«Wieder eine Schiffsladung Schweizer»

Einst waren Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge. Und wenig geliebt, wie ein Blick ins Archiv der «New York Times» zeigt.

Im 19. Jahrhundert wanderten über 50 Millionen Europäer in die USA aus: Ankömmlinge auf Ellis Island.

Im 19. Jahrhundert wanderten über 50 Millionen Europäer in die USA aus: Ankömmlinge auf Ellis Island.

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Europa versucht derzeit, mit einem Strom von Flüchtlingen klarzukommen, den man so seit den Balkankriegen in den 1990ern nicht mehr gesehen hat. Gleichzeitig lässt die Debatte über die Problematik bisweilen Empathie vermissen: Schweizer Politiker rechter Couleur sprechen dann von Wirtschaftsflüchtlingen, welche die hohle Hand machen; von Asylchaos und Kosten für den Steuerzahler. Der Mensch wird reduziert, auf den Nutzniesser, auf das Ärgernis. Dabei zeigt ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher: Es gab Zeiten, da waren die Schweizer die Flüchtlinge.

Und dass sie als solche wenig beliebt waren, zeigt wiederum ein Blick ins Archiv der «New York Times». Marc Brupbacher, Ressortleiter News beim «Tages-Anzeiger», stiess auf eine Reihe von Artikeln, die sich mit Immigranten aus der Schweiz befassen. Im März 1855 etwa titelte die Zeitung: «Noch mehr Almosenempfänger aus der Schweiz – wieder eine Schiffsladung auf dem Weg». Der dazugehörige Artikel besteht aus einem Brief des US-Konsuls in Zürich, welcher die Immigrationsbehörde in New York vor einer Welle von Schweizer Einwanderern warnt. Die Gemeinde Niederwil (heute Rothrist) im Kanton Aargau habe 320 ihrer ärmsten Bewohner losgeschickt. Später ist die Rede davon, dass diese 320 Schweizer «sicherlich keine wünschenswerte Ergänzung zu unserer Bevölkerung sind».

Vom 16. bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verliessen stets mehr Menschen die Schweiz, als einwanderten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kann man gar von einer Auswanderungswelle sprechen. Die Bevölkerungszahlen stiegen, gleichzeitig verloren zahlreiche Schweizer ihren Broterwerb – sei es durch die fortschreitende Industrialisierung oder durch Kartoffelfäulnis und ähnliche Krisen in der Landwirtschaft.

Für die Gemeinden wiederum war es oftmals am einfachsten, ihren verarmten Bürgern einfach eine Überfahrt nach Südamerika oder in die USA zu zahlen. In den Vereinigten Staaten war man über diese Praxis alles andere als erfreut. In einem Artikel der «New York Times» vom Mai 1878 beklagt sich die Immigrationsbehörde, die Schweizer Gemeinden wollten einfach «ihre Armen loswerden».

Rund 330'000 Schweizer wanderten zwischen den 1850ern und 1900 aus. Während dieser Zeit konzentrierte sich die Berichterstattung der «New York Times» immer mal wieder auf Einzelpersonen. Etwa Theodor Meier aus dem Kanton Solothurn. Im November 1879 beschrieb die Zeitung Meier als «schwer entstellt und unfähig zu arbeiten».

Im April 1881 wiederum war die Rede von einem 17-jährigen Mädchen, welches «schwachsinnig» sei.

Sowohl Meier als auch das Mädchen sollten laut der «New York Times» ausgeschafft werden. Meier war nach seiner Ankunft in New York das letzte Geld ausgegangen. Er weigere sich, in die Schweiz zurückzukehren, schreibt die Zeitung. «Aber die Migrationsbeamten sind entschlossen, ihn zurückzuschicken.» Ebenso sollte das Mädchen wieder in ein Schiff nach Europa gesetzt werden. Nur so könne der Kanton Aargau davon abgeschreckt werden, weitere unerwünschte Bürger «zulasten des amerikanischen Steuerzahlers» auf Reise zu schicken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2015, 14:21 Uhr

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