Mit den Singles kann mans ja machen

Niemand in der Schweiz muss finanziell so bluten wie die Alleinstehenden.

Möglichst viel zahlen und möglichst wenig profitieren: Unverheiratete Kinderlose sind offenbar Menschen zweiter Klasse. Illustration: Michael Pleesz

Möglichst viel zahlen und möglichst wenig profitieren: Unverheiratete Kinderlose sind offenbar Menschen zweiter Klasse. Illustration: Michael Pleesz

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Familien sind gerade sehr begehrt. Ein regelrechter Wettbewerb ist um sie ausgebrochen. Ob Vaterschaftsurlaub, Kinderabzüge, Verbilligung bei den Krankenkassenprämien oder subventionierte Krippen, alle wollen sie die Familien an ihre Brust drücken und sich besonders fürsorglich um sie kümmern. Von der SVP über die bürgerliche Mitte bis zu den Linken und den Grünen – alle lieben sie die Familien und hoffen, entsprechend zurückgeliebt zu werden. Denn mit dieser Fürsorglichkeit lassen sich, natürlich, Stimmen gewinnen.

«Für die Familie» zu sein, ist zwar reichlich banal – wer ist schon «gegen die Familie»? –, aber es ist sympathisch und vor allem: das Wahlversprechen schlechthin, nämlich das Synonym für finanzielle Privilegien, für Vergünstigungen und Rabatte aller Art, ein Garant dafür, dass finanzielle Mittel gesprochen werden. «Entlasten» heisst das im Jargon jener, die Geld verteilen.

Von so viel Liebe und Gross­zügigkeit können die 1,3 Millionen Einzelpersonenhaushalte in der Schweiz, Tendenz steigend, nur träumen. Trotz ihrer erstaunlich grossen Zahl und der vielen Ledigen – ein Drittel der erwach­senen Bevölkerung – interessiert sich nämlich niemand für sie. Die alleinstehende Verkäuferin und der ledige Maurer ohne Kinder haben keine Lobby.

Am Konzept, dass Verheiratete bevorzugt werden, hat sich trotz einer moder­neren Gesellschaft und neuen Lebensformen kaum etwas geändert.

Dabei sind sie es, die diese Entlastungen, welche die Politik den Familien so gerne gewährt, zum grossen Teil erst möglich machen. Jérôme Cosandey von Avenir Suisse etwa spricht von einer «Querfinanzierung» der Familien durch die alleinstehenden Kinderlosen. Und Sylvia Locher, Präsidentin des Vereins Pro ­Single Schweiz, sagt es so: «Die Staats­kasse funktioniert wie eine Familienkasse. Wenn für die einen Familienmitglieder mehr Geld ausgegeben wird, steht den anderen weniger zur Verfügung, oder die Kasse muss wieder aufgefüllt werden – beim Staat übernehmen ­diese Aufgabe fast immer die Alleinstehenden.»

Seit 20 Jahren kämpft die 63-Jährige für die Interessen jener, für die sonst niemand kämpft. Sie schaut der Politik auf die Finger und klopft umgehend auf selbige drauf, wenn das Parlament wieder freudig Geld verteilt – an alle ausser an die Ledigen. Denn am Konzept, dass Verheiratete bevorzugt werden, hat sich trotz einer moder­neren Gesellschaft und neuen Lebensformen kaum etwas geändert. Und deshalb, weil ihr langsam die Geduld ausgeht, hat Sylvia Locher nun all das, was sie seit 20 Jahren umtreibt und kritisiert, in einem Buch zusammengefasst. Es heisst «Singles ohne Kinder – Tragende Säulen der Gesellschaft» und ist gespickt mit Zahlen und Tabellen; der Text dazu liest sich trotz der als trocken verschrienen Materie flüssig und ist leicht verständlich.

Vor allem aber reibt man sich die Augen, denn unverheiratete Kinderlose sind offenbar Menschen zweiter Klasse. Für sie gilt: Sie sollen möglichst viel zahlen und möglichst wenig profitieren. Sylvia Locher fragt: «Inwiefern hat es mit Solidarität zu tun, wenn eine Bevölkerungsgruppe derart zur Kasse gebeten wird?» Sie sei für ­Solidarität, keine Frage. Und habe erst recht nichts gegen Familien oder Paare, es gehe nicht darum, die Parteien gegeneinander auszuspielen. Sie erlaubt sich bloss die Frage, woher sich der Staat eigentlich das Recht herausnimmt, le­dige Kinderlose derart zu schröpfen, zu benachteiligen und gar über ihr Geld zu verfügen – und weshalb die viel bemühte Solidarität für sie nicht gelten soll.


Ein paar Beispiele:

Bundessteuer

Kinderlose Alleinstehende haben die direkte Bundessteuer ab einem Einkommen von 24225 Franken zu entrichten. Ein verheiratetes Paar ohne Kinder ab 43825 Franken, ein verheiratetes Paar mit zwei Kindern ab 97 550 Franken. Und ein Doppelverdienerpaar mit Kindern sogar erst ab 114 375 Franken. Die Hälfte aller Familien in der Schweiz zahlt dank Ab­zügen überhaupt keine direkte Bundessteuer.

Kantons- und Gemeindesteuer

Alleinstehende ohne Kinder bezahlen ihr Leben lang einen höheren Tarif als Paare.

