Wo Lebensmittel bloss einen Franken pro Einkauf kosten

Seit Susanne S. (40) verunfallte, lebt sie von 1600 Franken IV. Dank «Tischlein deck dich» kommt sie damit über die Runden.

Welche Lebensmittel passen am besten zusammen? Aus dem, was sie ergattert, stellt Susanne S. ihre Menus zusammen. Foto: Nicole Philipp

Welche Lebensmittel passen am besten zusammen? Aus dem, was sie ergattert, stellt Susanne S. ihre Menus zusammen. Foto: Nicole Philipp

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Es ist halb vier Uhr am Montagnachmittag, als ein grosser Lastwagen bei der katholischen Kirche vorfährt. Er bringt die Lebensmittel für die aktuelle Woche. Eine Wagen­ladung voller Waren für die Organisation «Tischlein deck dich», gespendet von Grossverteilern, lokalen Geschäften oder Bauern und bestimmt für Bewohner aus der Gemeinde, die an der Armutsgrenze leben.

Seit zwanzig Jahren gibt es die Organisation in der Schweiz, an über 120 Standorten werden mittlerweile Waren weitergegeben. Seit fünfzehn Jahren besteht die Abgabestelle auch in Ostermundigen, wo Woche für Woche über 900 Kilogramm Lebensmittel verteilt werden. Angefangen haben die Organisatoren mit sechs Personen, die dank einer Bezugskarte das Recht haben, solche Waren zu beziehen. Mittlerweile ist die Zahl auf rund hundert Haushalte angewachsen.

Nummern ziehen

Kurz nachdem der Lastwagen angekommen ist und nachdem zahlreiche freiwillige Helfer wie jeden Montag die Waren in der Aula auf Tischen aufgestellt haben, versammeln sich viele wartende Menschen um ein kleines Pult.

Denn dort beginnt wenig später das Losverfahren, das regelt, wer seine Lebensmittel wann in Empfang nehmen darf. In der Schlange kennt man sich, man grüsst, fragt nach: «So, welche Nummer hast du diese Woche gezogen?», will eine Frau von einer anderen wissen. Diese hält eine Klammer mit der Zahl 18 in die Höhe. «Nicht schlecht, alles unter 30 ist doch super, da hat es noch die ganze Palette an Auswahl.»

Bei der Abgabestelle in Ostermundigen in Bern: Susanne S. nimmt die begehrten Spaghetti entgegen. Foto: Nicole Philipp

Neben der Reihenfolge für den Einkauf sind auch die Lebensmittel an sich ein grosses Gesprächsthema unter den wartenden Personen – rund 80 sind es an diesem Montag, viele Frauen mit kleinen Kindern, viele unterhalten sich auch in anderen Sprachen miteinander, viele stammen aus dem arabischen Raum. Was sie wohl heute mit nach Hause nehmen dürfen?

Kleine Ziele setzen

Susanne S. hat an diesem Nachmittag Glück gehabt und die Nummer 6 gezogen. Sie ist eine der regelmässigen Kundinnen von «Tischlein deck dich». Bis vor gut zwei Jahren führte sie ein aktives ­Leben, war in der Veranstaltungstechnik tätig, wo sie als sogenannter Rigger häufig am hängenden Seil Arbeiten verrichtete. Jahrelang ging sie ihrer Leidenschaft, dem Klettern, auch in der Freizeit nach.

Dann, im Mai 2016, verunfallte Susanne S. bei einer Klettertour. «Ein Stein löste sich aus der Felswand, an der ich hing, und ich fiel in die Tiefe», erzählt sie. Der Unfall sei trotz einer korrekten und sogar zusätzlichen Sicherung an einem Seil geschehen. Beim folgenschweren Zwischenfall krachte Susanne S. der Felsbrocken auf den Fuss. Dieser wurde von der Last des Steins zertrümmert.

«Wir werden mit Lebensmitteln beschenkt und sollten dankbar sein.»

Seither ist Susanne S. auf den Rollstuhl angewiesen. Denn auch zahlreiche Operationen konnten den Fuss nicht wieder so herstellen, dass sie ihn richtig belasten kann. Im Moment hat die 40-Jährige jeweils Tag für Tag das Ziel, ihren Alltag allein zu bewältigen, die Reha nimmt viel Zeit in Anspruch. «Seit dem Unfall kann ich logischerweise auch meiner Arbeit nicht nachgehen, obwohl meine Mobilität langsam besser wird und je nach Tag kurze Distanzen zu Fuss möglich sind», sagt sie. Im Moment lebt sie von rund 1600 Franken IV im Monat, dazu ­erhält sie Ergänzungsleistungen.

Ihre finanzielle Situation muss Susanne S. wie alle anderen Kunden einmal pro Jahr von einer ­Sozialfachstelle überprüfen lassen. Ist das Mindesteinkommen nicht erreicht, erhält sie die Bezugs­karte, mit der sie Anrecht auf die Lebensmittel von «Tischlein deck dich» hat. Die Lebensmittel der Organisation, für die sie jeweils einen Franken pro Einkauf bezahle, seien sehr wertvoll. «Sie nehmen mir rund 50 Prozent der wöchentlichen Einkaufskosten ab.»

