Wir sterben immer langsamer

Wie scheidet man richtig aus dem Leben? Die Frage ist in Öffentlichkeit und Forschung omnipräsent. Gleichzeitig wird uns der Tod immer fremder.

Zeichnung: Felix Schaad

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Seine Mutter kann man sich um den Hals hängen, Edelstein im Brillantschliff. Ein paar Tausend Franken kostet das und nennt sich Diamantbestattung. Eine Firma im bündnerischen Domat/Ems isoliert dazu aus der Asche von Verstorbenen den Kohlenstoff und verdichtet ihn zu einem Diamanten, der der Vergänglichkeit trotzt. Das irdische Dasein verlängern, wenigstens ein bisschen.

Das Geschäft mit dem Tod blüht, es gibt Baumbestattungen, Gruftbestattungen, Feuerbestattungen, Unterwasserbestattungen. Wer will, kann seine sterblichen Überreste in Vinyl pressen lassen, eine Schallplatte werden für die Ewigkeit. Andere entscheiden sich für die sogenannte Promession: Ver­storbene werden gefriergetrocknet, ihr Körper zerfällt zu Granulat und wird dann zu Humus.

Wer sein ganzes Leben nach Einzigartigkeit strebt, will auch einen entsprechenden Abgang. In Deutschland finden regelmässig Bestattungsmessen mit Namen wie «Leben und Tod» und «Happy End» statt, in der Schweiz gibt es seit zwei Jahren das Onlineportal «Dein Adieu» mit Bestattungsplaner, Seelsorge-Checkliste und PDF-Vorlage fürs Testament.

Die Botschaft ist klar: Den Tod lässt man nicht auf sich zukommen, man nimmt ihn sich vor. Dazu gehören auch rechtliche Aspekte wie Vorsorgeauftrag, Patientenverfügung und digitaler Nachlass für die Onlinepasswörter. Es sollen keine Fragen offenbleiben, wenn man nicht mehr da ist.

Die Entdeckung des Sterbens

Markus Zimmermann ist Theologie­professor an der Universität Fribourg und sagt: «Seit gut zehn Jahren steigt die Aufmerksamkeit für das Lebensende enorm.» In der Soziologie sei von einer «Entdeckung des Sterbens» die Rede. Der Begriff ist angelehnt an die «Entdeckung der Kindheit», die der französische Historiker Philippe Ariès geprägt hat. Gemeint ist damit ein neues Bewusstsein für das Sterben als biografische Lebensphase: Neben Kindheit, Pubertät, Erwachsenenalter und Betagtheit wird das Sterben als eigener Lebensabschnitt wahrgenommen, der gestaltet werden will.

Kein Wunder, werden in der Populärkultur Erfahrungsberichte von Todkranken regelmässig zu Bestsellern. Prominente Beispiele sind etwa der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief («So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein»), der deutsche Schriftsteller Wolfgang Herrndorf («Arbeit und Struktur») oder der US-amerikanische Arzt Paul Kalanithi («Bevor ich jetzt gehe»).

Auch die Wissenschaft setzt sich verstärkt mit Sterben und Tod auseinander. Vor kurzem wurde ein fünfjähriges, mit 15 Millionen Franken dotiertes Forschungsprogramm des Schweizerischen Nationalfonds zum Thema Lebensende abgeschlossen. Dieses Jahr erscheint dazu das Buch «Sterben in der Schweiz»: Vertreter mehrerer Wissenschaften – vom Juristen über die Soziologin bis zum Ökonomen – werden das Lebensende aus diversen Perspektiven betrachten.

«Die meisten Menschen würden gerne Knall auf Fall sterben.»Thomas Wild, Seelsorger

Warum sind wir so fokussiert auf das Sterben, wo wir doch medizinischem Fortschritt sei Dank länger und gesünder leben denn je? Genau darin liegt – neben dem demografischen Wandel – die Ursache: Wir sterben älter und langsamer als früher. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Autounfall oder im Wochenbett aus dem Leben gerissen zu werden, ist geringer geworden. Stattdessen werden viele von uns wegen Krebs oder einer anderen Krankheit einen langen Sterbe- und – vielleicht – Leidensweg durchmachen.