Ehepaare profitieren automatisch von einem günstigeren Steuertarif, der auch nach der Familienphase gilt, also auch dann, wenn die Kinder längst ausge­flogen sind.

Pensionskasse

Kinderlose Alleinstehende dürfen ihr Pensionskassenkapital niemandem vererben. Das Geld, das sie über Jahre einbezahlt haben, verbleibt nach ihrem Tod in der Pensionskasse. Schweizweit profitieren Pensionskassen davon jährlich in der Höhe von 500 Millionen Franken. Kinderlosen Alleinstehenden wird damit nicht weniger als eine halbe Milliarde Franken jährlich vorenthalten.

Erbrecht/Erbschaftssteuer

Alleinstehende Kinderlose können ihre Hinterlassenschaft nicht steuerfrei vererben. Und das, obschon sie davor schon ein Leben lang höhere Steuern auf ihr Einkommen bezahlt haben. Sie werden gleich doppelt bestraft.


Trotzdem hält sich das Klischee von den bedürftigen Familien und den reichen Singles hartnäckig. ­Sylvia Locher schüttelt den Kopf: «Wie wenn Alleinstehende automatisch vermögend wären. Eben gerade nicht! Niemand ist so häufig auf Ergänzungsleistungen im Alter angewiesen wie Ledige.» Insbesondere die Frauen, die ­wegen ihrer tieferen Löhne doppelt benachteiligt sind. Wenn dann noch Mütter erklären, es lohne sich für sie ja wegen der hohen Betreuungskosten nicht, einer ausserhäus­lichen Berufstätigkeit nachzugehen, dann, so sagt ­Sylvia Locher, sei das «ein Hohn in den Ohren einer alleinstehenden Frau, die mit dem Lohn als Sachbear­beiterin durchkommen muss». Denn diese könne nicht wählen, ob es sich für sie «lohne»: «Sie muss einer Arbeit nachgehen, muss froh sein, wenn sie überhaupt eine hat.»

Die Alleinstehenden müssen nicht nur bei Steuern und Sozialversicherungen bluten. Sie sind auch sonst von vielen Vergünstigungen ausgeschlossen, denn Rabatte sind häufig an die Grösse eines Haushalts geknüpft. Das GA für Erwachsene (3860 Franken) zum Beispiel muss nur voll bezahlen, wer alleine wohnt – alle anderen können es deutlich günstiger erwerben. Paare etwa, ob verheiratet oder nicht, sparen auf diese Weise 1160 Franken. Die SBB schliessen damit einfach mal eine ziemlich grosse Bevölkerungsgruppe aus, nämlich 1,3 Millionen Einzelpersonenhaushalte. Genauso die Swisscom, die nur Mehrpersonenhaushalte mit Rabatten lockt.

Und weil denen, die haben, gegeben wird, profitieren sie auch an zahlreichen anderen Orten. Es gibt für sie Preisnachlässe in Museen und Zoos, in gewissen Kantonen bei der Spitex, dem Gönnerverein der Zürcher Tonhalle, bei der Rega-Mitgliedschaft oder der Pro Senectute. Umgekehrt wird von einem Einpersonenhaushalt dieselbe Radio- und Fernsehgebühr verlangt wie von einem Haushalt, in dem vier Personen die Dienste der SRG nutzen – auch da zahlt der Single drauf.

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Tatsächlich lassen sich die Rabatte für Familien nicht schlüssig erklären, denn deren Ausgaben steigen mit der Anzahl Mitglieder keineswegs linear: Ein Vierpersonenhaushalt braucht nicht viermal so viel Geld für denselben Lebensstandard wie eine alleinstehende Person, sondern gemäss Berechnungen der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) nur 2,1-mal.

Angesichts all dieser Fakten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier nicht um Sachlichkeit geht, sondern um Moral. Die CVP etwa kritisiert vehement die Benachteiligung durch die Heiratsstrafe, lässt aber die weitaus stärker benachteiligten Singles links liegen. Überhaupt scheint deren Schröpfen gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Vielleicht weil Ehe und Familie der ­hohen Scheidungsrate zum Trotz immer noch als Ideal gelten und die Mehrheit der Minderheit ihre ­Lebensform übelnimmt, sie dafür verurteilt.

Tatsächlich, sagt auch Sylvia Locher, komme ihr der Umgang mit den Alleinstehenden manchmal vor wie eine Kollektivbestrafung. Denn sie fallen ja ­immer irgendwann, die abfäl­ligen Bemerkungen, wonach sich Eltern aufopferten für die Gesellschaft und Kinderlose Schmarotzer seien.

Das ist nicht nur rechnerisch nachweislich falsch. Es geht dabei auch vergessen, dass es nicht immer eine freiwillige Wahl ist, alleinstehend und kinderlos zu sein. Verheiratet zu sein und eine Familie zu haben, indes schon.

Sylvia Locher: «Singles ohne Kinder – Tragende Säulen der ­Gesellschaft», 105 Seiten, 20 Franken, erhältlich bei prosingleschweiz.ch. Vernissage am Mi, 22. 1., 19 Uhr, Kulturhaus Helferei, Zürich



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Erstellt: 19.01.2020, 16:14 Uhr

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