Wie Scientology getarnt um Mitglieder wirbt

Die umstrittene Religionsgemeinschaft ist in Schweizer Innenstädten sehr präsent – dank eines Tricks.

Setzen auf Standaktionen: Scientologen sprechen in Bern Fussgänger an.

Setzen auf Standaktionen: Scientologen sprechen in Bern Fussgänger an. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Kürzlich an der Marktgasse in Winterthur: Auf einem langen Tisch, über den ein samtrotes Tuch gebettet ist, stapeln sich Ausgaben von «Dianetics». Das Buch des Scientology-Gründers und ehemaligen Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard ist die Bibel für Scientologen. Davor verteilen mehrere Standmitarbeiter Flyer an Passanten, erzählen von den Lehren Hubbards.

Wie der Belegungskalender der Winterthurer Stadtpolizei zeigt, ist die umstrittene Religionsgemeinschaft besonders oft mit Standaktionen in der Altstadt präsent. Die Statistiken der Stadtpolizei für bewilligungspflichtige Standaktionen reichen nur bis Mitte 2016 zurück. Neuere Zahlen zeigen, dass Scientology im Jahr 2017 24 Mal einen Stand hatte und 2018 sogar 26 Mal.

Winterthur ist keine Ausnahme

Keine andere Organisation hat mehr Standaktionen. Die Religionsgemeinschaft sticht damit sogar professionelle Fundraising-Unternehmen aus, die mit 20 respektive 16 Aktionen vertreten waren. Die Stadtpolizei gibt keine Namen bekannt. Zu den Fundraisern, die häufiger in der Stadt anzutreffen sind, gehören beispielsweise Corris, die für Pro Infirmis oder Helvetas wirbt, oder Lecho, das Pan Eco oder Terre des Hommes zu seinen Kunden zählt.

Laut Jürg Stettler, dem Präsidenten von Scientology Zürich, ist die Gemeinschaft in vielen Städten mit Standaktionen präsent. «Winterthur ist hier keine Ausnahme.» Zudem würden schon seit langem Infostände durchgeführt. «Vielleicht etwas mehr in den letzten Jahren.»

«Problematisch an Narconon ist, dass sie die wissenschaftliche Psychiatrie scharf ablehnen.»Georg Otto Schmid, Informationsstelle Relinfo

Besonders aktiv ist Scientology in Zürich, wo der Verein seine Präsenz im öffentlichen Raum in den letzten vier Jahren verdoppelt hat. Die Obergrenze für Standaktionen, die in der Stadt Zürich gilt, umging sie mit einem Trick: Sie versuchte, ihre Lehren mit Vereinen wie «Sag Nein zu Drogen» oder «Jugend für Menschenrechte» zu verbreiten.

Die Vereine sind rechtlich eigenständig und haben auf den ersten Blick nichts mit Scientology zu tun. Meist deutet nur ein kleiner Hinweis auf der Website darauf hin, dass sie nach den Lehren von Hubbard geführt werden. «Die Vereine werden von uns unterstützt», sagt Präsident Stettler. Heikel ist vor allem, dass Scientology mit diesen Tarnorganisationen versucht, neue Mitglieder anzuwerben.

Beispielsweise mit Narconon, einem Verein, der zur drogenfreien Gesellschaft aufruft und weltweit Entzugskliniken betreibt. Georg Otto Schmid von der evangelischen Informationsstelle Relinfo sagt: «Uns liegen verschiedene Berichte von Personen vor, die über Narconon-Programme zu Scientology gekommen sind.»

Susanne Schaaf von der Beratungsstelle Infosekta fügt an: «Drogen sind ein zentrales Thema der Organisation, um ihre Sichtweise zu transportieren und Menschen auf Scientology aufmerksam zu machen.» Ehemalige Narconon-Mitarbeiter hätten ihr bestätigt, dass das Angebot des «einzig effektiven Programms» auch dazu diene, Menschen für Scientology zu gewinnen.

Mitglieder von Narconon halten auch immer wieder Referate an Schulen.

«Problematisch an Narconon ist, dass sie die wissenschaftliche Psychiatrie scharf ablehnen», sagt Schmid. So ist bekannt, dass Patienten während des Entzugs bis zu fünf Stunden pro Tag in der Sauna sitzen, Nahrungsergänzungsmittel in grossen Mengen zu sich nehmen und dazu eine Art Persönlichkeitstraining absolvieren. Die Therapien sind teuer. Laut Kritikern will Narconon damit Patienten finanziell an die Organisation binden. Infosekta sind Fälle bekannt, bei denen der Narconon-Aufenthalt laufend hinausgezögert und die Betroffenen immer stärker eingebunden wurden.

In Marthalen trat der Verein beispielsweise gleich dreimal auf. Zuletzt zwar 2013, der Beitrag des begeisterten Klassenlehrers war aber bis vor kurzem noch auf der Narconon-Website abrufbar. Der Lehrer schreibt dort: «Der Vortrag war nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch methodisch und sprachlich absolut schülergerecht. Besonders spannend fand ich, dass es den Referenten aufgrund ihrer eigenen langjährigen Suchtbiografie gelang, diese Materie persönlich und glaubwürdig den Schülern zu vermitteln.»

Die damalige und heutige Schulleiterin Ida Kaissl hält fest, dass die Mitglieder keine Propaganda für Scientology betrieben hätten und die Lehrperson «definitiv» nicht mit der umstrittenen Gemeinschaft verbunden sei. Auf Wunsch der Schülerinnen und Schüler habe der Lehrer ein entsprechendes Angebot gesucht und sei so darauf gekommen. «Scientology-Inhalte waren nicht im Ansatz Gegenstand dieser Vorträge.» Die Betroffenen hätten im Wesentlichen über ihre persönliche Suchtbiografie gesprochen. Ein Vortrag dieser Art habe danach auch nicht wieder stattgefunden.

