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Wieso sind wir hier?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren häufig gegoogelte Fragen.

Der Blick ins Universum wirft existenzielle Fragen auf. Foto: Getty Images
Der Blick ins Universum wirft existenzielle Fragen auf. Foto: Getty Images

Weil unsere Eltern uns gezeugt haben.

Wenn Sie nun weiterlesen, könnte das heissen, dass Sie diese naheliegende Antwort nicht zufriedenstellt. Gibt es denn nicht so etwas wie einen Sinn für meine Existenz oder für die Gattung als Ganze? Es kann doch nicht sein, dass wir ein paar Jahre zweckfrei auf der Erde verbringen, um dann für immer zu verschwinden. Es scheint also einen Durst nach tieferer Erkenntnis oder gar Metaphysik zu geben. Wer oder was stillt ihn?

«Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?» ist die zentrale Frage der Metaphysik, aber auch der Religion und Mystik. Von den Alten Griechen bis heute beschäftigt sie die Denker. Braucht es den Menschen, ja den Planeten überhaupt – und wenn ja, wofür eigentlich?

Man kann die europäische, aber auch die aussereuropäische Geistesgeschichte als einen gross angelegten kreativen Versuch verstehen, auf diese existenziell beunruhigende Frage eine Antwort zu finden. Dass der strenge Rationalist Jürgen Habermas in seinem eben erschienenen Spätwerk neben dem stärkeren Argument, das alle Diskussionen leiten und entscheiden soll, die Religiosität ernsthaft ins Spiel bringt, ist bemerkenswert. Halten wir die «metaphysische Obdachlosigkeit», wie Georg Lukács schrieb, nicht aus?

Der Mensch, dieses vernunftbegabte Wesen, versucht seine Handlungen und Tätigkeiten derart auszuführen, dass sie zumindest aus seiner Sicht einen Sinn ergeben. Diese Ausrichtung auf ein Ziel ist grundlegend für seine Existenz.

Da er sich so veranlagt durch sein Leben bewegt, bereitet ihm der mögliche Gegensatz Mühe: Innerhalb seines kleinteiligen Systems hat alles seinen Sinn und Zweck – das Ganze aber soll frei sein davon? Diese kognitive Dissonanz ist kaum zu fassen.

Wieso sind wir hier – und nicht vielmehr dort? Wieso Europa und nicht Asien oder Afrika? Die Frage nach dem (höheren oder tieferen?) Sinn hat auch eine geografische Komponente. Kann das mal jemand erklären, ohne metaphysisch zu werden?

Das Ich ist eine Selbstsetzung, hat der Idealist Fichte einmal sinngemäss formuliert. Das trifft vielleicht für einige der bewussten Entscheidungen zu, aber nicht für die vorgängige Einsetzung des Bewusstseins selbst. Hat hier nur der Zufall seine Hand im Spiel?

Die Antwort auf die grosse Frage «Wieso sind wir hier?» wird und muss offen bleiben. Sollte sie in ferner Zukunft doch einmal beantwortet werden, hiesse das wohl nichts Gutes für den Menschen, so wie wir ihn kennen: ein fragendes, ein zweifelndes Wesen, das mit Sokrates nur weiss, dass es nichts weiss.

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