliessungen drohen, kommt es zu Protesten. Daphne Caruana Galizia ist 19 Jahre alt, sie wird festgenommen. Die Geschichte der Stunden danach wird unterschiedlich erzählt. Laut der Journalistin wurde sie für 27 Stunden in eine Zelle mit fäkalienverschmierten Wänden gesperrt, ehe ein Polizist sie zwang, ein vorformuliertes Geständnis zu unterschreiben. Der Polizist bestritt das und ging gegen diese Behauptung erfolgreich gerichtlich vor.

Was klar ist: Der Polizist, der Daphne Caruana Galizia damals verhaftete und laut ihren Angaben misshandelte, ist Anglu Farrugia. Er sitzt ihr später wieder gegenüber – erst als Labour-Politiker, ab 2013 als Präsident des maltesischen Parlaments. Menschen, die Daphne gut kannten, sagen heute, dass man ihren Feldzug für «Good Governance» ohne diese Episode nicht verstehen könne.

Daphne Caruana Galizia heiratete früh, wurde mit 21 Jahren Mutter. Sie bekam drei Söhne: Matthew, Andrew und Paul. Ihr Mann ist Anwalt. Sie zogen nach Bidnija, etwas ausserhalb des Ballungsgebiets um Valletta. Daphne Caruana Galizia war eine Aussenseiterin, eine Rolle allerdings, die sie selbst gewählt hatte. Im Privaten jedoch sei die Journalistin extrem zurückhaltend, freundlich, beinahe scheu gewesen, erzählen die, die sie gut kannten. Man merkte nichts von dem feurigen Drachen, der aus ihren Texten sprang.

Die Auferstehung des feurigen Drachen

Mit 24 Jahren bekam sie in der «Sunday Times of Malta» eine Kolumne mit dem programmatischen Titel «The good, the bad and the ugly». Maltas Medien waren zu dem Zeitpunkt inhaltlich wie stilistisch konservativ. Die Texte wurden von älteren Männern geschrieben, hatten eine strikte Trennung zwischen Bericht und Meinung und erschienen ohne Autorennamen. Daphne Caruana Galizias Kolumnen fegten mit neuer Sprache, neuer Polemik und neuem Feuer durch dieses Milieu. Sie war die erste Frau, die erste Person überhaupt die unter ihrem echten Namen schrieb. Die Menschen rissen sich um die Texte der jungen Autorin.

Im Jahr 1992 wechselte sie zur neu gegründeten Zeitung «The Malta Independent», wurde dort Redaktorin. Sie blieb zwei Jahre, arbeitete später wieder als Kolumnistin für verschiedene Zeitungen, schrieb über Drogenschmuggel genauso wie über TV-Serien. Nebenbei studierte sie Archäologie, machte ein wenig PR-Arbeit.

Im Jahr 2004 gründete sie das Lifestyle-Magazin «Taste», das später zu «Taste & Flair» wurde – das sie bis zu ihrem Tod herausgab und das sich mit dem, was man «die guten Dinge des Lebens» nennt, beschäftigt: Kochrezepte, Interieur Design, solche Dinge. Es sicherte ihren Lebensunterhalt und ermöglichte ihr die unbezahlte Arbeit an ihrem Blog.

«Ich hab Daphne erstmals auf einem Empfang getroffen. Ich hörte jemanden hinter mir sagen: ‹Maltesisch ist Arabisch›».Samira Jamil, Freundin von Caruana Glizia

Im Ausland, wo Daphne vor allem für investigative Arbeit bekannt war, wusste man nichts von dieser anderen Seite: ihrem Sinn fürs Schöngeistige. Ihr Zuhause, das sie sich mit ihrem Mann und ein paar Mastiff-Wachhunden teilte, war ihre Festung. Hier gab es diverse Sammlungen: Kunst, Artefakte, die sie von Reisen mitbrachte. Sie reiste leidenschaftlich gern, zog Treffen in den weitläufigen Gärten in der Nähe von Naxxar den Cafés in Sliema, wo jeder jeden kennt, vor. «Daphne war eine Denkerin», sagt Samira Jamil, eine Arbeitskollegin und Freundin. «Und sie hat immer daran geglaubt, dass der Mensch seinen Horizont erweitern und seine Komfortzone verlassen müsse.»

