Was die Erziehung beeinflusst

Schweizer Eltern sind mit ihren Kindern entspannter als beispielsweise die Briten. Warum das kein Zufall ist.

In der Kindererziehung spiegeln sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Eine Mutter hilft ihrer Tochter bei den Hausaufgaben. Foto: Getty Images

In der Kindererziehung spiegeln sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Eine Mutter hilft ihrer Tochter bei den Hausaufgaben. Foto: Getty Images

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«Die Höllenwindsbraut, unaufhörlich wehend, entführt die Geister mit gewalt’gem Schwung, peinvoll nach oben sie und unten drehend», schreibt Dante Alighieri im fünften Gesang der Hölle in seiner «Göttlichen Komödie». Ist der Mensch tatsächlich, wie Paolo und Francesca in Dantes Höllenkreis, gnadenlos waltenden psychologischen Kräften ausgeliefert, die sein Verhalten steuern? Oder folgt er doch, mehr oder weniger bewusst, rationalen Prinzipien? Diese Frage beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten – und neuerdings auch Ökonomen.

Was das Thema Kindererziehung angeht, scheinen die Irrationalisten mit ihren Argumenten die Oberhand zu haben. Eltern folgen, so scheint es, Moden und Trends und ändern ihre Haltung häufig, je nachdem, was die gerade angesagten Experten, gezielt bei den jeweiligen Ängsten und Unsicherheiten ansetzend, empfehlen. In den Siebzigerjahren urteilte der Konsens die bis anhin jahrhundertelang bewährte Methode – Gehorsam einfordern und Fehlverhalten bestrafen – als ein schreckliches Konzept ab.

Mit dem Einzug neuer Werte geriet die Autorität von Eltern und Pädagogen ins Wanken, die Hippiebewegung trieb die antiautoritäre Stimmung zu neuer Radikalität. Dann änderte sich der Trend wieder. Seit den Achtzigerjahren widmen sich Eltern der Erziehung ihrer Kinder wieder intensiver. Gemäss aktuellen Zahlen interagieren amerikanische Eltern heute eine Stunde pro Tag länger mit ihrem Nachwuchs, als es die Eltern in den Siebzigerjahren taten. Die meisten dieser Aktivitäten zielen darauf ab, die Kinder zu individuellem Erfolg zu motivieren. Allerdings ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Die «Free-Range-Elternbewegung» propagiert die Rückkehr zu einer idyllischen Welt, in der solcher Wahn keinen Platz hat.

Im Spiegel des Gini-Koeffizienten

In unserem Buch «Love, Money, and Parenting. How Economics Explains the Way We Raise Our Kids» belegen Matthias Doepke und ich anhand historischer und internationaler Erhebungen, dass Kindererziehung in viel grösserem Masse von rationalen – auch ökonomisch-rationalen – Überlegungen geprägt ist, als der oberflächliche Eindruck vermuten lässt. Die Unterschiede in der Kindererziehung spiegeln in hohem Masse unterschiedliche Ausprägungen wirtschaftlicher Ungleichheit.

Chinesen und Japaner haben zahlreiche kulturelle Gemeinsamkeiten, doch in der Kindererziehung gehen sie sehr weit auseinander. In internationalen Umfragen betonen 90 Prozent der chinesischen Eltern die Vorzüge von Fleiss und harter Arbeit, nur 20 Prozent wertschätzen Fantasie. In Japan hingegen sprechen sich bloss etwas über 30 Prozent für Fleiss und harte Arbeit aus, Fantasie erhält viel mehr Zustimmung als in China. Werden die Eltern anhand der Werte eingeteilt, die sie fördern, klassifizieren sich 65 Prozent der japanischen Eltern als permissiv, in China sind es nur weniger als 10 Prozent. Die meisten Chinesen bevorzugen die autoritäre Erziehung.

Schweizer und deutsche Eltern sind entspannter als britische, aber involvierter als diejenigen in Skandinavien.

Ähnliche Unterschiede finden sich zwischen den Eltern in den USA und in Kanada – die amerikanischen sind autoritärer als die kanadischen. Worin wurzeln diese Unterschiede? In den wirtschaftlichen Gegebenheiten, wie wir belegen. Die chinesische und die US-Gesellschaft sind von ausgeprägter Ungleichheit gekennzeichnet, der Gini-Koeffizient für die Einkommen beträgt rund 40 Prozent. In Japan und Kanada ist die Ungleichheit schwächer, der Gini-Koeffizient liegt um 30 Prozent.

