Wir stecken in der Sinnkrise

Menschen in reichen Ländern fragen nach dem Sinn des Lebens – und werden so anfällig für extreme Weltanschauungen.

Eine Ideologie verleiht dem Leben Richtung und formuliert einen Auftrag: Beides fehlt den Alltagsfrustrierten häufig. Foto: Getty Images

Eine Ideologie verleiht dem Leben Richtung und formuliert einen Auftrag: Beides fehlt den Alltagsfrustrierten häufig. Foto: Getty Images

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Wozu eigentlich der ganze Mist, wozu? Oft hängt diese Frage wie eine dunkle Wolke über den täglichen Aufgaben, die Frage, ob es wirklich nötig ist, den Stress zu ertragen, oder ob nicht eh alles egal ist. In der Arbeit droht die nächste Sparrunde; die Situation sei angespannt, aber die Firma werde gestärkt aus der Restrukturierung hervorgehen, floskelt das Führungspersonal und initiiert etwas, das heute Change genannt wird. Vielen Dank auch. Der frustgebeugte Arbeitnehmer fragt sich daraufhin, ob das jemals anders war, ob es je eine Zeit gab, in der die Lage nicht angespannt war, die Gürtel nicht enger geschnallt und die Anstrengungen nicht verdoppelt werden sollten? Dass die Wirtschaft brummt, ist ja eher etwas, das in den Nachrichten behauptet wird, und weniger ein Phänomen, das am Arbeitsplatz unmittelbar zu spüren ist.

Jobs können auch gestrichen werden, wenn der Laden läuft. Es passiert leicht, dass sich im alltäglichen Frust die Sinnfrage stellt und einem keine Antwort darauf einfällt. Im Strudel aus Beruf, Familie, Privatleben und politischer Grosswetterlage lässt sich der Kopf aber kaum über Wasser halten, wenn dem Tun das Gefühl von Bedeutsamkeit fehlt. Ohne diesen Auftrieb säuft man ab. Das klingt zunächst nach esoterischer Sinnduseligkeit und wolkigem Selbstmitleid. Und die vielen Angebote für das Heer der Suchenden machen es einem auch leicht, zu spotten: «Aha, ich soll das innere Kind suchen, die Leere wegmeditieren oder das Chaos mithilfe einer Mode-Diät zähmen?» Diese Varianten der Sinnsuche wirken ziemlich sinnentleert. Doch sollten selbst absurde Selbsthilfebücher, Selbstoptimierungskurse und andere Angebote insofern ernst genommen werden, als sie Symptome für etwas Wesentliches sind: dafür, dass es ein Grundbedürfnis ist, Sinn im Leben zu empfinden. Wenn es nämlich daran mangelt, stillen die Menschen ihren Durst zur Not mit Unfug oder gefährlichen Ideologien.

Eine solche seelische Lücke erhöht demnach die Neigung zu aggressivem Verhalten.

Gerade scheint das Thema Lebenssinn auch in der Wissenschaft eine kleine Konjunktur zu erleben. Psychologen haben zuletzt reihenweise Studien dazu publiziert und sich insbesondere mit der Frage auseinandergesetzt, was das Sinngefühl aus dem Leben vertreibt und wie sich diese Abwesenheit auswirken könnte. Wenn nämlich die Empfindung von Sinn ein Grundbedürfnis ist und einen Hunger der Seele stillt, dann müssten die Menschen ziemlich grantig werden, wenn es ihnen daran mangelt. Dass fehlender Sinn blöde Ideen provozieren könnte, haben zum Beispiel Psychologen um Wijnand van Tilburg und Eric Igou in einer aktuellen Studie im Fachjournal Personality and Individual Differences demonstriert. Eine solche seelische Lücke erhöht demnach die Neigung zu aggressivem Verhalten. Der sinnsuchende Angestellte schwingt natürlich nicht sofort seine Fäuste oder steckt gar das Bürogebäude in Brand. «Diese Aggressionen manifestieren sich auch in den Versuchen, sich Weltanschauungen, Werten oder Ideologien zu unterwerfen, um das Leben mit Sinn aufzuladen», schreiben die Psychologen van Tilburg und Igou.

Nimmt man ihre Argumente und die vieler anderer Wissenschaftler ernst, dann lautet der Schluss: Die Polarisierung der westlichen Gesellschaften, das Erstarken des Populismus und der Aufschwung rechter wie linker Extremisten könnten auch Ausdruck einer verbreiteten Sinnkrise sein. Jenseits ihrer konkreten Inhalte stillen all die grossen weltanschaulichen Bewegungen nämlich die gleichen psychologischen Bedürfnisse, egal wie das jeweilige Feindbild heisst. «Ich rebelliere, also bin ich», sagte einst der französische Schriftsteller Albert Camus. Im Aufbegehren finden sich also Sinn und Selbstvergewisserung, egal wogegen, egal wofür die Rebellen streiten. Das übrige Publikum beobachtet die Auseinandersetzungen und applaudiert oder schäumt, je nachdem, ob es sich mit den Zielen der wütenden Sinnsucher identifiziert oder sie ablehnt.

