Wie Frauen kämpfen

Feminismus ist zum globalen, kontrovers diskutierten Phänomen geworden. Doch wer sind die Menschen, die diese Bewegung vorwärtsbringen?

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Ein feministisches Trainingscamp stellt man sich anders vor. An einem grauen Samstag im November rutschen im Kirchgemeindehaus Paulus in Bern zwei Dutzend Leute verlegen auf ihren Plastikstühlen herum. Im lockeren Sitzkreis warten sie auf den Beginn der feministischen Diskussionstage (Fedita); vertreten sind jüngere Frauen, Akteurinnen aus selbst verwalteten Kollektiven und anarchistischen Frauengruppen, alleinerziehende Mütter, aber auch Gewerkschafterinnen, Punks und Dykes. Einige tragen violette Kleidung, auch ein Pussyhat ist zu sehen. Zum vierten Mal finden die Diskussionstage heuer in Bern statt, angekündigt werden sie als «Trainingslager für feministische und pro-feministische Aktivist*innen». Motto: «Treten wir in Action».

Die Action beschränkt sich aber zunächst auf die Resopal-Tische im hinteren Teil des Saals. Dort stehen für das leibliche Wohl der Angereisten Plastikteller mit Früchten, Brot und veganen Aufstrichen bereit sowie Kaffee und Tee in Thermoskrügen. Wer schon bedient ist, klammert sich an seinem Becher fest; die meisten wirken mehr verlegen denn kämpferisch, als handle es sich um eine Zusammenkunft der Anonymen Alkoholiker. Immerhin ist die Atmosphäre freundlich, dafür sorgt Kursleiterin ­Simone «Zilly» Seiler. Sie begrüsst die Anwesenden und klärt gleich einmal über Personalpronomen auf. Verwendet wird zum Beispiel Sie, Er, Xier, Sier, X, Y. Seiler erklärt, wer damit alles mitgemeint ist. Nämlich alle.

Irgendwas mit Feminismus

Seit die systematischen sexuellen Übergriffe mächtiger Männer wie Harvey Weinstein und anderer Grössen aus Showbiz und Politik bekannt geworden sind, wird unter dem Hashtag MeToo über Alltagssexismus diskutiert. Kein anderes Thema scheint die Öffentlichkeit so sehr in Atem zu halten. In immer neuen Wellen branden Diskussionen um Sexismus, Gleichstellung und Machtverhältnisse über uns hinweg. Gerade eben hat das «Time magazine» all jene Frauen, die die Bewegung durch ihre Berichte über sexuelle Übergriffe angestossen haben, als «Person of the year» ausgezeichnet. Das ist ein bisschen paradox, denn niemand entscheidet sich dafür, Opfer eines solchen Übergriffs zu werden. Aber es braucht Mut, mächtige Männer zur Rechenschaft zu ziehen für ihr übergriffiges Verhalten und die Situationen zu benennen, in denen man zum Opfer geworden ist. Denn Opfer werden gern dafür verantwortlich gemacht, was ihnen widerfahren ist, obschon sich niemand dafür entscheidet, ein Opfer zu sein. Ein weiteres Paradox.

Dem Feminismus ist zu verdanken, dass Opfer heute eine Chance haben, gehört zu werden. Und wenn die Bewegung ein Trend sein sollte, dann ist sein Ende nicht abzusehen. Im März dieses Jahres gingen zum globalen Womens March weltweit Frauen und Männer in pinken Pussyhat-Mützen auf die Strasse. Zuvor schon haben Tausende Frauen unter Hashtags wie #Aufschrei oder #Schweizer Aufschrei ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus benannt. Inhaltlich blieben diese Diskussionen diffus und ungenau, dafür ist man sich über die Klammer einig: Es hat irgendwie mit Feminismus zu tun, der die Machtlosen zum Kampf befähigen soll, dank der Macht des Kollektiven. Und genau das macht diesen Kampf so umstritten: Werden die Richtigen zur Rechenschaft gezogen, oder geht es um pauschale Schuldzuweisungen? Hilft das Täter-Opfer-Schema überhaupt weiter? Oder handelt es sich auch dabei um ein grosses Missverständnis?

Im Kirchgemeindehaus Paulus in Bern diskutiert man mittlerweile in Gruppen über die Frage: Was beschäftigt uns, was macht uns wütend? Welche Themen will man ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken? Das Spektrum ist so breit wie das Publikum durchmischt, aber immer geht es um Machtstrukturen, die die Anwesenden endlich aufbrechen wollen: Lohnungleichheit, Ladenöffnungszeiten, Existenzsicherung im Alter, positive Körperwahrnehmung, Männer in Machtpositionen, sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum oder Medienkritik. Nach einer kurzen Diskussion wird alles auf Flipcharts notiert, dann wird abgestimmt. Basisdemokratie wird hier genauso gross geschrieben wie ein freundliches Klima. Und tatsächlich ist die Stimmung entspannt. Langsam kommen die Frauen in Fahrt.

