Was Gesichtserkennung alles kann

Terrorabwehr und Handyentschlüsselung: Wie die neue Technologie unseren Alltag verändert und was Datenschützer dazu sagen.

«Erstaunlich treffsicher» nennen die deutschen Behörden ihr Gesichtserkennungssystem. Aufnahme aus dem Bahnhof Südkreuz, Berlin.  Foto: Steffi Loos (Getty)

«Erstaunlich treffsicher» nennen die deutschen Behörden ihr Gesichtserkennungssystem. Aufnahme aus dem Bahnhof Südkreuz, Berlin. Foto: Steffi Loos (Getty)

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Die Meldung ging vor ein paar Tagen um die Welt. In der chinesischen Provinz Qingdao hat die Polizei dank computergestützter Gesichtserkennung 25 gesuchte Personen an einem Bierfest verhaften können. Das Vorgehen war simpel: 18 Kameras, an den Eingängen des Festgeländes postiert, filmten sämtliche Besucher. Eine Software glich die Gesichter innert Sekunden mit einer Bilddatenbank ab, ­25-mal bimmelte der Alarm, die Beamten griffen zu. Gegenüber der Presseagentur AFP prahlten die Behörden, ihr System habe «eine Treffgenauigkeit von 98,1 Prozent». Dutzenden weiteren Personen sei der Zutritt zum Bierfest wegen Vorstrafen oder Drogensucht verwehrt worden.

Ein schöner Erfolg. Auch wenn man nie erfahren wird, was man anstellen muss, um in der chinesischen Datenbank zu landen, und ob die 1,9 Prozent irrtümlich Verhafteten wieder freikamen. Rein rechnerisch ist 98,1 Prozent ein imposanter Wert.

Die deutsche Politik will solche Chancen nicht ungenutzt lassen und im Kampf gegen Terroristen ebenfalls auf Facial Recognition setzen. Seit August läuft ein Pilotprojekt im Berliner Bahnhof Südkreuz, bei dem die vorhandenen Überwachungskameras mit einer Erkennungssoftware namens Examiner verknüpft wurden.

300 Pendler liessen sich vorgängig freiwillig fotografieren, nun suchen die Kameras Tag um Tag nach ihnen. Gehen sie durch den Bahnhof, schlägt das System an. Zur Kontrolle tragen die 300 einen Transponder bei sich, der sie den Behörden auch ohne Kameras meldet. So würde man merken, wenn die Erkenntechnik versagt. Bis jetzt aber ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) glücklich über die «erstaunliche Treffgenauigkeit» des Systems. Er verspricht sich einen «unglaublichen Sicherheitsgewinn». Terroristen, Straftäter, Gefährder – wir sehen euch!

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Weniger erfreut ist die Öffentlichkeit. Etliche Bahnhofsgänger versuchen, die Kameras zu verwirren, indem sie Wollmützen, Karnevalsmasken und Darth-Vader-Kostüme tragen. Es gehe nicht an, dass man als potenziell Verdächtiger vermessen werde, sagen Digitalverbände. Die Ausschilderung, die über das Projekt aufklären soll, sei mangelhaft; die meisten Reisenden würden ohne ihr Wissen gefilmt. Was mit ihren Gesichtsdaten geschieht, wie lange diese wo gespeichert werden, sagt ihnen niemand.

Eine flächendeckende Überwachung dieser Art wäre «verfassungsrechtlich unzulässig», erklärt die Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk. Und überhaupt: Werden sich gesuchte Terroristen nicht einfach auch eine dicke Kappe aufsetzen, eine Brille und so den Computer austricksen?

Eine junge Technologie

Ganz so hilflos ist die Technik nicht. Man kann via Gesichtserkennung nicht nur alle Personen aus der Masse filtern, die aussehen wie ein bekannter Terrorist, sondern dazu alle, die eine dicke Kappe aufhaben. «Wenn man so die Zahl der relevanten Personen um Faktor 100 verringern kann, ist das schon mal nicht schlecht», sagt Rasmus Rothe, ein ehemaliger ETH-Forscher und heute Geschäftsführer der Artificial-Intelligence-Firma Merantix in Berlin. Im Bereich Innere Sicherheit werde sich die Gesichtserkennung durchsetzen, glaubt Rothe. Und sobald der erste Terrorist auf diese Weise gefasst werde, ändere sich auch die öffentliche Wahrnehmung. Sicherheit vor Privatsphäre.