Jamil erinnert sich, wie sie die Journalistin Mitte der 1990er kennen lernte. «Ich hab Daphne erstmals auf einem Empfang getroffen. Ich hörte jemanden hinter mir sagen: ‹Maltesisch ist Arabisch›». Das hört man nicht oft in Malta. Auf der Insel herrschen gewaltige Vorbehalte gegenüber Arabern, man benutzt eher künstliche Bezüge wie «phönizisch». «Ich drehte mich um und sah Daphne», sagt Jamil.

Sie habe bis dahin nur ihre Artikel gekannt und gewusst, dass die Journalistin keine Angst hatte, die Wahrheit zu sagen. «Das war der Beginn einer engen Freundschaft, die bis zu Daphnes Tod andauerte.» Caruana Galizia stellte sich dem unterschwelligen Rassismus im Land entgegen, unterstützte NGOs, die sich um Flüchtlinge kümmern. Im Jahr 2006 versuchte deswegen jemand, ihr Haus niederzubrennen.

Die Heilige, die keine war

Caruana Galizia hat im Laufe ihres Lebens für fast alle grösseren Medien Maltas gearbeitet, sie kannte die Szenen, die Akteure. Und alle kannten sie. Man konnte gut mit ihr zusammenarbeiten. Sie lieferte spät, aber zuverlässig, wusste genau, was sie in einem regulären Medium schreiben konnte und was sie für ihren Blog aufheben musste.

Die Journalistin hat unter den Kollegen in Malta Bewunderer, kritische Beobachter und Gegner, die sie als «Gossip-Journalistin» bezeichnen, weil sie auch über die Kleidung, die Kinder, das Benehmen der Menschen schrieb. Die ihre Angewohnheit, Geschichten in Happen zu veröffentlichen, anprangern. Die sagen, sie sei der Nationalistischen Partei zu nah gewesen. Auch Kollegen, die sie sehr schätzen, warnen davor, sie als Heilige zu sehen.

Die Journalistin nannte ihre Quellen scherzhaft ihr «international network of spies».

«Ich hab mich sehr, sehr oft über Daphne geärgert», sagt einer. «Aber am Ende hat sie so viel Gutes getan, dass es das Schlechte, was man über sie sagen könnte, weit überwiegt.» Und eines müsse man bei den kritischen Stimmen immer im Hinterkopf haben: Malta ist klein, der Neid gross.

«Daphne hat den Redaktionen auf gute Weise das Leben zur Hölle gemacht», sagt David Lindsay. Der Amerikaner, vor Jahrzehnten der Liebe wegen nach Malta gekommen, war als Redaktor jahrelang für Daphnes Kolumnen zuständig. Bis zuletzt. «Ich weiss gar nicht, wie oft ich morgens in die Redaktion gekommen bin und mich mein Chefredaktor fragte, wie es sein könne, dass diese Geschichte wieder von einer einzelnen Frau aufgespürt wurde statt von unserer grossen Redaktion.»

Daphne Caruana Galizia hatte ihre Quellen überall. Von Beamten bis zu einfachen Menschen, die ihr Informationen schickten, weil sie ihr mehr vertrauten als anderen. Die Journalistin nannte ihre Quellen scherzhaft ihr «international network of spies». Es ist auch heute noch aktiv, zumindest in den Köpfen vieler Maltesen. Trifft man sich an einem öffentlichen Ort mit Kritikern Daphnes, so schauen sich diese während des Gesprächs häufig um, aus Angst, beobachtet zu werden.