Die Münder der Aktivistinnen sind mit pinkfarbenen Streifen überklebt.

Insbesondere der letzte Punkt gibt zu reden. Konkret gehts um die Basler Genderforscherin Franziska Schutzbach. Die «Basler Zeitung» hatte Anfang November einen alten Eintrag auf Schutzbachs privatem Blog ausgegraben, in dem die Autorin zu zivilem Widerstand und Gesprächsverweigerung gegenüber der SVP aufforderte. Das sorgte für grosses Echo und eine Kontroverse, die bis jetzt anhält. Die «Basler Zeitung» fasste in mehreren Artikeln nach und stellte zur Diskussion, ob eine Wissenschafterin nach solchen Aussagen für die Uni noch haltbar sei. Linke Medien witterten eine politisch motivierte Diffamierungskampagne, um eine unliebsame Denkerin zum Schweigen zu bringen.

Dass es bei der Schutzbach-Affäre nicht in erster Linie um ein feministisches Thema, sondern um die politische Stimmungslage im Land geht, ist dabei zweitrangig. Schutzbach hat als Genderforscherin den richtigen Stallgeruch, sie wird als Opfer gesehen, und mit den Medien hat man einen geeigneten Sündenbock. Und so einigt sich das Plenum per Abstimmung darauf, eine Aktion gegen die «Basler Zeitung» zu planen. Aufregender als Existenzsicherung im Alter oder Lohnungleichheit ist diese Affäre allemal. Also pilgern nun alle zu den Workshops, in denen es ums Thema «Action» gehen soll. Doch zur Sache geht es auch hier vor allem auf dem Papier. Wen will man erreichen mit einer möglichen Aktion, und wie? Zur Debatte stehen Methoden, die von Flyerverteilen über unsichtbares Theater bis zu Vorträgen und Flashmobs reichen. Alles wird auf Flipcharts notiert und diskutiert. Kein feministisches Bootcamp ohne planerisches Proseminar, wie der Kampf geführt werden kann.

Problem mit Terminkollisionen

Wer feministische Aktivistinnen in Aktion sehen möchte, müsste noch einmal raus in den Novembernebel. Dort ist gleichzeitig wie der Kurs im Kirchgemeindehaus im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» ein Flashmob geplant: Frauen stehen mit rosaroten Ballonen stumm im Kreis, ihre Münder sind, gemäss dem Motiv der Kampagne, mit pinkfarbenen Streifen überklebt. Doch niemand kann an zwei Veranstaltungen gleichzeitig sein – diese Terminkollision sei, seufzt Zilly Seiler, vermutlich einer der Gründe, warum die Fedita dieses Jahr deutlich schlechter besucht ist als die Jahre zuvor.

In den vier Jahren seit der ersten Ausgabe habe sich viel getan in Sachen feministischer Aktivismus, sagt Seiler. Vor allem bei den jungen Frauen scheint das Thema zu verfangen, die Szene hat sich in viele Aktivistinnengruppen ausdifferenziert. Wie breit das Themenspektrum ist, zeigt ein Blick in die Agenda der 16-Tage-Kampagne. Diese wurde 2008 von der feministischen Friedensaktion cfd lanciert und findet überall in der Schweiz ihren Niederschlag. Fokusthema in diesem Jahr: «Gewalt an Mädchen und jungen Frauen». Filme, Ausstellungen, Konzerte und Selbstverteidigungskurse werden angeboten. Aber da gibts auch Aktionen wie jene der Bäckerei Wanger in Schaan, die während 16 Tagen das Brot in einer eigens designten Tüte ausliefert. «Häusliche Gewalt kommt nicht in die Tüte» steht drauf. Ob das den Frauen hilft, für die Gewalt das täglich Brot ist, bleibt offen.

Das Drama der Menstruation

Ein paar Tage später, diesmal in Zürich in einem urbanen Kulturspot. Eine Frau mit rosaroten Haaren klopft auf ein Mikrofon, im zweiten Stock der Photobastei laufen letzte Vorbereitungen für die Podiumsdiskussion «Grenzen erkennen – Grenzen setzen». Es wird um unanständige Gesten, Grabschen im öffentlichen Raum gehen. Die Rosarote stellt sich vor als Teil des feministischen Kollektivs «aktivistin», das zum heutigen Abend eingeladen hat. Die noch junge Gruppe macht immer wieder von sich reden: Mal werden in Glitzerleim getauchte Tampons verschickt, um auf Sexismus in den Medien aufmerksam zu machen, mal werden städtische Brunnen rot eingefärbt, um an das «Drama der Menstruation» zu erinnern. Das mag man für eine «ideologische Effekthascherei» und «hirnverbrannt» halten, wie die Autorin Federica De Cesco in einem Interview formulierte. Aber es gibt eben auch zu reden, über die Brunnen-Aktion wurde sogar international berichtet.

