Wir müllen uns durch den Alltag

Wir sind oft zu bequem, um grün zu sein. Das darf nicht so bleiben. Wir müssen radikal umdenken. Eine Replik.

Essensreste müssen nicht im Abfall landen; im Kühlschrank halten sie noch ein paar Tage. Foto: Alamy

Essensreste müssen nicht im Abfall landen; im Kühlschrank halten sie noch ein paar Tage. Foto: Alamy

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Bringt es etwas, wenn ich aufhöre, Nespresso-Kapselkaffee oder T-Shirts bei H & M zu kaufen, um Mensch und Umwelt zu schonen? Nein, sagt Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann. Im Interview mit dieser Zeitung zu ihrem Buch «Die grüne Lüge» erklärte sie am Dienstag, dass es zwar erfreulich sei, wenn Leute ihren Konsum einschränkten. Durch eine Ansammlung individueller Einkaufsentscheidungen entstehe aber kein Markteinfluss, der Unternehmen dazu zwingen würde, besser oder weniger zu produzieren. Und es sei zynisch, die Entscheidung für oder gegen Ausbeutung und Zerstörung uns, den Konsumenten, zu überlassen. Erst solle die Politik Konzerne, die Ausbeutung und Umweltzerstörung betreiben, in die Schranken weisen.

Aber ist es nicht genauso zynisch, einfach zu warten, bis andere etwas ändern? Und wieso war unser Einfluss auf die Konzerne bisher so klein? Vielleicht, weil wir es als Konsumenten einfach nicht schaffen, uns geschlossen hinter einen Boykott zu stellen, umzudenken und konsequent zu handeln. Denn oft sind wir einfach zu bequem. Nur noch dieses eine Mal zu H & M, nur ab und zu eine dieser leckeren Avocados.

Der Ikea-Reflex

Selbstverständlich soll man sich über Konzerne beschweren, die die Umwelt zerstören und Arbeitende ausbeuten. Aber man kann die Verantwortung auch nicht einfach von sich selbst wegschieben. Denn der ökologische Fussabdruck reduziert sich eben nicht, wenn man ab und zu bio einkauft, aber trotzdem im Einfamilienhaus wohnt, zwei Autos besitzt, jedes Jahr in die Ferien fliegt und bereits das vierte iPhone besitzt.

Es ist erschreckend, wie bequem verschwenderisch wir uns durch den Alltag müllen. Ist etwas kaputt, kauft man ein Neues. Man kann es sich ja leisten. Und das Angebot steht bereit. Bei Ikea zum Beispiel. Jemanden fragen, ob er das kaputte Regal reparieren oder im Internet nach einem gebrauchten suchen kann, scheint aufwendiger. Sogar peinlich: «Ich gehe doch nicht rumbetteln oder benutztes Zeugs auf Ramschplattformen einkaufen.» Dabei gäbe es online und offline tonnenweise Angebote gebrauchter und praktisch neuer, einwandfreier Möbel, Küchengeräte, Kleider, Kinderspielsachen.

Auch Lebensmittel wirft man oft aus purer Bequemlichkeit weg. Ich habe schon das Argument gehört: «Ich will ja nicht zweimal hintereinander dasselbe essen.» Sowieso ist es ja einfacher, die Reste wegzuwerfen, als sie in ein Tupperware in den Kühlschrank zu stellen und am nächsten Tag zu essen. Einfach, weil man es jetzt im Moment nicht mehr braucht und man sich morgen etwas Neues kaufen kann.

Die angesagten Klamotten

Diese Haltung, diese Bequemlichkeit, diese Ignoranz, hat nichts mit umwelt- und menschenschädigenden Konzernen zu tun. Dafür sind wir ganz alleine verantwortlich. Und das Ausmass, welches diese Bequemlichkeit angenommen hat – und wie stark sie in der Gesellschaft akzeptiert ist –, ist erschreckend. Schlimmer noch: Dass man sich das alles leisten kann, gilt oft als ansehnlich. «Die habens geschafft und können sich eine tolle neue Möbelgarnitur leisten. Die alte war zwar einwandfrei, landet auf dem Sperrmüll, aber diese neuen Möbel – toll.»

Dasselbe gilt bei modischen jungen Leuten. Kommt ein neuer Trend, tragen plötzlich alle die gerade angesagten Markenklamotten und schmücken sich mit den dazugehörigen Accessoires. Kein Mensch soll erzählen, dass all diese Produkte gebraucht oder nachhaltig hergestellt sind, auch wenn die Besitzer sich stets alternativ geben. Der Lebensstil wird mit viel unvertretbarem Konsum zelebriert. Das ist alles andere als alternativ.

Um wirklich Alternativen zur aktuellen Verschwendungslage zu finden, muss man reflektieren, überlegen, umdenken, Neues ausprobieren, Gewohnheiten ablegen, Unbequemes auf sich nehmen und unbequem werden. Das kann uns kein Bio-Label oder Fairtrade-Zertifikat und auch nicht die Politik abnehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 23:48 Uhr

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