Dieses Muster zeigt sich ebenso in Europa. Schweizer und deutsche Eltern sind entspannter – also permissiver – als britische, aber involvierter als diejenigen in Skandinavien. Deutschland und die Schweiz weisen ein geringeres Mass an Ungleichheit auf als das Vereinigte Königreich, aber ein grösseres als Norwegen und Schweden. Dieses Muster bestätigt sich in einer ganzen Reihe von Industrieländern.

Eltern lieben ihre Kinder und wollen, dass sie glücklich und erfolgreich sind. Unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen – und nicht etwa Trends oder psychologische Phänomene – beeinflussen ihr Verhalten, indem sie unterschiedliche Anreize und Einschränkungen schaffen. In einer von starker Ungleichheit geprägten Gesellschaft, in der sich eine gute Ausbildung später in hohem Mass auszahlt und das Schulsystem sehr kompetitiv ausgelegt ist, geht es um viel. Entsprechend gehen die Eltern die Erziehung ihrer Kinder intensiv an, drängen zu Fleiss und guten Noten – sie sind das Sprungbrett für eine erfolgreiche Berufslaufbahn. Am anderen Ende des Spektrums wiederum, in Ländern mit geringer Ungleichheit, fördert die permissivere Erziehung bei den Kindern Unabhängigkeit, Vorstellungsvermögen und ermuntert zur Selbstfindung.

Die USA oder China orientieren sich eher an individueller Leistungsfähigkeit.

Welches Modell ist besser? Eine absolute Antwort gibt es nicht. Unsere Daten zeigen, dass intensives elterliches Engagement in einer Gesellschaft, die grossen Wert auf schulische Leistungen legt, durchaus ein probates Konzept sein kann, auch wenn es die Kreativität der Kinder dämpft. Freiere Erziehung kann dort gut funktionieren, wo eher Teamfähigkeit und unabhängiges Denken geschätzt und belohnt werden. Auf jeden Fall wird die Entscheidung für ein bestimmtes Konzept der Kindererziehung in hohem Masse von ökonomischen Faktoren bestimmt. Zudem bringen diese unterschiedlichen Modelle der Kindererziehung auch Differenzen in der Art und Weise hervor, wie Humankapital gebildet wird, und münden letztlich in unterschiedliche Gesellschaftsmodelle. Die USA oder China orientieren sich eher an individueller Leistungsfähigkeit, Schweden oder, bis zu einem gewissen Grad, die Schweiz sind auf ein breiteres soziales Kapital ausgerichtet.

Wie geht es weiter? Unsere Theorie baut darauf, dass auch in Zukunft die Veränderungen des ökonomischen Umfelds die Art und Weise beeinflussen werden, wie Eltern ihre Kinder erziehen. Setzt sich der Trend wachsender Wirtschaft fort, dürfte sich das in der Erziehung spiegeln: Vor allem in der Ober- und der oberen Mittelklasse werden die besorgten Eltern ihre Bemühungen verstärken, den Aufstieg ihres Nachwuchses zu fördern.

«Robotersicher» ausbilden

Doch kommende Generationen von Eltern werden sich neuen Herausforderungen gegenübersehen. Die Automatisierung wird nicht bei den mittelqualifizierten Jobs haltmachen, sondern auch die Hochqualifizierten erfassen und bald schon selbst die prestigeträchtigsten Berufe obsolet machen. Die Eltern werden sich bemühen müssen, die Zukunft ihrer Kinder «robotersicher» zu gestalten. Der Wahl der richtigen Fachrichtung – beispielsweise eher STEM (Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwissenschaften, Mathematik) als nichtmathematische Gebiete – wird immer grössere Bedeutung zukommen.

Der Vormarsch der intensiven Erziehung dürfte ferner die Differenzen zwischen Arm und Reich vergrössern. In den USA geht die Zunahme des elterlichen Engagements einher mit einer wachsenden Kluft zwischen Kindern mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Hintergrund beziehungsweise den Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Ärmere Familien können es sich nicht mehr leisten, im harten Konkurrenzkampf mitzuhalten, und geben auf. In den USA wird dies noch verschlimmert durch die zunehmende Segregation in Sachen Wohngegend. Ein weiterer Faktor ist das Schwinden familiärer Bindungen bei den weniger Vermögenden.

Diese sozialen Phänomene zu begreifen, erfordert eine solide theoretische Grundlage und verlässliche statistische Methoden. Auf rationalen Überlegungen basierende Ansätze helfen beim Verständnis und können so die Richtung für politische Reformen weisen, um eine bessere Gesellschaft zu erschaffen. Die «wehende Höllenwindsbraut» ist kein taugliches Leitprinzip für sozialwissenschaftliche Betrachtungen.

Fabrizio Zilibotti ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Yale.

Erstellt: 13.03.2019, 15:49 Uhr

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