Es öffne sich eine Schere, sagt Thomas Wild, Theologe und Seelsorger am Berner Inselspital: «Die meisten Menschen würden gerne Knall auf Fall sterben – aber die medizinische und gesellschaftliche Realität entspricht genau dem Gegenteil.»

Dass der Tod so stark interessiert, liegt auch daran, dass die Religion als Orientierungsrahmen wegbricht, spirituelle Fragen aber bleiben. Und wir haben den natürlichen Umgang mit existenziellen Ereignissen wie Geburt und Sterben verlernt. Je stärker wir uns vom Tod entfremden, umso obsessiver beschäftigen wir uns damit – allerdings auf eine sterile, distanzierte Art. Früher war das Sterben allgegenwärtig, das Sprechen darüber aber ein Tabu. Heute, sagt Markus Zimmermann, sei es umgekehrt: «Wir sollten eine Patientenverfügung verfassen, sind dann aber ratlos, was wir hineinschreiben sollen: Wir wissen ja nicht mehr, wie Sterben geht.» Selbst er als langjähriger Seelsorger sei bei seiner Arbeit erst einmal beim Ableben eines Menschen dabei gewesen.

Zimmermanns Fachkollege Thomas Wild hat, als man ihn telefonisch erreicht, gerade ein Seelsorgegespräch mit einem Patienten mit schwerem Leberleiden hinter sich. Vor 50 Jahren wäre dessen Schicksal besiegelt gewesen. Heute muss dieser Mann sich entscheiden: Sterben – oder dank Lebertransplantation weiterleben, allerdings mit einem langen, ungewissen Weg des Leidens und Genesens.

Den eigenen Tod timen

Das Beispiel illustriert die Herausforderung unserer Zeit: Der Todeszeitpunkt ist nicht mehr naturgegeben (und gottgegeben schon gar nicht), Sterben wird zur bewussten Entscheidung. Eine Nationalfondsstudie zeigt, dass medizinisch begleitete Todesfälle in fast 60 Prozent erst eintreten, nachdem der Patient einen Entschluss gefasst hat, also in der Regel auf lebensverlängernde Massnahmen verzichtet.

«Das Timing des eigenen Todes ist eine völlig neue Verantwortung, mit der unsere Gesellschaft konfrontiert ist», sagt Wild. Und die manche explizit suchen: Seit Jahren hat die grösste Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit starken Zuwachs, über 100'000 Mitglieder zählt sie bereits. Allerdings fanden 2016 erstmals weniger Sterbebegleitungen als im Vorjahr statt. Ein Zeichen dafür, dass das Gefühl von Selbstbestimmung wichtiger ist, als davon Gebrauch zu machen?

Gleichzeitig wächst das Bedürfnis, auf dem letzten Gang begleitet zu werden. Spitäler anerkennen zunehmend den Wert der Palliativmedizin. Es entstehen neue Sterbehospize, aktuell in der Ost- und Zentralschweiz. Schwerkranke sollen länger in der Welt der Lebenden verbleiben können, dafür werden neu ambulante Hospizplätze geschaffen. Seit längerem wird zudem auf die ersten Kinderhospize der Schweiz hingearbeitet. Auch von Ärzten ist ein Umdenken gefordert: Kürzlich hat sie die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften aufgefordert, das Sterben nicht länger als Tabuthema zu behandeln.

Angst vor Sterben wird grösser

Wir sind besser denn je vorbereitet auf den Tod, können ihn planen wie keine Generation vor uns. Also, sollte man meinen, kann er uns keine Angst mehr machen. Sowohl Zimmermann wie auch Wild sagen, der Tod habe für einige Menschen tatsächlich an Schrecken verloren – nicht aber das Sterben. Denn trotz aller Selbstbestimmung bleibt die Furcht vor Kontrollverlust, vor Demenz, vor dem Dahinsiechen.

«Die Diskussion um selbstbestimmtes Sterben wird vermutlich noch stark zunehmen – und so manche Enttäuschung verursachen», sagt Markus Zimmermann. Wer ohne Suizid oder Sterbehilfe aus dem Leben scheidet – das trifft auf rund 97 Prozent aller Todesfälle zu – lässt sich nach wie vor auf einen ungewissen Weg ein. Davon befreit keine Patientenverfügung, kein Testament und keine Diamantbestattung.

Auch wenn wir am liebsten sterben würden, ohne zu sterben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 19:10 Uhr

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