Die 40-Stunden-Woche hat ausgedient

Lange Arbeitstage machen krank und Roboter übernehmen Jobs: Ein Historiker fordert eine radikale Umgestaltung der Arbeit.

Algorithmen übernehmen die Arbeit, für uns Menschen bleibt mehr Freizeit: Diese Utopie entwirft Historiker Rutger Bregman in seinem Bestseller. Foto: Getty Images

Algorithmen übernehmen die Arbeit, für uns Menschen bleibt mehr Freizeit: Diese Utopie entwirft Historiker Rutger Bregman in seinem Bestseller. Foto: Getty Images

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Gute Ideen haben es an sich, dann zu kommen, wenn man es gerade nicht darauf anlegt: im Museum, unter der Dusche, im vollen Bus, an der Supermarktkasse. Geniale Eingebungen, die der Arbeit dienlich wären, hat man selten bei der Arbeit, und so verzweifelt man regelmässig vor dem leeren Bildschirm oder dem Blatt Papier.

Das war auch schon Benjamin Franklin bewusst. Deshalb war der Politiker, Schriftsteller, Forscher, Verleger, Erfinder, Gründervater der USA stets darauf bedacht, nur die nötigste Zeit vor leeren Seiten zu verbringen. Franklin war für seinen Fleiss genauso bekannt wie für seinen Sinn fürs Nichtstun – denn ihm war klar, wie produktiv Unproduktivität sein kann. Neben seinem Beruf des Druckers, mit dem er seine Ausgaben bestritt, gönnte er sich stets lange Mittagspausen und freie Abende. Erst dann hatte er gute Ideen und erfand segensreiche Dinge wie den rauchfreien Ofen, den Blitzableiter, den Harnkatheter.

Zu Franklins Zeiten wurde so viel gearbeitet, wie es der Lebensunterhalt erforderte, wie der Acker hergab, wie das Tageslicht erlaubte. Im Vordergrund standen nicht Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts änderte sich das, mit Fabriken, Massenproduktion und Elektrifizierung entstand die Leistungsgesellschaft, Arbeit wurde strukturiert und gemessen. Die Gleichung lautet seitdem: viel Arbeit = viel Produktion = viel Wohlstand. Freie Zeit ist zu einem kostbaren Gut geworden, der moderne Mensch reibt sich auf zwischen Job, Haushalt, Kinder- und Elternbetreuung. Muss das so sein?

Uns geht die Arbeit aus, Automatisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz übernehmen eine Tätigkeit nach der anderen.

Nein, findet der Historiker und Publizist Rutger Bregman und prescht mit einer radikalen Forderung voran: In seinem Buch «Utopien für Realisten» (Rowohlt Verlag) plädiert er für eine 15-Stunden-Arbeitswoche; es ist ein Bestseller und wurde in 30 Sprachen übersetzt. Der 31 Jahre alte Niederländer wiederholt damit eine Prophezeiung, die der britische Mathematiker und Ökonom John Maynard Keynes bereits 1930 aufstellte: Im Jahr 2030, so Keynes in seinem Aufsatz «Wirtschaftliche Möglichkeiten unserer Enkel», wird eine der grössten Herausforderungen der Menschheit die Freizeit sein; denn dann, hundert Jahren später, werde der westliche Lebensstandard das Niveau von 1930 um mindestens das Vierfache übersteigen. Die Folge: Wir werden nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten.

Der technologische Fortschritt könnte Keynes' kühne Utopie wahr machen. Uns geht die Arbeit aus, Automatisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz übernehmen eine Tätigkeit nach der anderen. Roboter und Algorithmen ersetzen Abläufe, ja ganze Berufe. Stromableser, Pförtner, Supermarktkassierer, Reisebürobetreiber sind am Aussterben, Bus-, Taxi- und Fernfahrer dürften folgen, auch Piloten. Selbst bei Juristen, Versicherungsmaklern oder Ärzten wird automatisiert: Das Sortieren von Prozessakten, das Bewerten von Versicherungsschäden erledigen inzwischen Computerprogramme, chirurgische Eingriffe werden ferngesteuert. Roboter liefern Essen und Pakete, sie mischen Cocktails und dirigieren Orchester. Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz zwingen uns, Umfang und Verteilung menschlicher Arbeit neu zu denken. Wer muss, darf, soll künftig was und wie viel erledigen?

Zu viel Arbeit macht krank

Noch aber kleben wir an den Prinzipien eines Zeitalters, das wir längst revolutioniert haben. Das protestantische Arbeitsethos steckt tief in uns, produktiv zu sein, egal ob manuell, intellektuell oder kreativ, erscheint als einzig legitimer Zeitvertreib. «Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen», predigte Martin Luther. Recht hatte er: Der Mensch braucht Beschäftigung, das zeigen allein die vielen Rentner, die irgendwo irgendwas weiter geschäfteln, obwohl sie mit ihrer Rente hinkämen; sie wollen sich einbringen, sich nützlich fühlen.

Doch mit all dem Fleiss kam die Musse unter die Räder. Man kann auf allerlei Studien verweisen: Lange Arbeitsstunden erhöhen das Risiko eines Infarkts erheblich, das von Herzerkrankungen gar um 40 Prozent. Menschen, die mehr als elf Stunden täglich am Schreibtisch sitzen, neigen doppelt so oft zu Depressionen wie solche, die nach sieben oder acht Stunden den Computer runterfahren.