Kein einsamer Wolf

Dieses Netzwerk ist allerdings auch einer der vielen Punkte, für die sie kritisiert wird. Sie sei eine Art Ein-Frau-Wikileaks gewesen, die wild Dinge auf ihren Blog geladen habe, ohne Fakten zu überprüfen. «Das ist vollkommen falsch», sagt Lindsay. «Ich weiss persönlich von etlichen Geschichten, die sie über Monate zurückgehalten hat, bis sie sie verifizieren konnte.» Sie sei eine exzellente und korrekte Journalistin gewesen, zumindest was die grossen Investigativgeschichten betrifft.

Lindsay sitzt am Hafen in der Nachmittagssonne, Boote ziehen vorbei. Er spricht nicht gern über den Tod seiner Kollegin, lehnt viele Interviewanfragen ab. Es schmerzt immer noch. Er möchte ihr Andenken bewahren, auch mit einigen Vorurteilen aufräumen. «Man sagt immer, Daphne sei eine reine Einzelkämpferin gewesen. Das stimmt nicht.» Es gebe etliche Geschichten, an denen sie parallel oder gemeinsam mit den Leuten des «Independent» oder anderen Journalisten gearbeitet habe. «Daphne war kein einsamer Wolf. Sie hat viel allein gemacht, aber sie existierte nicht im luftleeren Raum.»

Vincent Muscat und die Brüder George und Alfred Degiorgio: Die drei schillernden Gestalten der maltesischen Unterwelt.

Der Grand Harbour ist eine Bucht, die drei Kilometer an Valletta vorbei in das Landesinnere Maltas schneidet. Der riesige Naturhafen, der schon zu römischen Zeiten in Benutzung war, hat mehrere Gesichter. Im nördlichen Teil glitzern die Jachten an der Marina in der Sonne. Je weiter südlicher man kommt, desto mehr dominieren Docks und Lager das Bild. Am südlichsten Punkt des Hafens liegt Marsa, eine Kleinstadt mit knapp 4500 Einwohnern. Zwischen den Warenhäusern liegt eine kleine, offene, nur mit schweren, rostigen Gittern geschützte Halle, die am 4. Dezember Berühmtheit als «der Kartoffelschuppen» erlangte.

Sieben Wochen nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia stürmte die maltesische Polizei gemeinsam mit Einheiten der Armee die Halle, in der offiziell Kartoffeln gelagert wurden. Die Polizei verhaftete zehn Männer. Am Ende blieben drei Tatverdächtige übrig: Vincent Muscat und die Brüder George und Alfred Degiorgio. Die drei sind schillernde Gestalten der maltesischen Unterwelt. Vincent Muscat überlebte 2014 einen Kopfschuss. Die Polizei ging davon aus, dass er den Schützen kannte, den Namen jedoch nicht verraten wollte.

Wie der Mord-Anschlag geplant wurde

In Malta wurde schnell spekuliert, dass die Verdächtigen auch in Verbindung mit einer ungeklärten Serie von Autobomben-Attentaten stehen könnten. Autobomben sind kein ungewöhnliches Mordwerkzeug in Malta. Doch die Attentate trafen bislang Menschen aus dem Milieu und wurde entsprechend auch als Milieukriminalität behandelt. Dass jemand von aussen, eine Journalistin noch dazu, auf diese Art hingerichtet wurde, war ein Novum.

Die Version der Staatsanwaltschaft, die vom FBI, von Europol und von finnischen Ermittlern Unterstützung erhielt, schaut folgendermassen aus: Das Trio beobachtete Daphne Caruana Galizia, die viel zu Hause war und keine typischen Bewegungsmuster hatte, über Wochen. In der Nacht vor ihrem Tod brachen sie in Daphnes Mietauto ein, einen Peugeot, wahrscheinlich mit einem elektronischen Türöffner. Sie installierten die Bombe mit dem Sprengstoff TNT.

