What about Notre-Dame?

Die Antwort auf eine Frage zu Spendierfreudig- und Verhältnismässigkeit.

Haben Bäume ein dezentrales Gehirn? Und wenn ja, was heisst das für uns? Foto: Keystone

Haben Bäume ein dezentrales Gehirn? Und wenn ja, was heisst das für uns? Foto: Keystone

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Notre-Dame ist abgebrannt. Drei Tage später: gegen eine Milliarde Euro privater Spenden für den Wiederaufbau. Ist unserer Spezies die innere Notwendigkeit, zuerst für unsere eigenen Brüder und Schwestern zu sorgen, im Verlaufe der Evolution abhandengekommen? Oder wie kann man sich so eine wilde Spendierfreudigkeit erklären in einem Land, wo seit Monaten Tausende für gute Schulen, anständige Gesundheitsversorgung, genügend gute Jobs und vieles andere mehr demonstrieren?
G. B.

Liebe Frau B.

Ja ja, die Evolution hat die Menschen immer unnatürlicher werden lassen. Lassen wir diesen müden Scherz sowie die Evolution aber mal beiseite und ebenso diese Brüder-und Schwestern-Sache. Je nach Blickwinkel kann die nämlich auch bedeuten: Swiss first oder Americans first oder whoever first, und das wollen wir doch nicht, oder.

Aber was wollen wir dann? Uns Gedanken machen über das Problem des «Problem-Whataboutismus». Der Laubfrosch droht auszusterben? Ha! What about the refugees, von denen so viele im Mittelmeer ertrinken (notabene: das Aussterben einer Art vs. das Sterben konkreter Menschen)? Zu Recht ist die «What about»-Rhetorik in Verruf geraten, weil sie lähmend und entmutigend wirkt. Dennoch hält sie sich beharrlich in vielen Diskussionen. Warum? Weil sie eben auch nicht ganz falsch ist. Man kann den Whataboutismus nämlich auch Verhältnismässigkeit nennen. Die Frage nach der Verhältnismässigkeit ist nicht nur bloss Argumentationskniff, um unliebsame Positionen zu diskreditieren. Sie ist das wichtigste Kriterium jeder staatlichen Budgetplanung: Wir geben so und so viel für Gesundheitsförderung aus und so und so viel für den Erhalt von Infrastruktur – steht das in einem vernünftigen Verhältnis?

Sie müssen sich nicht rechtfertigen hinsichtlich ihrer Verhältnismässigkeit. Das ist der Vorteil der privaten Charity

Und nun zu Notre-Dame. In den Tagen nach dem Brand fand ich die «Sind ja nur ein paar Steine»-Tweets so doof wie völlig unangemessene Vergleiche mit 9/11 oder Tsunamis. Valentin Groebner hat in der FAZ geschrieben: «Ich möchte niemandem seine tiefsten Empfindungen madig machen, aber die öffentliche Trauer um Notre-Dame ist keine Trauer. Sie ist Lust – Lust an der starken Wirkung der Bilder und Lust an der eigenen Wehmut vor Publikum.»

Gleichgültig aber, ob die hohen Spenden nun «echter» Trauer entspringen oder einer frivolen Lust – sie müssen sich nicht rechtfertigen hinsichtlich ihrer Verhältnismässigkeit. Das ist der Vorteil der privaten Charity. Der Vorteil eines staatlichen Steuerhaushaltes liegt anderswo: Ein Budgetposten muss nicht erst abbrennen, damit man ihn ausreichend berücksichtigt.

Erstellt: 24.04.2019, 13:39 Uhr

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