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Wir alle haben das Helfergen

Menschen sind hilfsbereiter als allgemein angenommen. Das überrascht sogar Experten.

Es gibt Hoffnung: Wir können doch mit Hilfe rechnen, wenn wir sie brauchen, etwa auf der Strasse, wenn wir tätlich angegriffen werden. Augenzeugen, die eine Notlage erkennen, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit eingreifen – sogar wenn sie sich selbst damit in Gefahr bringen. Das haben Forscher aus Grossbritannien gemeinsam mit Kolleginnen aus Dänemark und den Niederlanden anhand der Videos von Überwachungskameras belegen können.

Dabei galt der Zuschauereffekt («by­stander effect») bisher als ein unverrückbarer Grundsatz der Psychologie. Er besagt, dass Menschen, die eine Notsituation sehen, nur im Ausnahmefall eingreifen. Die Hemmung, etwas zu tun, wird demnach grösser, je mehr andere Menschen dabei sind. Von «Verantwortungsdiffusion» ist die Rede. Jeder Einzelne befürchtet, sich in aller Öffentlichkeit zu blamieren oder aber nicht nur Verantwortung zu übernehmen, sondern auch verantwortlich gemacht zu werden.

Man kennt das aus eigener Erfahrung. Da findet auf der anderen Strassenseite eine Prügelei statt, und man denkt: «Ach, eine Bande Jugendliche, die werden das schon unter sich klären.» Oder eine alte Dame am Stock plagt sich mit ihrem Einkaufswagen die Tramstufen hinauf, und alle schauen zu. Man will ja ihren Stolz nicht verletzen, indem man Hilfe anbietet.

Hilfsbereitschaft ist ein menschlicher Impuls

Die neue Untersuchung, die in der Zeitschrift «American Psychologist» veröffentlicht wurde, sammelte mehr als 1200 Überwachungsvideos aus drei Innenstädten: Lancaster, Amsterdam und Kapstadt. Die Auswahl wurde auf 219 Aufnahmen reduziert, die eindeutig Streit oder Handgreiflichkeiten zeigten. In 91 Prozent der Fälle griffen Zuschauer ein. «Intervention ist die Norm in aggressiven Konflikten», sagte Studienleiter Richard Philpot.

Die Videos zeigen einzelne Menschen, die bei einer Messerstecherei eingreifen, um die Kontrahenten voneinander zu trennen. Oder ein Mädchen auf Krücken, das kaum die Strasse überqueren kann und von einer Frau einfach auf den Rücken genommen wird. Oder Hunderte, die gemeinsam einen U-Bahn-Wagen beiseitedrücken, um einem Mann zu helfen, dessen Bein zwischen Bahnsteig und Waggon eingeklemmt ist.

Sie widerlegen auch die Ansicht, dass Hilfe unwahrscheinlicher wird, je mehr Zuschauer es gibt. «Für jede einzelne Person mag dann die Zurückhaltung grösser sein, einzugreifen», sagte Philpot. «Aber die Zahl derjenigen, die eingreifen können, wird auch grösser.» Und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Hilfe angeboten wird. Die Zahl der Hilfeleistungen variierte auch nicht in den verschiedenen Ländern – obwohl etwa Kapstadt als härteres Pflaster gilt als Amsterdam.

Dass man auf seine unbekannten Mitmenschen zählen kann, erfuhr auch ein junger Vater in Zürich, der letzte Woche mit Kinderwagen und zwei Kleinkindern in einen Bus steigen wollte und von einem Fussballfan mit einem Faustschlag niedergestreckt wurde. Der Vater erlitt schwere Kopfverletzungen – und mehrere Zuschauer eilten zu Hilfe. Der mutmassliche Täter stellte sich vergangenen Freitag der Polizei.

Die neue Studie zeigt, dass Hilfsbereitschaft ein menschlicher Impuls ist, der vor Fremden nicht haltmacht. Wir dürfen uns auf der Strasse sicherer fühlen, als wir bisher dachten. Und dreiste Täter sollten sich vorsehen.

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