Die Kriminellen machten mehrere Fehler, darunter einen entscheidenden.

Vincent Muscat und Alfred Degiorgio standen am nächsten Tag an einer erhöhten Stelle bei Bidnija und warteten. Als die Journalistin losfuhr, gaben sie George Degiorgio, dessen Boot um die Insel kurvte, ein Zeichen. George Degiorgio schickte die Trigger-SMS, warf das Handy später im seichten Hafenwasser von Marsa über Bord und schickte von seinem Privathandy eine SMS an seine Frau: «Open a bottle of wine for me, baby.»

Die Kriminellen machten mehrere Fehler, darunter einen entscheidenden. Das Handy, das die Detonation auslösen sollte, hatte kein Geld mehr auf der SIM-Karte. George Degiorgio rief von einem zweiten Handy bei einer Telekommunikationsfirma an und lud fünf Euro auf die Nummer, mit der letztlich Daphne Caruana Galizias Tod besiegelt wurde. Unter anderem wegen dieses Anrufs sind sich die Behörden sicher, die Richtigen erwischt zu haben. Das Problem ist: Es fehlt ein Motiv.

Die Hexe von Bidnija

Im Jahr 2008 richtete Daphne Caruana Galizia ihren Blog «Running Commentary» ein. Es wurde ihr wichtigstes Projekt: In 3516 Tagen verfasste sie 21'629 Einträge. Das sind durchschnittlich sechs pro Tag. Manchmal waren es längere Abhandlungen, manchmal nur ein Foto, ein Kommentar, eine Bemerkung, oft irgendwo zwischen Satire, Zynismus und Polemik pendelnd.

Der Blog ist durchaus irritierend. Neben vielen investigativen Glanzstücken postete Caruana Galizia Partyfotos von Politikern. Sie kritisierte eine Richterin für eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Sie kritisierte Politiker nicht nur dafür, dass sie korrupt waren, sondern auch dafür, dass sie eine falsche Körperhaltung hatten oder noch bei der Mutter wohnten.

Dass ihre Angriffe nicht nur politisch waren, sondern sich auch auf andere, private Lebensbereiche erstreckten, wurde in Malta kritisch gesehen.

Daphne Caruana Galizia entstammte einer kleinen, besonderen bürgerlichen Schicht Maltas, die sich heute vor allem in Sliema konzentriert. Die Angehörigen dieser Schicht waren in den identitätspolitischen Auseinandersetzungen, die im späten 19. Jahrhundert einsetzten und mehrere Jahrzehnte andauerten, überzeugte Unterstützer der britischen Kolonialmacht.

England begann sich nach dem Zweiten Weltkrieg langsam aus seinen Kolonien zurückzuziehen: Malta wurde 1947 unter Selbstverwaltung gestellt, 1964 erfolgte die Unabhängigkeit, 1974 die Ausrufung der Republik und die endgültige Lösung vom Commonwealth. Die probritischen Kräfte brauchten eine neue politische Heimat. Die ärmeren gingen zu Labour, die Mittelklasse ging ohne Überzeugung eine Allianz mit der PN ein.

Attackierte hart, wurde angegriffen, schlug zurück und wurde wieder angegriffen: Daphne Caruana Galizia posiert vor der lybischen Botschaft auf Malta. Foto: Reuters

Diese Schicht macht heute etwa ein Fünftel der PN-Wählerschaft aus; sie legt Wert auf Bildung und Benehmen und blickte schon immer mit Unbehagen auf das «Laissez-faire» Südeuropas. Im Maltesischen gibt es einen Begriff dafür, der halb beschreibend und halb beleidigend ist: «tal-pepe» – die Oberklasse, die sich ihres Standes zu bewusst sei. Das ist der kulturelle Hintergrund, dem Daphne Caruana Galizia entsprang. Sie war das, was man klassisch städtisch-bürgerlich nennt: extrem gute Manieren, stets korrekt und konservativ gekleidet, grosszügig, gesellschaftlich liberal.

