Wilhelm Tell fürs Gefängnis

Theater? So was von unmännlich. Trotz aller Ablehnung hat Regisseurin Annina Sonnenwald elf Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Lenzburg zum Spielen motiviert. Das Resultat erfreut Darsteller und Zuschauer.

Nahe dran am Leben der Straftäter: In der Tell-Version der Lenzburger Häftlinge steht  der Nationalheld vor Gericht. Er wird des Mordes angeklagt. Foto: Sabina Bobst

Nahe dran am Leben der Straftäter: In der Tell-Version der Lenzburger Häftlinge steht der Nationalheld vor Gericht. Er wird des Mordes angeklagt. Foto: Sabina Bobst

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Wilhelm Tell trägt Stoppelbart, rotes T-Shirt, Turnschuhe. Und in seiner linken Hand die Armbrust. Zu seiner Rechten sitzt sein Verteidiger, daneben der Staatsanwalt, hinter ihm der Richter. Der Held, der wie keiner die Schweizer Eigenständigkeit verkörpert, die Eidgenossen von fremder Herrschaft befreite und heute in der Politik gegen alles Fremde herhalten muss: Im Theaterstück der Strafanstalt Lenzburg ist er Serbe und steht vor Gericht. Dem Nationalhelden wird einiges vorgeworfen: Begünstigung, Ungehorsam, Gefährdung des Lebens, Mord und anderes mehr.

«Es ist eine Ehre, Tell zu spielen», sagt Marco, der Serbe, der in der Ostschweiz aufgewachsen ist und sich als Schweizer fühlt. Hier im Gefängnis verbüsst er eine einjährige Haftstrafe, im März muss er die Schweiz für immer verlassen. «Ich werde ausgeschafft wegen Betrugs», sagt er.

In der Turnhalle, die als Theatersaal dient, stehen eine Bühne, Turnböcke und Aufseher. Die Fenster haben Gitter, die Türen starke Schlösser. Vier Monate hat Marco zweimal die Woche mit zehn Mitgefangenen und einer Schauspielerin für «Tell vor Gericht» geprobt. Als Tell kämpft er für die Freiheit des Volkes, im Gefängnis für seine eigene. Wer in Lenzburg absitzt, hat kaum Freiheiten. Die Hausordnung umfasst 90 Seiten, sie gibt genaustens vor, was Insassen dürfen, was nicht. Arbeit, TV-Programm, etwas Sport verkürzen die Stunden, die Tage gleichen sich trotzdem. Immer um Viertel nach acht Uhr abends dreht sich von aussen automatisch das Schloss der 7,8 Quadratmeter kleinen Zellen. Vorher aber machen elf Häftlinge noch Theater.

Rumänien, Libanon, Lenzburg

Drei Schweizer, fünf Albaner, zwei Serben und ein Türke spielen über eine Stunde lang Eidgenossen gegen Österreicher: Sie sind Walterli, Gessler, Stauffacher, Hirte, Jäger, Soldaten. Noch werfen sie einander Bälle zu, wärmen sich auf.

Ist Marco nervös? «Nein, überhaupt nicht», sagt er, während er nochmals die Textstelle übt, in der Gessler durch die hohle Gasse schreitet. «Glaub ihm kein Wort«, sagt ein anderer, jetzt muss auch Marco lachen.

Veysel beobachtet die Szene, zieht sich eine dunkle Weste über. Der Türke mag Teamarbeit und beschreibt sie so: «Einer für alle, alle für einen.» Er spielt mehrere Rollen, etwa Baumgarten, dem Tell hilft, über den See zu flüchten. In 40 Tagen kommt Veysel selbst frei.

Um halb sieben ist das Licht nur noch gedimmt, die Männer sind auf ihren Positionen, das Publikum sitzt im Saal. Die zweite Vorstellung ist ausverkauft wie die anderen neun. 130 Männer und Frauen sind gekommen aus Sempach, Freiburg, St. Gallen, aus der Nachbarschaft. Manche haben zum ersten Mal die Sicherheitskontrollen ins Gefängnis passiert, andere bereits zum vierten Mal: Seit 2010 dürfen die Insassen in Lenzburg wieder Theater spielen. Direktor Marcel Ruf hat die Tradition, die im Haus bis 1967 herrschte, mit Samuel Becketts «Warten auf Godot« wieder eingeführt. Er mag das Theater und will das Spiel auch anderen ermöglichen. Mit Begeisterung erzählt er von Gefängnissen in Rumänien, Berlin, im Libanon, in denen die Insassen Theater spielen.

Laut Schweizer Gesetz müssen Gefangene arbeiten und sich weiterbilden können. Das tun sie in Lenzburg auch mit «Wilhelm Tell». «Es ist nicht einfach für die Männer, die Texte alleine in der Zelle ohne Gegenpart auswendig zu lernen», sagt Marcel Ruf. Nicht jeder spricht Deutsch. Bei den Proben merkten die einen, wie gut die anderen seien, das sporne sie gegenseitig an.

«Bitte erheben Sie sich«, heisst es in der Turnhalle. Das Publikum tut, wie ihm gesagt. Es ist das Laiengericht, und es wird am Schluss abstimmen, ob Wilhelm Tell schuldig ist oder nicht. Der Richter liest die Anklageschrift, der Staatsanwalt heizt ein, der Verteidiger redet dagegen: «Unser Nationalheld darf nicht beschmutzt werden», sagt er. Und beide beanspruchen für sich: «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.»

