Wie Versicherungen Raser zur Kasse bitten

Wie immer das Urteil im Fall Täuffelen ausfällt – die Versicherung wird die beiden angeklagten Junglenker massiv zur Kasse bitten. Haftpflichtspezialist Urs Krebs im Interview.

Urs Krebs: «Es ist gut möglich, dass sich die Kosten für die Unfallverursacher auf eine Million Franken belaufen», sagt der Experte zum Fall Täuffelen.

Urs Krebs: «Es ist gut möglich, dass sich die Kosten für die Unfallverursacher auf eine Million Franken belaufen», sagt der Experte zum Fall Täuffelen. Bild: Stefan Anderegg

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Herr Krebs, seit Januar müssen die Versicherungen bei grob fahrlässigen Unfällen Regress auf die Verursacher nehmen. Gilt dies auch für die jungen Männer, die 2011 in Täuffelen einen tödlichen Unfall verursacht haben?
Urs Krebs: Ich kenne diesen Fall zwar nur aus den Medien, aber ja, die beiden müssen zusätzlich zum strafrechtlichen Urteil mit einem Regress ihrer Versicherung rechnen. Das war übrigens auch nach altem Recht möglich.

Was gilt als «grobe Fahrlässigkeit»?
Typisch sind etwa Unfälle unter Alkoholeinfluss oder aufgrund von Geschwindigkeitsexzessen. Aber auch das Missachten eines Stoppsignals oder Rotlichts fällt unter diesen Begriff.

Im Fall von Täuffelen: Wie hoch könnte die Schadensumme hier sein?
Ein 34-jähriger zweifacher Familienvater kam ums Leben. Abgesehen vom unermesslichen menschlichen Leid, hat dies die Konsequenz, dass er als Versorger fehlt. Die Hinterbliebenen haben also Anspruch auf diesen künftig fehlenden Unterhalt.

Wie lange?
Die Kinder bis längstens zum 20. Lebensjahr, falls sie studieren, bis zum 25. Auch der Ehepartner hat Anspruch auf Unterstützung. Dafür kommen primär die AHV und die obligatorische Unfallversicherung auf.

Nehmen diese ebenfalls Regress?
Ja, sie können ebenfalls an die Haftpflichtversicherung des Verursachers gelangen. Das ergibt für diese Versicherung die Gesamtkosten, die sie dann vom Versicherten anteilsmässig zurückfordern kann.

Kommen noch weitere Kosten dazu?
Ja, die Beerdigungskosten, die Genugtuung für die Hinterbliebenen und der sogenannte Haushaltschaden. Dabei handelt es sich um die Aufgaben, die eine verstorbene Person im Haushalt übernommen hat und die nun nicht mehr erbracht werden. Dieser Ausfall muss auch abgegolten werden.

Wie lässt sich das berechnen?
Grundlage dafür ist die Statistik der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung. Aufgrund zahlreicher Befragungen wurde der Haushaltaufwand für verschieden grosse Familien festgelegt. Anhand dieser Daten lässt sich der finanzielle Wert von Haushaltleistung ermitteln. Wie hoch die Schadensumme insgesamt ist, hängt natürlich vom Einzelfall ab.

Wie hoch könnte also im Fall von Täuffelen der Betrag sein, den die Unfallverursacher berappen müssen?
Es ist gut möglich, dass sich die Kosten auf eine Million Franken belaufen – allein für den Versorgungsausfall des verstorbenen Familienvaters.

In Täuffelen wurden auch drei Personen zum Teil schwer verletzt.
Jeder Geschädigte wird separat betrachtet und entschädigt. Auch hier geht es um Erwerbsausfall, Haushaltschaden, Genugtuung, um Heilungskosten sowie bei bleibenden Schäden möglicherweise auch um Pflegekosten. Ist ein Opfer nach einem Unfall querschnittgelähmt und sein Leben lang auf Pflege angewiesen, dann kann der Schaden in die Millionen gehen.

Muss ein Unfallverursacher auch zahlen, wenn er vor Gericht freigesprochen wird?
Es handelt sich um verschiedene Verfahren: Das Gericht beurteilt die strafrechtliche Seite, die Versicherer die zivilrechtliche. Es kann vorkommen, dass jemand strafrechtlich freigesprochen wird, zivilrechtlich aber trotzdem Schadenersatz leisten muss. In der Praxis ist es allerdings meistens so, dass Autofahrer, die so schlimme Unfälle wie jenen von Täuffelen verursacht haben, auch strafrechtlich verurteilt werden.

Wie viel muss ein Unfallverur­sacher bei solchen Millionenschäden bezahlen ?
Das hängt vom Einzelfall ab. Das Gesetz sieht explizit vor, dass die finanzielle Situation des grob fahrlässig handelnden Unfallverursachers zu berücksichtigen ist. Wir dürfen also niemanden in den Ruin treiben. Früher war das nicht so, da konnte eine Versicherung theoretisch bis zu 100 Prozent der Kosten vom Unfallverursacher zurückfordern. Das neue Gesetz hat an unserer Praxis jedoch nichts geändert – wir haben schon immer darauf geachtet, dass wir bei Regressen niemanden in den Ruin treiben. Den Verursachern des Unfalls von Täuf­felen könnte es aber blühen, dass ihre Versicherung den Fall nach altem Recht beurteilt und die Schadensumme grösstenteils von ihnen zurückfordert.