Wissenschaftler in Helsinki fanden in einer Langzeitstudie heraus, dass Managern, die in der Lebensmitte wenig Urlaub nahmen, im Alter Gesundheitsprobleme und früher Tod drohten. Überstunden sind ausserdem gefährlich. Je länger der Arbeitstag, desto fehleranfälliger seine Ergebnisse. Ärztliche Kunstfehler übermüdeter Chirurgen, falsche Abrechnungen erschöpfter Buchhalter zeigen das.

Erschöpfte Ärzte machen mehr Fehler: Chirurgen bei einer Operation. Foto: Getty

Mehr Arbeit lohnt sich auch in ganz anderer Hinsicht nicht unbedingt: Zwischen Arbeitszeit und Produktivität besteht nicht immer eine Korrelation. Mit seinen 38,6 Stunden arbeitet zum Beispiel der typische US-Angestellte 4,6 Stunden länger als sein norwegischer Kollege. Doch gemessen am Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet der Norweger 78,70 US-Dollar pro Stunde im Vergleich zu 69,60 Dollar des amerikanischen Angestellten. Laut einem anderen Ländervergleich arbeiten Italiener 35,5 Stunden die Woche, sie produzieren damit aber 40 Prozent mehr als die Türkei, wo die Menschen im Schnitt 47,9 Stunden tätig sind. Der Grund: bessere Ausbildung, bessere Maschinen, bessere Organisation.

Im späten 19. Jahrhundert waren 14- Stunden-Tage in den Fabriken die Norm. Es brauchte ausgerechnet einen Profiteur des Industriezeitalters, einen Bilderbuch-Kapitalisten, um zu erkennen, dass lange Arbeitstage jedoch kontraproduktiv waren. Der Autofabrikant Henry Ford experimentierte als Erster mit dem Achtstundentag (und der Fünftagewoche), weil das seine Arbeiter, wie er herausfand, leistungsfähiger machte. Weniger bedeutete mehr. Wenn also acht Stunden effizienter sind als ein Dutzend Stunden, lässt sich dieses Prinzip dann weiterdrehen?

Mal ehrlich: Wie viele Bürostunden durchstöbert man – heimlich, versteht sich – Facebook und Twitter, checkt private Mails, sucht nach Geburtstagsgeschenken und Kuchenrezepten? Wie viele verbringt man mit tatsächlicher Arbeit? Eine Umfrage unter 2000 Vollzeitbüroangestellten in Grossbritannien ergab, dass diese an einem durchschnittlichen Achtstundentag gerade mal zwei Stunden und 53 Minuten produktiv waren.

Natürlich gibt es Berufsgruppen, die sich ob solchen Ansinnens an den Kopf fassen. Für viele Altenpfleger, Vorstandsvorsitzende, Krankenhausärztinnen, Supermarktfilialleiter oder Rechtsanwältinnen ist eine 15-Stunden-Woche jenseits ihrer Realität, ein Hirngespinst, allenfalls frommes Wunschdenken. Ihr Beruf verlangt nun mal oft eine 40- oder 50-Stunden-Woche, Teilzeit können sich sowieso die wenigsten leisten. Sie müssen malochen – für die Miete, für die Ausbildung der Kinder, für die Altersversorgung.

Was aber tun mit der gewonnenen Zeit?

15 Wochenstunden funktionieren nur mit Lohnausgleich, und da ist man beim heiss debattierten bedingungslosen Grundeinkommen, das Rutger Bregman ebenfalls fordert, parallel zur Kurzwoche. Von dieser Kombination verspricht er sich das Rezept gegen Stress und Überarbeitung.

Über den Luxus einer 15-Stunden-Woche können wir allerdings nur spintisieren, weil jahrzehntelanges Wirtschaftswachstum die Grundlage dafür liefert. Insofern irrt Bregman, wenn er sagt: Würden die Menschen weniger konsumieren, kämen sie auch mit weniger Einkommen aus, sprich mit weniger Arbeit. Denn es ist gerade der Konsum, der die Wirtschaft am Laufen hält und mehr Freizeit ermöglicht. Bregmans Modell kann nur funktionieren, wenn an unserer Statt Roboter und andere künstliche Intelligenzen weiter für Wirtschaftswachstum und Nachfrage, sprich für Einkommen und Wohlstand sorgen.

Was aber tun mit der vielen gewonnenen Zeit? Klar, man kann sich endlich mehr der Familie, dem Garten, den Büchern widmen, das Rad selbst reparieren, die Küche selbst streichen, statt aus Zeitmangel Mechaniker und Maler teuer zu engagieren. Aber reicht das? Oder ist die Freizeitgesellschaft der Horror, weil die Leute nichts mit sich anzufangen wissen, vor dem Fernseher hängen oder mit Ballerspielen vorm Computer verblöden?

In Ländern mit niedriger Wochenarbeitszeit wächst ehrenamtliches Engagement.

Diese Befürchtung ist nicht neu. Der Geldadel des 19. Jahrhunderts war überzeugt, dass nur eine lange Arbeitswoche gegen Sittenverfall und Trunksucht helfe, dass die Arbeiterklasse mit Vakanz nichts anzufangen wisse. Und jetzt, da die Freizeit unser Leben zurückzuerobern droht? «Wirkliche Musse ist weder ein Luxus noch ein Laster», schreibt Bregman. «Wir können das gute Leben durchaus bewältigen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen.» Eine Work-Life-Balance könne sich von ganz allein einstellen, in Ländern mit niedriger Wochenarbeitszeit etwa wachse ehrenamtliches Engagement.

Und wer weiss, wie viele Benjamin Franklins mit ihren Ideen unerkannt unter uns weilen? Man müsste ihnen nur die Möglichkeit geben, ihren Erfindergeist auszuleben – und die nötige Zeit.

Erstellt: 04.10.2019, 14:40 Uhr

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