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Wird die soziale Durchmischung überschätzt?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Rassismus…

Was halten Sie von der in letzter Zeit so oft beschworenen sozialen Durchmischung in Schule oder Nachbarschaft? Man sagt doch so schön «Gleich und gleich ­gesellt sich gern». T.A

Liebe Frau A.

Ich schlage vor, dass eine ­soziale Gruppe, eine Schule, ein ­Quartier oder eine Genossenschaftssiedlung dann als «durchmischt» gelten kann, wenn eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dort auf Menschen zu treffen, die in sozial relevanten Charakteristika von einem selbst abweichen.

Das ist eine absichtlich vage ­Definition. Aber gerade darum scheint sie mir recht brauchbar zu sein. Man kann versuchen, sie auf ein (fiktives) Quartier anzuwenden, in dem Student*innen, Akademiker*innen, Gewerbetreibende, In- und Ausländer, Familien und Alleinerziehende und Handwerker*innen miteinander wohnen. Ein solches Quartier würde man ­intuitiv (und zu Recht) als durchmischt bezeichnen – in vieler Hinsicht ­treffen hier unterschiedliche Lebenswelten zusammen.

Aber es ist eben vor allem in Bezug auf Berufe, Einkommen und Formen des Familienlebens durchmischt. In anderer Hinsicht, zum Beispiel was eine ­gemeinsame linksliberalgrüne Einstellung ­angeht, ist es möglicherweise homogener als das (ebenso ­fiktive) Villenviertel derselben Stadt, in der Expats, Neu- und Altreiche, Erb*innen und ­Besetzer*innen eines ­verlassenen Herrschaftshauses aneinander vorbeileben, das heisst, sich selbst gar nicht als «durchmischte» Quartierbewohner erleben.

Gegen die Entmischung

Es ist leicht, jemandem, der Durchmischung für das höchste aller sozialen Güter hält, in die Suppe zu spucken: Wo sind denn in eurer Nachbarschaft die Asylbewerber, die Sozialhilfeempfänger, die Kleinkriminellen, die Bauern, die Behinderten, die über 90-Jährigen …?

Aber solche Einwände sind letztlich dumm. Sie beweisen nur, dass man sich ­soziale Diversifikation nicht zu kleinräumig vorstellen darf. Durchmischung ist nicht nur relativ zu bestimmten Kategorien (unter Auslassung anderer), sondern auch graduell. Nicht in ­jeder Hinsicht ist ­maximale Heterogenität das Wünschenswerte; eine gewisse Homogenität erzeugt die für eine Stadt notwendige Struktur.

Fatal wird es mit ­Homogenität von dem Punkt an, wo ihr Grad gleichzeitig das Mass des sozialen Abstiegs ist. Wo Quartiere, Schulen und andere soziale ­Einrichtungen die Orte für die Abgehängten, Überflüssigen und Hoffnungslosen sind. Der Entstehung einer solchen Ent­mischung muss man mit allen Mitteln entgegenwirken.

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