Facial Recognition ist eine junge Technologie. Was heute funktioniert, war vor drei Jahren noch unmöglich. Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Adrian Lobsiger spricht von einem «Megatrend», der uns stark beschäftigen wird.

Am besten funktioniert das Verfahren heute, wenn die Menschen erkannt werden wollen. Und das wollen sie, millionenfach: Nächste Woche stellt Apple das neue iPhone vor. Es hat erstmals eine Gesichtserkennungssoftware, dank der das Telefon mit der eigenen Visage entriegelt werden kann, das Gesicht dient als Passwort. Offenbar werden 3-D-Bilder erstellt, sodass man sich nicht mehr vollfrontal zeigen muss, ein Infrarotsystem sorgt dafür, dass es auch bei Nacht funktioniert. Mitarbeiter der Zürcher Firma Faceshift dürften das Verfahren mitentwickelt haben; Apple hat das Start-up vor zwei Jahren gekauft.

Die Technologie ist auch anderswo auf dem Vormarsch. Am Flughafen Schiphol in Amsterdam läuft seit Februar ein Versuch zu «biometrischem Boarding». Dabei können Passagiere an einem speziellen Gate KLM-Flüge ohne Ausweis antreten. Um mitzumachen, registriert man sich einmal mit dem Reisepass an einem Kiosk in der Schalterhalle und lässt dabei sein Gesicht ablichten. Ab da erkennt das schlaue Gate den Reisenden, wenn er wiederkommt, und öffnet ihm die Schranke.

Auch der Flughafen Zürich wird Ende September einen Modernisierungsschritt machen und gemeinsam mit der Kantonspolizei Zürich automatische Passkontrollen einführen, sogenannte ABC-Schleusen (Automated Border Control). Sie werden die auf dem Reisedokument gespeicherten biometrischen Daten (also ein Foto, einen Fingerabdruck) mit dem realen Passagier abgleichen.

Welche Körpermerkmale genau geprüft werden, will die Kantonspolizei noch nicht sagen, doch der beschaffte Gerätetyp deutet auf Gesichtserkennung hin. Stimmen Dokument und Halter überein, wird der Durchgang frei. Die Neuerung betrifft nur die Passkontrolle; im Bereich des Boarding verfolge man das Thema biometrische Daten «sehr aufmerksam», habe aber noch nichts geplant, sagt der Flughafensprecher Philipp Bircher. Internationale Fluggesellschaften wie Delta und Jet Blue erlauben bereits Boarding per Gesicht.

Der Hotelgast soll die Zimmertür mit seinem Gesicht öffnen können.

Viele Branchen testen Facial Recognition. Im Onlinebanking etwa dient das Antlitz vermehrt als Log-in-Element. Die Credit Suisse nutzt die Technologie bei der digitalen Kontoeröffnung, wie Sprecher Sebastian Kistner bestätigt. Als einer von vier Schritten findet ein Video-Call statt, bei dem das Gesicht des Neukunden identifiziert wird.

Im Kinosaal will der Disney-Konzern die Gesichter der Zuschauer vermessen, um Gemütszustände abzulesen, die Wirkung einzelner Filmszenen auf Zuschauergruppen nach Alter, Geschlecht, Hautfarbe. Dafür haben Disney Research und das California Institute of Technology zusammengespannt.

In der Hotellerie schliesslich wirbt der japanische Konzern NEC für computergestützte Gesichtserkennung des Gastes. Wiederkehrende VIP-Gäste sollen schon beim Eintreten namentlich begrüsst werden, vielleicht auch die Zimmertür mit dem Gesicht öffnen können. Auch die Sicherheit soll erhöht werden: Unerwünschte Personen sollen erkannt werden. Das Lemon Tree Hotel in Delhi, Indien, filmte versuchsweise alle Gäste an der Réception und glich die Bilder mit einer Datenbank von 1,6 Millionen Straftätern ab. Wer einen Eintrag hatte, war nicht mehr willkommen. Dem einen geht die Tür auf, dem anderen verschliesst sie sich.

Die Methode ist nicht unfehlbar. Es gibt Doppelgänger, Zwillinge – und Verbrecher, die mithilfe von Fotos dreidimensionale Kopien eines Gesichts erstellen. Ist ein Gesicht einmal gehackt, taugt es nicht mehr zur Identifikation: Man kann es nicht neu aufsetzen wie ein Passwort.