Dankbarkeit zeigen

Susanne S. weiss nicht, welche Waren sie jeweils an diesen Montagnachmittagen erhalten wird – es sind alles Lebensmittel, die im Laden nicht mehr verkauft werden können, jedoch noch einwandfrei zu verarbeiten und ­zu essen sind. Das Angebot reicht von etwas krummen Karotten oder für den Verkauf zu kleinen Kartoffeln bis zu Getränken aus einer Überproduktion, Fertig­gerichten oder Milchprodukten.

«Eigentlich ist es egal, was es gibt», meint Susanne S. zum Angebot. Die Menschen würden quasi beschenkt, deshalb solle man für jedes Lebensmittel dankbar sein. «Wenn ich manchmal merke, dass jemand ‹schnäderfräsig› ist oder neidisch, weil jemand vor einem an der Reihe war und es nicht mehr alles zur Verfügung hat, nervt mich das.»

Geschickt kombinieren

Der beste Moment kommt für die 40-Jährige dann, wenn sie mit dem Rollstuhl möglichst schnell nach Hause gefahren ist, um die Waren zu verstauen und zu kühlen. Vorher breitet Susanne S. aber alles, was sie bekommen hat, auf dem Tisch in ihrer Wohnung aus. «Ich überlege mir, welche ­Lebensmittel kombiniert werden können und welche sich zusammen zu einem ganzen Menü verarbeiten lassen.» Dabei muss sie darauf achten, ob sie einige Dinge schneller verwerten muss oder andere einfrieren und aufbewahren kann. Das gibt ihr jeweils die Reihenfolge ihrer Menüs vor. «Das Kreative am Kombinieren gefällt mir sehr», erzählt sie.

Zielstrebig legt Susanne S. die erhaltenen Lebensmittel nun in Gruppen zusammen. Bei den Spaghetti und den Tomaten in der Büchse muss sie nicht lange überlegen. «Das Menü liegt ja hier auf der Hand, oder?» So ergibt sich nach und nach ein ganzer Menüplan für die kommende Woche. Meistens reicht die Portion für zwei Mahlzeiten. Auch beim Brot, das sie mit einem Ei und der Milch aus ihrem eigenen Vorrat ergänzt, ist sofort eine Idee in Sicht. «Voilà. Schon sind die Fotzelschnitten angerichtet», meint Susanne S. lachend.

Erstellt: 03.10.2018, 20:50 Uhr

Gegen Foodwaste, für Arme

Der Verein «Tischlein deck dich» wurde 1999 gegründet mit dem Ziel, möglichst viele Lebensmittel, die in den Läden nicht mehr verkauft werden können, vor der Vernichtung zu retten und sie gleichzeitig an Menschen zu verteilen, die von ­Armut betroffen sind.

«Tischlein deck dich» wird ausschliesslich über Spenden finanziert und von über 800 verschiedenen Lebensmittelspendern unterstützt. Im letzten Jahr verteilte die Organisation 3440 Tonnen Lebensmittel, was über 17 Millionen gefüllten Tellern entspricht.

So konnten 18 400 Menschen pro Woche in den schweizweit 127 Abgabestellen unterstützt werden. 24 fest angestellte und über 2900 freiwillige Mitarbeiter ­machen den Betrieb des Vereins möglich.

Coop und Migros spenden am meisten Produkte

Welche Lebensmittel bei den Abgabestellen von «Tischlein deck dich» für die Bezüger zur Verfügung stehen, hängt von den über 800 Produktspendern ab. Den Hauptteil tragen dabei die Grossverteiler Coop und Migros bei. Die Migros gibt Produkte weiter, bei denen zwar das Verkaufs-, nicht aber das Verbrauchsdatum abgelaufen ist.

Laut Andrea Bauer, Mediensprecherin der Migros Aare, sind das Brot oder Backwaren, Halbfertigprodukte, aber auch Früchte und Gemüse. Häufig sind es auch Waren aus einer Überproduktion, die von der Migros gespendet werden. «Artikel wie beispielsweise Teigwaren werden weniger an karitative Organisationen abgegeben.» Denn bei länger haltbaren Artikeln sei die Planbarkeit höher, sodass ein vollständiger ­Abverkauf besser möglich ist.

Die Menge der gespendeten Lebensmittel kann die Migros, im Gegensatz zu Coop, nicht ­genau beziffern. Coop spendet jährlich 2200 Tonnen Esswaren an die Organisationen «Tischlein deck dich» und die Schweizer Tafel. «Wir versuchen, Waren aus allen Bereichen abzugeben», sagt Andrea Bergmann von Coop. Ausserdem werden Flächen aus den Lagern kostenlos zur Verfügung gestellt.

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