Von der Bühne springt Tell ins Scheinwerferlicht, dazu treten Stauffacher, Walterli, Gesslers Soldaten, sie spielen eine Szene nach der anderen; sie stellen die verschiedenen Straftaten dar, für die sich Tell verantworten muss. Gessler, hoch zu Ross, erhält Zwischenapplaus, die Requisiten sind einfach, die Worte der Schauspieler nicht immer verständlich, die Soldaten, beides Albaner, sprechen in ihrer Muttersprache. Doch das stört niemanden: Das Publikum lacht, klatscht, lebt mit bei einem Stück, das jeder kennt.

Im Gefängnis hat man keine Freunde

«Nach heutigem Strafrecht ist Tell schuldig», sagt Regisseurin Annina Sonnenwald. Er habe aus dem Hinterhalt Gessler vorsätzlich getötet. Die 33-Jährige studiert im zweiten Semester Jurisprudenz, wollte Tells Taten nach geltendem Recht beurteilen und stellte ihn vor Gericht. Sie schrieb Akt für Akt um, unterbreitete die Passagen Martin Killias, dem Strafrechtsprofessor, und dem ehemaligen Lenzburger Gerichtsschreiber, korrigierte alle Fehler: Es musste juristisch stimmen.

Nach «Wild im Herz» (2012) und «Die Geschworenen» (2015) inszeniert die zierliche Frau das dritte Theater in Lenzburg. Warum gerade Friedrich Schillers «Tell»? «Klassiker eignen sich gut», sagt sie. Der Held sei universell: Die Schweizer haben Tell, die Albaner Skanderbeg, der die Osmanen vertrieb. Damit können sich die Gefangenen identifizieren, ohne Schweizer sein zu müssen. Und mit Begeisterung spielen sie ihre Rollen, egal, wie klein diese sind.

Veysel, der Türke, hat seinen Einsatz beendet, unter grossem Applaus nimmt er auf einem Stuhl im Publikum Platz. Die Frau daneben dreht sich ihm zu, berührt seine Schulter, sagt ein paar Sätze; er strahlt.

«Die Reaktion des Publikums ist für die Männer wichtig», sagt Annina Sonnenwald. Bei «Tell» hat die Regisseurin erstmals mehr Schauspieler gefunden, als sie brauchte. Unter den Insassen gilt Theater als schwul. Das war schon 2010 so und ist es bis heute geblieben. Das Vorurteil baut sich nicht leicht ab, zu kurz bleiben die meisten in Lenzburg. Von den 380 Gefangenen sind 75 Prozent Ausländer, viele von ihnen verlassen die Strafanstalt nach wenigen Jahren. Marco, der Tell spielt, sieht das anders. «Einmal im Gefängnis, kann man nicht mehr tiefer fallen», sagt er. Das Theater lenke ab und gebe Selbstvertrauen.

Die Häftlinge kannten sich zu Beginn nicht, sie bewohnen Zellen in verschiedenen Flügeln. So blieben Schweizer, Serben und Albaner in den Proben unter sich, nur Veysel, der Türke, konnte es mit allen. Hätten sie gewusst, dass Albaner mitspielten, sagten die Serben, wären sie der Gruppe nicht beigetreten. Die Spannungen musste Annina Sonnenwald lösen. Wie? Sie lache mit ihnen, nicht über sie. Und sie hat natürliche Autorität: Allen ist klar, sie ist der Chef. Aus den Männern ist ein Team geworden. Doch die Gruppe sei fragil, sagt Sonnenwald, böse Blicke könne es immer noch geben. Marco ergänzt: «Auch wenn das Vertrauen beim Spielen wichtig ist; Kollegen hat man nicht im Gefängnis.»

Am Anfang wollte die Regisseurin nicht wissen, warum die Männer drinnen sind. «Dann merkte ich, es interessiert mich doch.» Sie fragte; einige sagten es ihr, andere schwiegen. «Es braucht Mut», sagt sie, vor einem Publikum aufzutreten, als Häftling aber noch etwas mehr. Eine Besucherin habe sich mal gefragt, ob man Straftätern überhaupt applaudieren dürfe. Nicht alle können sie nur als Menschen sehen, auch an diesem Abend nicht.

Ein Held ist kein Mörder

In der Turnhalle kündigt der Richter die Plädoyers an, appelliert an das Laiengericht, das in wenigen Minuten über Tells Schuld entscheiden wird. Dazu liess sich Annina Sonnenwald von «Terror – das Urteil» inspirieren, einem Fernsehfilm, der Millionen von Zuschauern kürzlich zu Laienrichtern machte. Wenn Staatsanwalt und Verteidiger gegen und für Wilhelm Tell plädieren, wirkt es, als ob sie für sich selbst sprächen, für und gegen das, was sie selbst hinter Gitter gebracht hat. Tatsächlich liess die Regisseurin die Männer ihre Reden selbst schreiben. Nach dem Urteil strömt das Publikum nach vorne, auf die Bühne. Erst wenn die Schauspieler zurück in ihren Zellen sind, dürfen auch die Theaterbesucher die Turnhalle verlassen.

Man fragt den Mann, der den Verteidiger spielt, ob er auch gerne eine Verteidigung wie sich selber gehabt hätte. «Beim ersten Prozess, ja», sagt er, «und jetzt beim zweiten habe ich genauso eine.»

Die Laienrichter haben Tell freigesprochen.

«Tell vor Gericht» läuft noch bis Samstag, 3. Dezember. Jeweils um 18.30 Uhr in der JVA Lenzburg. Die Vorstellungen sind bereits ausverkauft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2016, 21:45 Uhr

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