Wie legt die Versicherung denn die Höhe der Beteiligung fest, die ein Unfallverursacher bezahlen muss?
Auch anhand des Tatbestands. Es spielt also eine Rolle, wie viele Stundenkilometer zu schnell jemand gefahren ist. Der Fall von Täuffelen ist meines Erachtens extrem, weil die Geschwindigkeitsübertretung innerorts offenbar massiv war. Da könnte eine Versicherung gut 50 Prozent der Schadensumme zurück­fordern.

Muss ein Verursacher dann zahlen, wenn er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird?
Ja. In der Regel machen die Ver­sicherungen bei hohen Regressen eine Abzahlungsvereinbarung, und die Leute stottern den Betrag ab.

Wie lange kann das dauern?
Das können 10, 15 Jahre sein. Es ist wichtig, dass Leute, die grob fahrlässig handeln, die Konsequenzen spüren.

Was, wenn ein Unfallverursacher weder Vermögen noch Einkommen hat?
Er wird allenfalls betrieben, und im schlimmsten Fall gibt es einen Verlustschein.

Kann man sich gegen einen Regress wehren?
Man kann sich immer wehren. Allerdings hilft dies in solchen Fällen wenig. Die Chance, dass ein Raser recht bekommt, ist faktisch null.

In der Fahrschule ist der Regress der Versicherungen in der Regel kein Thema. Braucht es mehr Aufklärung?
Das würde sicher helfen. Viele Autofahrer glauben fälschlicherweise, mit einer Autoversicherung sei alles gedeckt.


Urs Krebs arbeitet seit über 30 Jahren als Schadeninspektor und Haftpflichtspezialist bei der Mobiliar.

Erstellt: 14.12.2015, 09:24 Uhr

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Der Fall Täuffelen

Seit dem 1. Januar müssen sich Autofahrer, die grob fahrlässig einen Unfall verursacht haben, an den Kosten ihrer Haftpflichtversicherung beteiligen. Das kann teuer werden: Je nach Verschulden muss der Täter seiner Versicherung zwischen 10 und 50 Prozent der Schadensumme erstatten. Diese Regresspflicht ist eine der Gesetzesänderungen, die das Bundesparlament mit Via Sicura 2012 beschlossen hatte. Dabei handelt es sich um ein Programm mit fünf Punkten, das die Sicherheit auf der Strasse erhöhen soll. Drei der Massnahmen wurden bereits umgesetzt. So wurden 2013 Raserdelikte im Gesetz klar definiert. Als Raser gilt, wer in einer 30er-Zone 40, in einer 50er-Zone 50, in einer 80er-Zone 60 sowie in einer 100er- oder 120er-Zone mindestens 80 Stundenkilometer zu schnell fährt. In solchen Fällen kann das Gericht das Auto des Täters einziehen lassen. Im Jahr 2014 folgte das zweite Massnahmenpaket. Dazu gehören unter anderem das Lichtobligatorium am Tag sowie die Alkohollimite von 0,1 Promille für Berufschauffeure. Bei der dritten Via-Sicura-Massnahme handelt es sich um die erwähnte Regresspflicht der Versicherer. Die beiden letzten Massnahmenpakete sollen nächstes Jahr oder 2017 in Kraft treten –?sofern das Parlament ihnen zustimmt. Umstritten sind beispielsweise Bestimmungen für Senioren wie eine Alters­beschränkung für den Führerschein.as

Das sagt das Gesetz

Seit dem 1. Januar müssen sich Autofahrer, die grob fahrlässig einen Unfall verursacht haben, an den Kosten ihrer Haftpflichtversicherung beteiligen. Das kann teuer werden: Je nach Verschulden muss der Täter seiner Versicherung zwischen 10 und 50 Prozent der Schadensumme erstatten. Diese Regresspflicht ist eine der Gesetzesänderungen, die das Bundesparlament mit Via Sicura 2012 beschlossen hatte. Dabei handelt es sich um ein Programm mit fünf Punkten, das die Sicherheit auf der Strasse erhöhen soll. Drei der Massnahmen wurden bereits umgesetzt. So wurden 2013 Raserdelikte im Gesetz klar definiert. Als Raser gilt, wer in einer 30er-Zone 40, in einer 50er-Zone 50, in einer 80er-Zone 60 sowie in einer 100er- oder 120er-Zone mindestens 80 Stundenkilometer zu schnell fährt. In solchen Fällen kann das Gericht das Auto des Täters einziehen lassen. Im Jahr 2014 folgte das zweite Massnahmenpaket. Dazu gehören unter anderem das Lichtobligatorium am Tag sowie die Alkohollimite von 0,1 Promille für Berufschauffeure. Bei der dritten Via-Sicura-Massnahme handelt es sich um die erwähnte Regresspflicht der Versicherer. Die beiden letzten Massnahmenpakete sollen nächstes Jahr oder 2017 in Kraft treten –?sofern das Parlament ihnen zustimmt. Umstritten sind beispielsweise Bestimmungen für Senioren wie eine Alters­beschränkung für den Führerschein.as

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