Wie sollen wir «alternativen Fakten» begegnen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Fake-News.

«Die grösste Menschenmenge, die je einer Amtseinsetzung beigewohnt hat»: Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway lügt live im Fernsehen. Foto: Youtube

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Im Philosophieunterricht haben wir lange den Unterschied zwischen Meinung und Wissen diskutiert. Das kommt mir heute im Zusammenhang mit «alternativen» Fakten ziemlich hilflos vor. Ich wüsste nur zu gern, was Ihnen dazu durch den Kopf geht.
C.M.

Liebe Frau M.

Das Problem liegt darin, dass bei diesen Dingen die Realität in Wirklichkeit oftmals ganz anders aussieht als im tatsächlichen Leben. (Hübscher Scherz, nicht wahr?) Auf der einen Seite sind die Tatsachen, auf der anderen Seite das Wissen. Und Erkenntnisfortschritt besteht darin, unser Wissen von den Tatsachen auszudehnen. Dann gibt es noch die Meinungen. Das ist unsere subjektive Haltung zu den Tatsachen. Tatsache ist: Alle Menschen sind sterblich. Meinung: Und das ist gut so. Wir haben schon genug Dichtestress. Oder, andere ­Meinung: Finde ich Scheisse, ich wäre gerne unsterblich.

Tatsachen muss man als unverrückbar anerkennen, die Meinungen sind frei. Aber, wie gesagt, in Wirklichkeit sieht die Realität leider anders aus: Eine gewisse Sorte von Antisemiten zum Beispiel anerkennt nicht die Tatsache des Holocaust und ist anschliessend der Meinung, er sei eine tolle Sache gewesen. Vielmehr bezweifeln diese Leute, dass der Holocaust jemals stattgefunden hat. Was manche wiederum nicht daran hindert, ihre Gegner rückwirkend in die niemals vorhandenen Gaskammern zu wünschen.

Das Problem ist, dass man sich in ­Diskussionen mit Holocaustleugnern den Mund fusselig reden kann, ohne ­argumentativ jemals auf einen grünen Zweig zu kommen, denn sie verweigern sich schlicht dem Tatsachen-Meinungs-Schema. Sie machen Tatsachen zu ­Meinungen und Meinungen zu Tatsachen und haben auch nichts gegen Juden an sich, nur gegen deren weltweiten Einfluss. Sie bewegen sich in ihrem «Sprachspiel» (Wittgenstein) mit einer Lockerheit, dass den rationalen Logikern unter ihren Verächtern Hören und Sehen vergeht.

Erst aus Daten werden Fakten

Kommen wir nun zu den «alternativen Fakten». Als der Begriff aufkam, um offensichtliche Lügen Donald Trumps zu rechtfertigen, war die Empörung zu Recht gross. Als Gegenbewegung zu ­seinem Anti-Intellektualismus und seiner Wissenschaftsfeindlichkeit formierte sich in vielen Ländern die Bewegung des «March for Science», um gegen den Eintritt ins postfaktische Zeitalter zu protestieren und für die Alternativlosigkeit der Tatsachen einzustehen.

Leider zeichnet diese Bewegung in mancher Hinsicht auch ein Rückschritt in eine positivistische Erkenntnistheorie aus. Denn viele wissenschaftliche Fortschritte verdanken sich gerade dem Auftauchen alternativer Fakten. Moderne Naturwissenschaften handeln ja weniger mit Fakten als mit Daten, aus denen dann erst Fakten werden, wenn man sie innerhalb eines Modells interpretiert. Die Wahl dieses Modells kann naheliegend sein, aber sie ist nicht zwingend, also alternativlos.

Die Fakten und wir: «Es ist kompliziert» (Facebook).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2017, 18:47 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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