Wie gehen Feuerwehrleute mit dem Trauma um?

Brände mit Toten sind nicht nur für die betroffenen Familien schlimm. Auch die Leute im Einsatz müssen mit dem Erlebten klarkommen.

Ein solcher Einsatz belastet die Feuerwehrleute: Der Brand in einem Mehrfamilienhaus in Steffisburg forderte Ende Januar ein Todesopfer. Foto: Keystone

Ein solcher Einsatz belastet die Feuerwehrleute: Der Brand in einem Mehrfamilienhaus in Steffisburg forderte Ende Januar ein Todesopfer. Foto: Keystone

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Drei Brände, drei Tote. Im noch jungen Jahr gelang es den Feuerwehren in der Region Bern gleich in mehreren Fällen nicht, das Schlimmste zu verhindern. Das war Ende Januar so, als in Steffisburg ein Mehrfamilienhaus in Flammen aufging und ein 12-Jähriger umkam. Das war Anfang Februar so, als in Gümligen ein Dachstock Feuer fing und eine leblose Frau zurückblieb. Und Ende Februar nicht anders, als in Grosshöchstetten ein Brand das dritte Todesopfer forderte, einen Mann.

Das ist viel für einen Kanton wie Bern, in dem pro Jahr durchschnittlich vier Leute in Bränden umkommen. Viel Leid auch für die Familien, die auf tragische Art einen Menschen verlieren. Viel Schaden für die Mieter und Eigentümer, die nun ohne Hab und Gut dastehen. Und nicht zuletzt viel Arbeit für die Feuerwehren, die in aller Regel als Miliz unterwegs sind – nicht nur körperliche während der Löscharbeiten, sondern vor allem auch seelische nach getaner Arbeit.

«Du bist normal und hast normale Reaktionen auf ein abnormales Ereignis.»Hans Zaugg, Mitglied des Careteams

Die Feuerwehr in der Region Steffisburg hat es in diesen hektischen Wochen besonders hart getroffen. Nur fünf Wochen nach dem Grosseinsatz im Dorf musste sie kürzlich erneut ausrücken. Wenigstens gab es diesmal keine Toten oder Verletzten. «Zum Glück», wie Vizekommandant Urs Trachsel im Rückblick sagt, denn: «Auch Feuerwehrleute sind Menschen, die mit ihren Gefühlen klarkommen müssen.»

Ein Grundvertrauen

Einer, der dies aus jahrelanger Erfahrung nur zu gut weiss, ist Hans Zaugg. Der pensionierte Pfarrer aus Oberdiessbach gehörte bis vor einem Jahr auch dem Careteam Kanton Bern an, half regelmässig Feuerwehrleuten über schwierige Einsätze hinweg. Hautnah erlebte er mit, wie verschieden die Einzelnen die Konfrontation mit dem Tod verarbeiten können. Während die einen das Erlebte rasch in den gewohnten Alltag einbetten, kommen andere während Tagen nicht richtig zur Ruhe. Sie sehen immer wieder die Bilder vom Brandplatz, reagieren auf Gerüche und Geräusche.

«Du bist normal und hast normale Reaktionen auf ein abnormales Ereignis.» Dieser Satz steht zuoberst auf einem Handzettel, den Zaugg den Feuerwehrleuten jeweils abgegeben hat. Er ist ihm sehr wichtig für die kritischen Tage, die in der Regel erst mit einigem Abstand beginnen. Dann nämlich, wenn die Arbeit erledigt ist, sich der Rauch buchstäblich verzogen hat und der Kopf wieder frei zum Nachdenken ist.

Gönnt euch Ruhe. Tut euch etwas Gutes. Geht nach draussen. Und vor allem: Redet mit der Partnerin, mit den Kollegen, mit der Familie, kurz mit Leuten, die euch nahestehen. Diese und weitere Tipps gibt der Handzettel den Feuerwehrleuten mit auf den Weg. Zaugg weiss aus eigener Erfahrung, dass sie helfen können. «Zumal», wie er beifügt, «wir alle über ein Grund- und Selbstvertrauen verfügen, das über solche Ereignisse hinweghilft.»

Diese Gabe zeige sich etwa darin, dass der Mensch Tiefschläge wie Liebeskummer oder eine nicht bestandene Prüfung überwinden könne, fährt Zaugg fort. Nun erzählt er aus einer sehr persönlichen Warte davon, wie er sich nach dem Einsatz zu Hause jeweils hingesetzt und etwas Süsses geknabbert hat. «Ich mag Süsses, das hat mir geholfen, Abstand zu gewinnnen», erinnert er sich, um dann den Blick zurück auf die Leute an der Front zu lenken: Ein junger Feuerwehrmann sei einmal so dankbar über die Hilfe gewesen, dass er sich von ihm habe trauen lassen wollen. «An der Hochzeit sagte mir die Partnerin, sie habe ihren Mann nach dem schwierigen Einsatz kaum mehr wiedererkannt.»

