Wie ich auf Tinder in den Fängen der Mafia landete

Sam Noel war Ingenieur, attraktiv und im selben Alter. Dann wollte er mein Geld. Und ich habe ihm vertraut. Protokoll einer enttäuschten Fast-Liebe.

Betrüger lauern auch auf Dating-Plattformen: Eine Frau sucht nach potentiellen Partnern. Foto: iStock

Betrüger lauern auch auf Dating-Plattformen: Eine Frau sucht nach potentiellen Partnern. Foto: iStock

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Ich hatte mich aus einer schwierigen Beziehung gelöst und suchte Ablenkung. Meine Freunde rieten mir zu der Dating-App Tinder. Ich war skeptisch, dachte aber: Warum nicht? Irgendwann hatte ich einen Match mit jemandem, der sich Sam Noel nannte. Sam kam aus Miami und lebte in Bern, wie er mir erzählte. Er arbeitete als Ingenieur, wir chatteten auf Englisch. Ich habe in den USA gelebt, fühle mich sicher in der Sprache, und die offene Art der Amerikaner gefällt mir.

Sam erzählte von seiner Mutter, die aus dem Tessin stamme und erkrankt sei, er erkundigte sich nach meinen Kindern. Er sei wie ich 49 Jahre alt, schrieb er, was mich überraschte, auf den Fotos sah er jünger aus und sehr attraktiv. Auf einem Bild posierte er auf einem Boot. Er liebte das Meer, genau wie ich. Als wir telefonierten, wunderte ich mich über seine Stimme: Sie passte irgendwie nicht zu seinem Äusseren. Aber das kommt vor. Und Sam gefiel mir. Wir beschlossen, uns zu treffen.

Er schickte mir einen Auszug von seiner Bank in Miami, darauf erkennbar ein Vermögen von über einer Million Dollar.

Dann musste Sam kurzfristig geschäftlich nach Istanbul reisen, und wir verschoben unsere Verabredung. Er hatte sich für ein grosses Bauprojekt beworben und durfte sein Konzept im Rahmen eines Wettbewerbs präsentieren. Ich hatte ihn gegoogelt und seinen Namen auf der Website eines internationalen Ingenieurbüros gefunden. Auch in Miami gab es einige Einträge auf seinen Namen. Am nächsten Tag kam eine verzweifelte Nachricht: Er sei am Flughafen ins Taxi zu seinem Hotel gestiegen, und als er bezahlen wollte, habe er bemerkt: Sein Portemonnaie war weg. Ich machte mir Sorgen. Er druckste herum, und irgendwann sagte er, es sei ihm sehr unangenehm, aber seine Freunde in den USA würden ihn im Stich lassen, ob ich ihm aushelfen könne.


Bilder: Tinder vs. LinkedIn


Nach seiner Rückkehr würden wir uns ja endlich treffen, und dann würde er mir das Geld zurückgeben, er würde mir sogar mehr geben. Er schickte mir einen Bankauszug von seiner Bank in Miami, darauf erkennbar ein Vermögen von über einer Million Dollar. Wir telefonierten, Sam trug einen Anzug und sass in seinem Hotelzimmer zwischen Stapeln von Akten. Die Verbindung war schlecht, das Bild etwas verschwommen, aber ich konnte ihn deutlich erkennen.

Betrug nach Istanbul

Ich finde es wichtig, anderen zu helfen, also willigte ich ein. Als ich an einem Kiosk mit Money Gram das Geld schicken wollte, fragte der Verkäufer: «Kennen Sie den Empfänger persönlich? Nach Istanbul gibt es sehr viel Betrug.» Ja klar, sagte ich, das sei ein Freund von mir. Ich schickte ihm 1500 Franken – mehr konnte ich nicht aufs Mal abheben. Zu Hause traf ich meine Nachbarin und erzählte ihr die Geschichte. «Man muss anderen Menschen helfen, wenn sie in so eine Lage geraten», sagte sie. «Ich gebe dir 1500 Franken, bei Gelegenheit kannst du sie mir zurückzahlen.»

Und ich begriff: Sam war die perfide Erfindung einer hochprofessionellen Verbrecherbande.

Sam bedankte sich überschwänglich für die 3000 Franken. Am nächsten Tag ging ich mit einer alten Freundin Kaffee trinken. Sie hörte mir schweigend zu. Am Ende sagte sie: «Versprich mir eins: Du sendest ihm kein Geld mehr.» Abends schickte sie mir ein E-Mail mit einem Link zu einem Artikel: Die nigerianische Waffenmafia bringt mithilfe gefälschter Tinder-Accounts Frauen in der Schweiz um Geld, stand da. Mir wurde kalt, ich zitterte am ganzen Körper. Und ich begriff: Sam war die perfide Erfindung einer hochprofessionellen Verbrecherbande.

Die Fotos, die Bankauszüge, die Viber-Gespräche – alles gefälscht. Ich ging zur Polizei, wo man mir sagte, ich sei nicht die Einzige, die auf so etwas hereingefallen sei. Die Schweizer Polizei habe in solchen Fällen aber leider keine Handhabe. Ich löschte den Kontakt auf Viber, über den wir kommuniziert hatten. Das Schlimmste ist nicht, dass das Geld weg ist, das Schlimmste ist – und das finde ich wirklich traumatisch –, dass ich mich so täuschen liess. Es dauert seine Zeit, bis man wieder auf den eigenen Instinkt vertraut.

Dieser Artikel erschien erstmals am 12. November 2017.

Erstellt: 25.08.2018, 20:34 Uhr

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