Dieser Hintergrund erklärt vielleicht auch einige irritierende Aspekte an ihrer Kritik: Dass ihre Angriffe nicht nur politisch waren, sondern sich auch auf andere, private Lebensbereiche erstreckten, wurde in Malta kritisch gesehen. Viele hielten sie für snobistisch. «Für Daphne gehörte das aber alles zusammen», sagt der Blogger Manuel Delia. Das Verhalten der Menschen reflektierte für sie ihre Persönlichkeit. «Wenn du die Regel ignorierst, mit welcher Gabel am Tisch du anfängst, dann ignorierst du auch andere, wichtigere Regeln.» Daphne sei es genau darum gegangen: um Anstand. Es gebe Dinge, die man einfach nicht mache.

Sie lotete Grenzen aus und konnte das Leben der Menschen, über die sie schrieb, sehr, sehr unangenehm machen.

Daphne Caruana Galizia ist ein Symbol für Pressefreiheit. Sie gab ihr Leben für die Wahrheit. Und doch stellen sich in ihrer Arbeit auch Fragen nach persönlicher und institutioneller Macht. Und die Antworten sind mehrdimensional und nicht immer einfach. Daphne Caruana Galizia war eine Aufdeckerin, eine Kämpferin für ein sauberes politisches System. Und doch hatte sie sich natürlich mit den Jahren eine persönliche Machtposition aufgebaut, konnte ihre Anhänger mobilisieren. Sie lotete Grenzen aus und konnte das Leben der Menschen, über die sie schrieb, sehr, sehr unangenehm machen. Daphne Caruana Galizia war kompromisslos in ihrem Kampf.

Man kann die Menschen, die über die Jahre in ihren Fokus gerieten, anrufen, man kann sich mit ihnen treffen, aber die meisten wollen nicht reden, vor allem nicht offen. Als eine Journalistin des britischen «Telegraph» Franco Debono, einen ehemaligen PN-Hinterbänkler und jetzigen Commissioner of Law, in seinem Büro besucht, liegen alle Blogbeiträge, die Daphne Caruana Galizia über ihn schrieb, ausgedruckt auf einem Tisch. Auch einer, in dem sie schreibt, dass er «rausgeführt und erschossen» werden sollte. Eine im Englischen gebräuchliche, aber durchaus missverständliche Formulierung.

Daphne Caruana Galizia wurde selbst jahrelang dämonisiert, entmenschlicht und einer Hexenjagd ausgesetzt.

Die öffentliche Auseinandersetzung auf Malta funktioniert nach Regeln, die für Aussenstehende oft nicht verständlich und schwierig zu bewerten sind. Es fehlt sogar ein Wort, um Menschen wie Franco Debono zu beschreiben. Sie sind keine Opfer. Aber die Attacken auf sie gingen weiter, als man es in der Schweiz, in Deutschland oder in anderen Ländern für akzeptabel halten würde.

Man muss allerdings auch etwas anderes verstehen: Daphne Caruana Galizia wurde selbst jahrelang dämonisiert, entmenschlicht und einer Hexenjagd ausgesetzt. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ihre Gegner nannten sie «die Hexe von Bidnija». Saviour Balzan, Chefredaktor von «Malta Today» und ihr Intimfeind seit den gemeinsamen Tagen beim «Malta Independent», machte es sich zur Angewohnheit, in seinen Kommentaren ihren Namen zu vermeiden und sie «Königin der Galle» zu nennen oder nur mit ihren Initialen «DCG».