Zweifel und Ohnmacht

Unverhofft auf einen toten Menschen zu stossen, «macht etwas mit einem». Das stellt auch Urs Bächtold aus Burgdorf fest. Er macht selber in der Feuerwehr mit, steht zudem als speziell ausgebildeter Peer seinen Kameraden in der kritischen Zeit danach bei. Die fünf kantonsweit tätigen Peers, so erklärt er, sind nebenamtlich im Auftrag der Gebäudeversicherung Bern unterwegs. Als aktive, langjährig erfahrene Feuerwehrleute geniessen sie bei den Kollegen eine besonders hohe Glaubwürdigkeit. Sie kennen die Tätigkeiten in allen Schattierungen, wissen also, wovon sie reden.

«Wir müssen uns mit dem Erlebten aktiv auseinandersetzen, um es ordnen und ohne Verdrängen ablegen zu können.»Urs Bächtold, Feuerwehrmann

Die einen können nach einem belastenden Feuerwehreinsatz nicht mehr schlafen. Die anderen fühlen sich schlapp und antriebslos, Dritte entwickeln körperliche Symptome. Auch Bächtold weiss, wie wichtig es in solchen Momenten ist, miteinander reden zu können. Er denkt dabei auch an die fachliche Aufarbeitung, daran also, die Ereignisse Schritt für Schritt durchzugehen und sich vor Augen zu führen, dass nach bestem Wissen und Gewissen das Menschenmögliche getan worden ist. Das fängt beim Alarm an: «Wenn bis zu unserem Eintreffen sechs Minuten verstreichen, mag das für die Betroffenen als lang erscheinen. Für eine Milizorganisation ist dies aber sehr gut.»

Bächtold weiss aus eigener Erfahrung, wie rasch nach einem Einsatz Zweifel aufkommen können. Oder auch Gefühle der Anteilnahme und Ohnmacht bis hin zur Wut über all die Tragik, wobei er dabei genauso an die tödlichen Arbeits- oder Autounfälle denkt, zu denen die Feuerwehren ebenfalls gerufen werden: «Wir müssen uns mit dem Erlebten aktiv auseinandersetzen, um es ordnen und ohne Verdrängen ablegen zu können», hält er mit Nachdruck fest.

Verhaltensregeln auf Platz können dabei helfen. Bächtold versucht zum Beispiel, einem toten Menschen möglichst nicht direkt in die Augen zu schauen, Leichen sieht er nur an, wenn er sie bergen muss. Und er befolgt konsequent die Regel, dass er dem Kommando meldet, wenn er den Verstorbenen kennt. «Das war bisher einmal der Fall.»

Seelische Belastung

Eine zentrale Rolle spielt der Einsatzleiter auf dem Schadenplatz. Er entscheidet, wer an vorderster Front steht, und er weiss auch, wen er für besonders belastende Arbeiten einsetzen kann. Kommandant Daniel Bärtschi hat diesem Grundsatz beim Brand in Gümligen nachgelebt. Eindrücklich schildert er, wie seine Leute das Haus zweimal nach Personen abgesucht haben. Und wie sie beim zweiten Mal, als der Rauch schon etwas weniger dicht war, auf die tote Frau stiessen – ab diesem Moment zog er seine Leute aus der betroffenen Wohnung ab und liess die Profis von der Berufsfeuerwehr Bern weiterlöschen. Die Berner waren anschliessend auch bei den Bergungsarbeiten dabei.

«Auch Feuerwehrleute sind Menschen, die mit ihren Gefühlen klarkommen müssen.» Urs Trachsel, Vizekommandant

Aufgabe der Kaderleute ist es auch, das gemeinsame Gespräch in Gang zu bringen. Seis, dass sie gleich nach dem Einsatz eine kurze Besprechung organisieren, seis, dass sie ein paar Tage später im vertrauten Umfeld des Magazins oder der Dorfbeiz zu einem Treffen einladen – dazwischen fragen sie bei Bedarf auch telefonisch nach, wie es den Leuten geht. Kommandant Jonas Mai hat so in Grosshöchstetten mitbekommen, wie ein junger Kollege seinen ersten Ernstfall erlebte. «Er sah die Flammen und nahm bewusst wahr, dass er nicht einfach den Übungsplatz verlassen kann, und alles ist wie vorher.» Dass der frisch Ausgebildete just zu jenen gehörte, die den Toten fanden, war bei allem Erzählen kaum Thema.

«Auch Feuerwehrleute sind Menschen, die mit ihren Gefühlen klarkommen müssen», hat in Steffisburg Vizekommandant Trachsel bereits festgehalten. Zufrieden fügt er nun an, dass das Bewusstsein dafür in der Öffentlichkeit gewachsen sei. Vielleicht hängt genau damit zusammen, was alle Befragten einhellig zu Protokoll geben: Dass ein Feuerwehrmann an einer seelischen Belastung zerbricht, kommt eigentlich nicht vor.

Erstellt: 20.03.2019, 19:55 Uhr

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