Heute geht es nicht um Brunnen, sondern um Gewalt an Frauen. Oder, wie sich die Moderatorin korrigiert, um geschlechtsspezifische Gewalt bei der Arbeit, im Ausgang oder im Bett. Auf korrekte Bezeichnungen wird auch hier viel Wert gelegt, genauso wie auf geschlechtergerechte Sprache und darauf, dass alle sich wohlfühlen. Fehlen nur noch die Triggerwarnungen, also Warnungen vor potenziell traumatisierenden Inhalten, wie sie an manchen US-Universitäten und auf der Website von aktivistin.ch eifrig gepflegt werden.

Darauf wird heute verzichtet, obschon die Fallbeispiele, die gleich vorgelesen werden, unter die Haut gehen. Eine Frau erzählt, wie sie mit ihrer Freundin im Ausgang zwei Männer kennen lernt, man unterhält sich über Reisen, Musik, Ausgang. Doch als sie die Toilette im Untergeschoss aufsucht, merkt sie, dass ihr jemand gefolgt ist und vor der Kabinentür wartet. Die Frau hat Angst. Sie realisiert, dass sie vollkommen allein ist, sich auch nicht bemerkbar machen kann, denn von oben wummert der Clubsound. Die Frau hat Glück, denn der Barbesitzer hat bemerkt, dass der Mann ihr gefolgt ist, und klärt die Situation. Die Journalistin Nina Kunz erzählt von ihren Clubbing-Jahren zwischen 16 und 19 und wie sie vornehmlich damit beschäftigt war, vor zudringlichen Männern davonzurennen. Männer, die ihr beim Tanzen zwischen die Beine oder an die Brüste fassten oder sie verfolgten. Mit diesen Realitäten vor Augen muss man sich kaum fragen, warum Feminismus gerade bei jungen Frauen solchen Zuspruch geniesst.

Eigene Grenzen erkennen

Auf dem Podium in der Photobastei wird klar: Es gibt immer auch Zwischentöne und Graustufen. Journalistin Nina Kunz erzählt, dass diese Erfahrungen für sie als junge Frau durchaus auch ambivalent waren. Dass begrabscht zu werden gewissermassen auch als Kompliment aufgefasst werden kann, weil man ja «fuckable» ist. Und dass es eine gewisse Zeit brauchte, um diese Erlebnisse einordnen zu können. Es sind mutige Aussagen, und sie führen die Diskussion dahin, wo sie interessant wird: bei der Schwierigkeit, die eigenen Grenzen erst einmal für sich selber erkennen lernen zu müssen, bevor man sie auch gegenüber anderen ziehen kann. Selbstverteidigungscoach Alex Maspoli stimmt ihr zu. Man müsse aufhören, auf Opfer und Täter zu fokussieren, und sich stattdessen konkreten Handlungen zuwenden, die als grenzüberschreitend empfunden würden. Viele Sexualstraftäter versuchten nämlich, die Grenzen diffus zu gestalten, dem Opfer auszureden, dass solche Grenzen gezogen werden könnten. In seiner Arbeit gehe es deshalb darum, die eigenen Grenzen erkennen zu lernen und sie mittels Körpersprache deutlich zu ziehen. «Jeder hat ein Recht auf Grenzen, jeder hat ein recht, Nein zu sagen», hält Maspoli fest. Und jeder habe ein Recht, sich zu wehren, was man vor allem jüngeren, männlichen Gewaltopfern zunehmend vermitteln müsse. Manche liessen sich lieber verprügeln, als sich zu wehren, um bloss nicht selber Gewalt anzuwenden. Sie seien aggressionsgehemmt, sagt Maspoli.

Längst liegt die Nacht über der Stadt, die Podiumsdiskussion ist zu Ende. Die Zuschauer zerstreuen sich in alle Winde, raus aus der geschützten Werkstatt, rein in die Nacht und ihre Grauzonen.

Erstellt: 08.12.2017, 18:54 Uhr

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In Zahlen

62%
So viele der 15- bis 17-jährigen Mädchen in der Schweiz haben schon einmal einen sexuellen Übergriff erlebt. Jedes fünfte Mädchen hat einen sexuellen Missbrauch erlitten.

1,7 Millionen
Dies die Anzahl Tweets, die bis Ende November auf Twitter zu #MeToo abgesetzt wurden. Bei Facebook gabs 12'000'0000 Posts zu #MeToo in den ersten 24 Stunden seit der Lancierung des Hashtags. (Red)

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