Populismus als Ausdruck einer Sinnkrise: Pegida-Anhänger protestieren gegen die Regierung Angela Merkels. Foto: Keystone

Die alltäglichen Sinnkrisen sind offenbar auch ein Wohlstandsphänomen, eine Nebenwirkung des Fortschritts und des Reichtums. «Menschen ohne Hoffnung grübeln nicht über den Sinn ihres Lebens», schreibt der Psychologe Roy Baumeister. Wenn das nackte Überleben auf dem Spiel steht, dann ist die Frage nach dem Sinn so absurd wie die Vorstellung, dass sich bitterarme Menschen ein Yoga-Retreat in der Toskana buchen, um sich in all dem Überlebensstress ein bisschen selbst zu spüren. «Sinn im Leben zu finden», so Baumeister, «ist ein Problem, das sich Menschen stellt, die nicht verzweifelt sind, deren Überleben gewährleistet ist und die sich auf Sicherheit, Komfort und einen gewissen Grad an Vergnügen verlassen können.» Sobald sich die Menschen davon befreit haben, dass jeden Moment alles vorbei sein könnte, sitzen sie auf den Polstern ihrer eigentlich behaglichen Existenz und fragen: «Und was soll das jetzt alles?» Um die innere Leere zu spüren und mit Rebellion zu füllen, braucht es ein gewisses Wohlstandsniveau – man muss sich Empörung leisten können.

Die Vorstellung vom spirituell entleerten Westen ist auf der einen Seite abgenudelt. Auf der anderen Seite steckt darin etwas Wahrheit, besonders, wenn das Wort «Westen» durch «Wohlstand» ersetzt wird. Die Psychologen Shigehiro Oishi und Ed Diener veröffentlichten 2014 im Fachjournal Psychological Science die Daten zu dieser These. Ihre Auswertung des Gallup World Poll, einer Umfrage in 132 Ländern, zeigte: In den reichen Staaten war die durchschnittliche Lebenszufriedenheit zwar deutlich höher, aber einen Sinn in ihrem Leben sahen insbesondere die Bewohner der armen Länder. In Staaten wie Sierra Leone, Tschad, Laos und Senegal sagten die Befragten, ihr Dasein sei grundsätzlich von Sinn getragen. In Hongkong war das Gefühl für einen Lebenssinn hingegen im Schnitt am geringsten ausgeprägt. Auch in Japan, Frankreich und Spanien schien im Vergleich eine kleine Sinnkrise zu grassieren.

Der Glaube an einen Gott helfe, Rückschläge und Katastrophen zu ertragen.

«Einen Sinn im Leben zu sehen, hat offenbar nichts mit den objektiven Lebensbedingungen zu tun», schreiben Oishi und Diener. Die Befragten aus Äthiopien, Niger, Tschad und anderen armen Ländern klagten sehr wohl über die prekären Verhältnisse, wirtschaftlich wie politisch, die ihnen den Alltag häufig zu einer Mühe machten, die wohl kaum ein frustrierter Büroangestellter aus reichen Ländern ertragen könnte.

«Offenbar konstruieren Menschen ein Sinngefühl aus negativen Ereignissen und schwierigen Lebensumständen», spekulieren Oishi und Diener. Dabei spielt wohl Religion eine zentrale Rolle. Der Glaube an einen Gott helfe, Rückschläge und Katastrophen zu ertragen: Der Herr im Himmel wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Die Regensparrunde, die die Ernte vernichtet hat, muss ganz gewiss Teil eines grösseren göttlichen Plans sein, die Wege des Herrn sind unergründlich. Die Sparrunde im Betrieb folgt hingegen nur Plänen von Aufsichtsräten, CEOs und anderen irdischen Pseudogöttern. Dahinter einen Plan zu vermuten, in dem ein Angestellter einen festen Platz hat? Das gelingt selbst den sonnigsten Optimisten nur mit grösster mentaler Akrobatik.