Gesichtserkennung aber hat gegenüber Iris-Scan und Fingerabdruck einen grossen Vorteil: Die Überprüften müssen nicht immer merken, das sie vermessen werden. Neben Staatsschützern finden dies vor allem Warenhäuser interessant. In Deutschland hat die Kette Real Versuche durchgeführt, in den USA der Branchenriese Walmart. Migros und Coop geben auf Anfrage an, keine Tests zu planen.

«Kaufen Sie auch dies, junge Frau!»

Warenhäuser vermessen Gesichter, um erstens statistische Daten zu erheben, also ob ein Produkt im Regal eher Männer oder Frauen anzieht, wer den Lift nimmt, wer die Treppe. «Das erkennt Facial Recognition am besten: jung oder alt, Mann oder Frau», sagt der Forscher Rasmus Rothe. Allerdings bleibt die Frage, ob die so gewonnenen Informationen den Aufwand wert sind, zumal die Kundschaft oft feindselig reagiert. Als die Schweizer Kioskfirma Valora kürzlich ihre Kunden via Handy zu tracken begann, war die Empörung gross. Der europäische Markt sei «schwierig», hier sei man «vorsichtig» mit neuer Technologie, sagt Gilles Florey, Gründer und CEO der Schweizer Firma Key Lemon, spezialisiert auf Verifizierung mittels Gesichtserkennung.

Zweitens hoffen Warenhäuser, dem erkannten Kunden personalisierte Angebote machen zu können, also etwa einer jungen Frau passende Werbung auf einen Screen an der Seite der Rolltreppe zu beamen – oder ihr gleich eine Nachricht aufs Handy zu schicken, wenn sie ihre WLAN-Option aktiviert hat. Kaufempfehlungen, wie im Internet.

Drittens sollen wiederkehrende Ladendiebe erkannt werden. Die US-Kette Walmart erstellt eigene Datenbanken und gleicht die Gesichter ihrer Kunden damit ab. Der eidgenössische Datenschützer Adrian Lobsiger sähe ein solches Vorgehen in der Schweiz kritisch: «Private Unternehmen könnten nicht einfach Fahndung betreiben oder identifizierte Ladendiebe öffentlich anprangern.»

Den Dieb schon am Gesicht erkennen?

Manche Unternehmen behaupten, allein anhand von Gesichtszügen erkennen zu können, ob jemand kriminell sei. Das israelische Start-up Faception vermisst Gesichter und will so auch unbekannte Terroristen, Pädophile und zwölf weitere Kategorien von Unholden identifizieren, mit 80 Prozent Treffsicherheit. «Unser Gesicht ist ein Spiegel unserer Gene», heisst es auf der Website. Das ist eine Rückkehr zu den Schädelvermessungen des 18. Jahrhunderts. Die Firma behauptet, sie habe mit der US Homeland Security Verträge abgeschlossen, aber seriöse Behörden werden sich kaum auf solchen Humbug einlassen. Zumal im westlichen Rechtssystem tatsächliche, nicht mögliche Taten zählen. Wie ein Gangster auszusehen, ist erlaubt.

Entscheidend bei der Gesichtserkennung sind die Datenbanken. Womit wird das in der Bahnhofshalle festgehaltene Gesicht abgeglichen? Der Staat, sagt der Datenschutzbeauftragte Lobsiger, «hat natürlich sehr viele Bilder, etwa von Ausweispapieren, Führerscheinen». Ohne gesetzliche Grundlage aber dürfe er diese sicher nicht für routinemässige Abgleichungen zur Verfügung stellen.

Viele Behörden arbeiten international an Gesichtsdatenbanken. In Grossbritannien sind laut dem nationalen Biometrik-Beauftragten Paul Wiles heute 20 Millionen Personen in polizeilichen Bildregistern gespeichert, ein Drittel der Bevölkerung. Das Material sei aber noch nicht so erschlossen, dass es als Ganzes durchsucht werden könne.

Vergangenen Monat setzte die Londoner Polizei beim Strassenfest Notting Hill Carnival Gesichtsüberwachung ein, Hunderttausende wurden vermessen. Das Resultat war ernüchternd. Laut einer Privacy-Aktivistin, die zuschauen durfte, identifizierte die Software Männer als Frauen und beging weitere offensichtliche Fehler. Die Beamten hätten aufgrund der Technik auch einen Mann verhaftet, der längst nicht mehr gesucht wurde. Die technische Fertigkeit der gesichterscannenden Polizei sei «beleidigend plump», schrieb die Aktivistin. Wenigstens heute noch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2017, 21:12 Uhr

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