Labour klebte im Wahlkampf Plakate mit ihrem Gesicht und versuchte, sie als Freundin der PN darzustellen, um dem politischen Gegner zu schaden. Das ist ein Punkt, den man im Ausland über Caruana Galizia kaum kennt: Über sie wurde auf eine Art diskutiert, wie es für Journalisten in Westeuropa kaum vorstellbar ist. Wenn man Informanten in der Hafengegend trifft, kann es passieren, dass sie plötzlich sagen: «Wir sollten hier nicht so offen über sie reden. Hier ist Labour-Land, die Menschen hier hassen Daphne.»

Eine Tochter Maltas

Labour-Unterstützer, Labour-Medien – sie alle attackierten Daphne Caruana Galizia. Sie schlug zurück und wurde wieder angegriffen. Ein ständiger Schlagabtausch. Es gibt etliche anonyme Seiten im Netz, die sich mit Daphnes Vergangenheit beschäftigen und Behauptungen über ihr Privatleben aufstellen. Über angebliche Verfehlungen ihrer Söhne auf der Universität. Wenig von alledem lässt sich verifizieren, und selbst wenn: Es hätte keine Bedeutung.

Daphne Caruana Galizia war eine Tochter Maltas, des Landes, das sie so sehr liebte und das sie täglich wütend machte. Diese Wut, diese Empörung über das Gefühl, dass sich eine politische Klasse eines Landes bemächtigte, trieb sie an, so zu schreiben, wie sie schrieb. Sie versuchte, die Regeln der Politik zu ändern, funktionierte in einem System der Öffentlichkeit und spielte nach seinen Regeln. «Daphnes grosse Leserschaft war die Bestätigung für ihren Stil», sagt Caroline Muscat von der investigativen Plattform «The Shift». Sie habe nichts anderes getan, als Geschichten in einer Art zu bringen, die die Leser verstanden.

47 Verfahren liefen gegen Caruana Galizia, fünf davon endeten aus juristischen Gründen mit ihrem Tod.

«In Malta debattieren wir nicht, wir streiten. Wir argumentieren nicht, wir beleidigen», sagt Muscat. Man müsse sich nur die Kommentarspalten in Maltas Medien anschauen. «Daphne hatte die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen, und aufzudecken, was falsch läuft.» Das könne man nicht «hate speech» nennen, wenn es sich gegen diejenigen richte, die sich schuldig gemacht hätten.

Daphne Caruana Galizia hinterlässt nicht nur eine Familie und Freunde, sie hinterlässt auch eine Menge Geschichten in der Schwebe. Die wichtigsten sind zweifellos weiterhin der Komplex um die Minister und die Firma Egrant. Gegen die Journalistin laufen auch zahlreiche Verleumdungsklagen. Ihre Familie besteht darauf, dass diese weitergeführt werden, um ihr postum Recht zu verschaffen. 47 Verfahren waren es, fünf davon endeten aus juristischen Gründen mit ihrem Tod. Stand Anfang März sind noch 34 offen.

Sie knickte nicht ein

Daphne Caruana Galizia machte in der Vergangenheit Fehler, verlor immer wieder Fälle vor Gericht, aber – angesichts ihrer manchmal polemischen Schreibe – überraschend wenige. Zuletzt musste sie einer Journalistin, die früher für Labour-Medien gearbeitet hatte, 3000 Euro zahlen, nachdem sie sie «eine Bitch, eine Kuh und eine Prostituierte» genannt hatte. Die Klagen schadeten ihr nicht, auch weil das System des Persönlichkeitsschutzes in Malta verhältnismässig lasch war und Verstösse nur mit geringen Strafen belegt wurden. Kurz vor ihrem Tod taten sich aber zwei juristische Fälle auf, die nichts miteinander zu tun hatten, die Arbeit der Journalistin aber existenziell gefährdeten.

Zum einen drohte die Pilatus Bank, die eine zentrale Rolle in den Vorwürfen um Egrant spielte, verschiedenen Medien und auch Daphne Caruana Galizia mit Klagen. Nicht in Malta, wo die Summe in solchen Fällen gedeckelt ist, sondern in den USA und Grossbritannien. Mit potenziell verheerenden finanziellen Folgen. Die Zeitungen, die darüber berichtet hatten, knickten ein und nahmen die Artikel von ihren Webseiten. Daphne knickte nicht ein.