Religion spielt eine wichtige Rolle beim Umgang mit schwierigen Lebensumständen: Sogenannte «Megachurches» haben beispielsweise in Nigeria grossen Zulauf. Foto AFP

Religion verleiht dem Leben nicht durch die konkreten Inhalte Sinn. Salopp gesagt, ist es vollkommen egal, an welche Variante ein Mensch glaubt. Die Götter geben Halt, weil sie das Chaos reduzieren und als eine Art oberste aller Ursachen die Dinge scheinbar erklären – und dem Individuum einen Platz und eine Rolle in der Welt zuweisen. Sinn im Leben empfinden Menschen unter anderem dann, wenn sich das Durcheinander der Welt und ihrer Biografie zu einer kohärenten Erzählung zusammenfügt. Man könnte auch sagen: Wir brauchen einen Sündenbock für das tägliche und das besondere Unglück – und wenn der liebe Gott in dieser Rolle abgedankt hat, füllen vielleicht politische Ideologien diese Lücke. Dann finden womöglich die Extremisten Gehör, die angeblich ganz genau wissen, wer oder was für alle Widrigkeiten verantwortlich ist. Ihre Angebote müssen nicht deshalb so attraktiv auf ihre Anhänger wirken, weil ihre besonderen Inhalte so zutreffend sind, sondern weil sie ein Grundbedürfnis stillen: Sie stiften Sinn.

Eine Ideologie wirkt wie ein Plan, sie verleiht dem Leben Richtung und formuliert einen Auftrag. Beides fehlt den Alltagsfrustrierten häufig. Wozu schuften? Um sich das neueste iPhone zu kaufen, das längst seine Aura und seinen Glanz verloren hat? Oder um das Unternehmensergebnis zu retten? Sehr lustig!

Es sei die gesteigerte Suche nach Sinn, welche die Angeödeten dazu verleite, ihre ideologischen Positionen zu verschärfen.

Die Psychologen van Tilburg und Igou sprechen von drei Faktoren, die wie existenzielle Angriffe wirken: Einsamkeit, Desillusionierung und Langeweile. «Jede dieser Erfahrungen greift das Gefühl an, einen Sinn im Leben zu haben», schreiben sie in einem Fachblatt. Der frustrierte Einzelkämpfer, vom Leben, der Politik sowie von Vorgesetzten desillusioniert und im Job gelangweilt: Es klingt wie ein Klischee, aber wie eines, das sich sofort mit Leben füllt.

Religiöse Menschen leben im Schnitt in engeren sozialen Gefügen und empfinden auch deshalb Sinn. Die Rebellen der Wohlstandsländer finden diese Gemeinschaft in ihren jeweiligen Blasen: Zusammen für ein Ziel zu streiten, gibt Halt. Ganz besonders schweisst ein gemeinsamer Feind zusammen. Ein heiliger Kampf (natürlich für das Gute, ist doch klar) ist ausserdem aufregend, spannend, er lässt den Puls in die Höhe schiessen, weckt Leidenschaften und vertreibt die Langeweile.

Um aber eine Gesellschaft zusammenzuhalten, bräuchte es sinnstiftende Ideen, Visionen und Erzählungen.

«In ihrer Frühphase finden Massenbewegungen Anhänger und Unterstützung eher unter den Gelangweilten als unter den Ausgebeuteten und Unterdrückten», schrieb der Autor und Autodidakt Eric Hoffer 1951 in seinem noch heute erfrischend hellsichtigen Buch «The True Believer. Thoughts on the Nature of Mass Movements». Auch in diesem Fall liefern Psychologen – abermals van Tilburg und Igou – die Daten nach. In einer Studie im European Journal of Social Psychology zeigen sie Belege dafür, dass sich gelangweilte Menschen extremere politische Positionen aneignen; und dafür, dass sich an den Rändern des politischen Spektrums vermehrt Leute finden, die sich qua ihrer Persönlichkeit rasch langweilen. Es sei die gesteigerte Suche nach Sinn, welche die Angeödeten dazu verleite, ihre ideologischen Positionen zu verschärfen. Kinder und Jugendliche stellen schliesslich auch dann den grössten Mist an, wenn sie sich schrecklich langweilen – und dann diese eine Idee auftaucht, die alle elektrisiert.

Natürlich schliesst sich nun niemand automatisch einer radikalen Untergrundbewegung an, nur weil ihm ein bisschen langweilig ist und er keinen gesteigerten Sinn in seinem Job findet. Vielmehr handelt es sich um eine Facette, um einen Aspekt, der in der Diskussion über Populismus und Polarisierung bislang kaum Platz findet. Das betonen auch die Psychologen Oishi und Diener: Mit ökonomischen und sozialpolitischen Instrumenten liesse sich die Lebenszufriedenheit von Bürgern steigern. Um aber eine Gesellschaft zusammenzuhalten, bräuchte es sinnstiftende Ideen, Visionen und Erzählungen – ökonomische Sicherheit alleine reiche nicht. Es muss Licht ins Chaos dringen, die Dinge brauchen eine Richtung. Und etwas Aufregung wäre auch fein. Das sind natürlich wolkige und ein bisschen wohlstandssatte Forderungen. Aber Sinn würde das schon ergeben.

Erstellt: 25.07.2019, 19:18 Uhr

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