«Es bestehen keine Verflechtungen zwischen Narconon und Scientology.»Jürg Stettler, Präsident Scientology Zürich

Stettler bestreitet die Vorwürfe, dass Narconon dazu diene, Mitglieder für Scientology anzuwerben: «So wenig wie Caritas ein Tarnverein der katholischen Kirche ist, sind diese Organisationen verkappte Scientology-Vereine.» Die Vereine hätten ganz andere Ziele und dienten in keinster Weise der Mitgliederwerbung. «Narconon lehrt keine religiöse Philosophie. Es bestehen keine personellen und finanziellen Verflechtungen zwischen Narconon und Scientology.» Aber: «Selbstverständlich unterstützen Scientologen Narconon, die in vielen Ländern staatliche Unterstützung geniesst.»

Generell auf dem Rückzug

Scientology will vergleichsweise offensiv neue Mitglieder anwerben, muss aber vor allem um bestehende kämpfen. «Die Zahl der Scientologen in der Schweiz ist gesunken», sagt Schmid.

Diesen Eindruck hat auch Manfred Harrer von der «Gewaltfreien Aktion gegen Scientology» in Basel: «Wir beobachten alle Infostände, diese werden permanent weniger und stossen bei der Bevölkerung kaum noch auf Interesse.»

«Narconon sucht bewusst ländliche Gegenden auf, wo Scientology gar nicht im Gespräch ist.»Manfred Harrer, «Gewaltfreie Aktion gegen Scientology»

Auch Narconon verliert Mitglieder. Laut Schaaf wurden deren Zentren mit einem stationären Angebot in der Waadt und in Appenzell geschlossen. Eine Einrichtung im Aargau bietet noch Prävention und Beratungen an. «Für stationäre Behandlungen werden Personen ins Ausland vermittelt, beispielsweise nach Holland», sagt Schaaf von Infosekta. «Nach Aussagen von Ehemaligen und unseren Erfahrungen hat Narconon heute eine weit geringere Bedeutung als in den 80er- und 90er-Jahren», sagt Schmid.

Während Scientologen, Mormonen und die Zeugen Jehovas verlieren, nehmen kleinere Gruppierungen stark zu. Im Trend sind laut Schmid Gruppen, «bei denen sich Anhänger um eine Einzelperson scharen und diese als Anführer oder Guru verehren».

Dass es in Zukunft gar nicht mehr zu Werbeversuchen von Narconon oder Scientology kommt, ist trotzdem unwahrscheinlich. Laut Schmid sind ihre Werbebemühungen an Schulen und in der Öffentlichkeit nach wie vor gross. «Narconon-Mitarbeiter suchen bewusst ländliche Gegenden auf, wo Scientology gar nicht im Gespräch ist», sagt Harrer.

Susanne Schaaf von Infosekta weist darauf hin, dass Narconon in Basel oder Luzern weiterhin aktiv ist. «Es ist wichtig, dass Schulen, die Suchtprävention im Unterricht durchführen wollen, genau hinschauen, wen sie zu sich einladen.» Scientology gehe aktiv auf die Schulen zu. Die Schulen aber könnten sich schützen: «Im Internet kann man sich leicht darüber informieren, welche Vereine zur Organisation gehören.»

(Der Landbote)

Erstellt: 22.05.2019, 10:59 Uhr

Buddhistische, esoterische und psychologische Züge

Scientology beruht auf den Lehren des Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard, der sie 1953 gründete. Hubbard versteht jeden Menschen als von Traumata belastet, von denen ihn nur Scientology-Techniken befreien können. Die Bewegung lässt sich weltanschaulich nicht eindeutig zuordnen. Sie weist buddhistische, esoterische und psychologische Merkmale auf.

Scientology bezeichnet sich selbst als Kirche, befasst sich jedoch nicht mit Gott. Der Gemeinschaft werden sektenhafte Züge zugesprochen. Mitglieder sollen zu Hungerlöhnen arbeiten, würden terrorisiert, wenn sie aussteigen wollen, und mit den teuren Beiträgen in die Schulden getrieben. Laut Stettler hat die Gemeinschaft in der Schweiz neun Kirchen und Missionen, in denen über 300 Aktivmitglieder zu meist 40 Stunden pro Woche arbeiten und rund 5000 Scientologen betreuen.

Freikirchen, esoterische Zirkel und Gurus sind «trendy»

Der heutige Trend zum Individualismus zeigt sich auch im Glauben: «Überschaubare, familiäre Einheiten gelten heute als attraktiver als grössere, anonymere Organisationen», sagt Sektenexperte Georg Otto Schmid. «Trendy» seien vor allem Mini-Freikirchen, esoterische Kleinzirkel oder hinduistisch geprägte Gurus mit einem elitären Kreis von Lernenden.

Attraktiv daran sei, dass grosse Gemeinschaften sehr schnell mit Medienrecherchen und Aussteigerberichten im Internet konfrontiert seien, wogegen Kleingemeinschaften mitunter über Jahre bestehen könnten, ohne von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Eine zunehmende Zahl von Kleingemeinschaften sei deshalb gar nicht auf grossen Zulauf aus. «Sie beschränken sich auf eine auserwählte Gruppe hingegebenster Mitglieder», sagt Schmid.

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