Die letzten Monate ihres Lebens waren für Daphne Caruana Galizia eine Achterbahnfahrt.

Der zweite Fall betrifft eine Klage des Wirtschaftsministers Chris Cardona und eines seiner Berater wegen einer Geschichte um einen angeblichen Bordellbesuch in Deutschland, über den Daphne Caruana Galizia berichtet hatte. Die Entscheidung steht noch aus, das Gericht tat aber im Februar 2017 etwas, was es zu diesem Zeitpunkt in Malta noch nicht gegeben hatte: Es fror Daphne Caruana Galizias Konten ein. Zum Zeitpunkt ihres Todes hatte die Journalistin keinen Zugriff auf ihr Geld. Am Tag ihres Todes war sie mit dem Auto unterwegs, um Rechnungen mit einem Scheckbuch zu bezahlen, das von ihrem Mann vorunterschrieben war.

Die letzten Monate ihres Lebens waren für Daphne Caruana Galizia eine Achterbahnfahrt. Im April machte sie die Egrant-Recherchen publik. Anfang Mai verkündete Premierminister Muscat Neuwahlen. Daphne Caruana Galizia arbeitete noch mehr. Sie schrieb nonstop, hatte kaum mehr Zeit für Freunde. Labour gewann die Wahlen im Juni, sogar mit einem noch höheren Stimmenanteil als zuvor.

«Die letzten Monate haben Daphne mitgenommen», sagt Manuel Delia. Daphne hatte immer die Hoffnung, dass ihre Arbeit zu Veränderungen führen und es eine bessere Opposition geben werde, die Muscats Regierung ersetzen könne. «Diese Hoffnung hat in der Zeit vor ihrem Tod gewackelt. Sie merkte, dass sich alles verändert.»

«Ich fühl mich, als würde ich auf Treibsand stehen»

Und noch etwas kam dazu. Daphne Caruana Galizia war sehr kritisch gegenüber Adrian Delia, dem Spitzenkandidaten der PN und jetzigen Oppositionsführer. Einen Monat vor ihrem Tod beschuldigte sie Delia, 1,4 Millionen britische Pfund für das Londoner Porno-Bezahlnetzwerk CCBill, LLC, über ein Konto auf der Kanalinsel Jersey geleitet zu haben. Delia bestreitet das bis heute.

Viele in der PN betrachteten ihre Enthüllungen, ihre Kritik an Delia als Verrat. Im Netz wurde sie von jungen PN-Anhängern beschimpft – Menschen, die ihre grössten Fans gewesen waren, als sie Labour-Schweinereien enthüllte. Die Reihe der Feinde wuchs. David Lindsey, ihr Redaktor, erinnert sich an einen Satz, den sie einige Monate vor ihrem Tod zu ihm sagte: «David, ich fühl mich, als würde ich auf Treibsand stehen.»

Die Schockwelle nach dem Mord ging nicht nur durch Malta, sondern ganz Europa. Es schien lange undenkbar, dass Journalisten umgebracht würden für das, was sie schreiben. Das Europäische Parlament benannte einen Pressesaal in Brüssel nach der maltesischen Journalistin. Daphne Caruana Galizia war der Präzedenzfall. Ende Februar wurde der slowakische Journalist Ján Kuciak ermordet.

In der EU herrscht ernsthafte Besorgnis um die Rechtsstaatlichkeit Maltas. Im Dezember besuchte eine Delegation des LIBE-Ausschusses des Europäischen Parlaments die Insel und traf sich mit Politikern, Journalisten und Mitgliedern der Zivilgesellschaft. Der Bericht, den sie danach verfasst, ist erschütternd. «Es gibt systematische Probleme in Maltas Justizsystem, weil es keine saubere Gewaltentrennung gibt», sagt Sven Giegold, Europaparlamentarier der Grünen und Mitglied der Delegation.

