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Wie der Frosch im Kochtopf

Der Klimawandel unterläuft die menschliche Problemlösungskompetenz. Wir drohen deshalb den Moment zu verpassen vor dem Kipp-Punkt zum Kollaps.

MeinungMichael Hermann
Weil sich die menschliche Psyche nicht einfach umprogrammieren lässt, führt letztlich nur ein Weg aus dem Schlamassel: technische Innovation. Foto: Keystone
Weil sich die menschliche Psyche nicht einfach umprogrammieren lässt, führt letztlich nur ein Weg aus dem Schlamassel: technische Innovation. Foto: Keystone

Vor nicht allzu langer Zeit eskalierten zwischenstaatliche Konflikte rasch zu Kriegen, aus Strohfeuern wurden Flächenbrände. Doch der Mensch ist lernfähig. Er zieht seine Schlüsse aus Katastrophen und Kriegen, sodass die Welt trotz unzähliger Krisenherde ein sichererer Ort geworden ist. Optimismus wäre also angebracht, gäbe es da nicht die eine besondere Herausforderung, welche die menschliche Problemlösungskompetenz auf perfide Weise unterläuft. Es ist der Klimawandel, der zwei Merkmale zusammenführt, die in ihrer Wechselwirkung die Menschheit tatsächlich an den Abgrund führen könnten.

Es handelt sich dabei zum einen um das im Umweltbereich verbreitete Übertragen der Kosten schädlichen Verhaltens vom Verursacher auf die Allgemeinheit. In den meisten Fällen ist die «Allgemeinheit» dabei allerdings nicht wirklich allgemein. Giftige Abgase oder überdüngte Böden wirken in einem begrenzten Raum, sodass auch lokale Gegenmassnahmen zielführend sind.

Treibhausgase jedoch sind radikal global. Die Kosten der Klimasünden jedes Einzelnen werden auf alle 8 Milliarden anderen Menschen überwälzt (und dabei besonders auf die Ärmeren unter ihnen). Beim Klima ist die Allgemeinheit so universell gefasst, dass nicht nur Individuen, sondern ganze Staaten dazu angeleitet werden, sich wie egoistische Viehhalter auf einer globalen Allmend zu benehmen.

Das Klima zu schädigen, stiftet jedem Menschen einzeln zynischerweise einen enormen Nutzen.

Das Problem der globalen Allmend alleine wäre nicht unlösbar. So wurden zum Beispiel, trotz global verteilter Wirkung, FCKW (etwa in Kühlschränken) verboten mit der Folge, dass sich das Ozonloch heute wieder schliesst. Im Gegensatz zu FCKW ist das Emittieren von Treibhausgasen allerdings ein Treiber des globalen Wohlstands.

Der Mensch hat einen unstillbaren Hunger nach Komfort, Mobilität und, ja, auch nach Fleisch. Diesem Hunger kann heute meist am günstigsten mit der Produktion von Treibhausgasen begegnet werden. Das Klima zu schädigen, stiftet jedem Menschen einzeln zynischerweise einen enormen Nutzen. Auch deshalb, weil die damit verbundenen hohen Kosten jeweils auf 8 Milliarden andere abgewälzt werden können.

Es ist dieses unglaubliche Missverhältnis zwischen maximal individualisiertem Nutzen und maximal vergesellschafteten Kosten, welches die sonst so beeindruckende Problemlösungskompetenz des Menschen ausser Kraft zu setzen droht. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, einem derart verführerischen Tauschgeschäft auf Dauer zu widerstehen. Für jeden, der freiwillig verzichtet, stehen zehn bereit, um an seiner Stelle fossile Brennstoffe abzufackeln – nur schon um mittels Airconditioning und Erholungsreisen den Folgen des Klimawandels zu entfliehen.

Es sind perfide Mechanismen, die den Menschen bei vollem Bewusstsein in gefährlicher Passivität gefangen halten.

Weil sich die menschliche Psyche nicht einfach umprogrammieren lässt, führt letztlich nur ein Weg aus dem Schlamassel: technische Innovation. Es braucht klimaneutrale Lösungen, die besser und günstiger sind als die fossil getriebene Konkurrenz, um dem beschriebenen teuflischen Tausch­geschäft den Boden zu ­entziehen.

Doch auch dies geht nicht ohne politischen Willen, und leider zeichnet sich der Klimawandel auch hier durch eine perfide Eigenheit aus: Er unterläuft die eingebauten Frühwarnsysteme der menschlichen Psyche. Klimagase erscheinen nicht als eine Invasion von Fremden, sie stinken nicht wie viele gefährliche Stoffe, und sie machen uns nicht krank wie herkömmliche Umweltgifte. Wenn es wärmer wird, so ist dies gerade in den gemässigten Zonen, wo sich der Reichtum ballt und die grössten Klimasünder leben, zunächst einmal ganz angenehm.

Fast wie der Frosch im Kochtopf, der nicht merkt, wie das Wasser immer wärmer wird, droht der Mensch den Moment zu verpassen vor dem Kipp-Punkt zum Kollaps. Anders als der Frosch ist er dabei nicht ahnungslos. Es sind perfide Mechanismen, die seine sonst so ausgeprägte Problem­lösungskompetenz zunichte machen und ihn bei vollem Bewusstsein in gefährlicher Passivität gefangen halten.

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