Wer waren die Hintermänner?

Die mutmasslichen Täter, Vincent Muscat, George und Alfred Degiorgio, sitzen in Haft. Der Staatsanwalt hat noch nicht Anklage erhoben. Die Beweise sind erdrückend, die Beobachter rechnen mit einer Verurteilung zu lebenslanger Haft. Daphne Caruana Galizias Familie reicht das nicht. Vielen anderen Maltesern auch nicht. Sie wollen Antworten. Und sie wollen wissen, wer die Hintermänner sind – sie sind sicher, dass es sie gibt. Die maltesische Polizei ermittelt mit Europol weiter. Daphne Caruana Galizias Angehörige versuchen in einem separaten Verfahren, den stellvertretenden Polizeichef Silvio Valletta vom Fall abzuziehen. Sie haben kein Vertrauen in die Behörden.

Doch wer könnte den Auftrag gegeben haben? Spricht man mit Menschen in Malta, hört man im Grunde zwei Möglichkeiten. Die eine ist eine grössere politische Verschwörung. Es fallen Namen von Politikern, Andeutungen, manchmal auch Sätze wie: «Muss ich noch mehr sagen?» Ausschliessen will kaum jemand etwas, beweisen kann man aber auch nichts.

«Ich hoffe, wir haben eines Tages Klarheit. Aber sicher bin ich mir nicht.»Matthew Xuereb, Journalist

Die zweite Theorie ist profaner. Die Auftraggeber seien maltesische Kriminelle oder ihre Geschäftspartner, denen Caruana Galizia entweder ein Geschäft vermasselt hatte oder im Begriff war, ein Geschäft zu vermasseln. Also eher ein lokaler Bezug – aus Rache oder als Warnung. «An eine Verschwörung glaube ich nicht», sagt einer, der anonym bleiben will. Malteser seien impulsiv und maltesische Gangster gefährlich. «Ich kenne einen, der würde mir in den Kopf schiessen, wenn ich seine Mutter beleidigen würde.»

Caruana Galizia recherchierte zu den maltesischen Verbindungen eines Schmugglerrings, der Treibstoff über Libyen nach Italien bringt. Das Geschäft ist millionenschwer. Es gibt die Theorie, dass die Flüchtlingszahlen im Mittelmeer auch deshalb sinken, weil Treibstoffschmuggel mittlerweile lukrativer ist als Schlepperdienste.

«Es ist angsteinflössend», sagt Matthew Xuereb. Er sitzt in einem kleinen, grauen Besprechungsraum. Durch die Glasscheiben kann man die Hallen sehen, wo die Druckerpressen der «Times of Malta» laufen. «Jemand hat eine Linie gezogen, bis zu der recherchiert werden darf. Aber niemand weiss, wer diese Linie gezogen hat und wo sie verläuft.» Viele Journalisten verweisen auf die zeitliche Nähe zum «Black Monday»: Am 15. Oktober 1979 wurde das Gebäude der «Times of Malta» niedergebrannt. Die Zeitung erschien trotzdem am nächsten Tag.

Der 15. Oktober galt in Malta lange Zeit als Fanal für die Pressefreiheit. Jetzt ist Daphne Caruana Galizias Todestag, der 16. Oktober, dazugekommen.Werden wir jemals erfahren, wer hinter dem Tod von Maltas kontroverser Tochter und wichtigster Investigativjournalistin steckt? Matthew Xerueb seufzt. «Wir geben unser Bestes», sagt er. Die Journalisten Maltas seien zusammengerückt und hätten ihre Anstrengungen verdoppelt. «Ich hoffe, wir haben eines Tages Klarheit. Aber sicher bin ich mir nicht.»

(Das Magazin)

Erstellt: 24.03.2018, 09:33 Uhr

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