Zielscheiben im Naturpark

In der geschützten Moorlandschaft des Naturparks Gantrisch wird der Bau eines nationalen Biathlon-Trainingszentrums vorangetrieben. Das Projekt zwingt zur Frage, was in Naturparks alles Platz haben soll.

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Hans-Rudolf Segessenmann bevorzugt klare Worte. Er sagt: «Das ziehen wir jetzt durch.» Und: «Wir lassen uns nicht mehr bremsen.» Nicht mehr bremsen lassen will sich der 73-jährige Wattenwiler Wintersportfreund bei der Umsetzung seines Traums: Er will im Naturpark Gantrisch ein nationales Biathlon-Trainingszentrum schaffen. Er will das schon lange. Aber jetzt will er die Sache eben «durchziehen».

Runden drehen auf der Teerpiste

Konkret wollen er und seine Unterstützer auf dem ehemaligen Panzerschiessplatz bei der Stierenhütte eine neue Kleinkaliber-Schiessanlage für Biathleten erstellen. Von da weg will Segessenmann zwei je anderthalb Meter breite geteerte Bahnen in die Landschaft legen und so eine insgesamt vier Kilometer lange Trainingsstrecke schaffen. Betriebsgebäude, Garderoben, Toilettenanlagen und ein Bistro sollen den Sportkomplex vervollständigen. Dienen soll die Anlage dem Sommertraining der Athleten. Segessenmann sagt, in der Schweiz seien die Trainingsangebote viel zu knapp, vor allem für Biathleten aus der Westschweiz. Zwar sei der Aufbau eines Trainingszentrums auf dem Col des Mosses ins Auge gefasst worden. Aus Gründen des Moorschutzes, sagt Segessenmann, habe man dieses Vorhaben aber fallen gelassen. Mit künstlichem Moor aufwerten

Mit dem Stichwort Moorschutz benennt Segessenmann, was auch im Gurnigel­gebiet die Debatte für und wider den Bau des Trainingszentrums prägt: Es läge im Perimeter des dortigen Moorschutzgebiets von nationaler Bedeutung. Doch Segessenmann sagt, im Gantrisch liege die Sache anders als auf dem Col des Mosses: «Es gibt absolut kein Problem.» Nachdem er – auf Anraten von SVP-Nationalrat Adrian Amstutz – den Biologen Roland Luder beigezogen habe, hätten sich gute Lösungen herauskristallisiert. So soll ein wesentlicher Teil des betonierten Panzerschiessplatzes begrünt werden. Entstehen soll so ein künstliches Hochmoor. Die Sportstätte führe somit gar zu einer «ökologischen Aufwertung». Dass die geteerten Rollerbahnen das bestehende Moorschutzgebiet tangieren und zudem die Rodung von 4800 m2 Wald erforderlich machten, sei kein unüberwindbares Hindernis: «Mit den Umweltverbänden kommen wir schon zschlag.» Seine Zuversicht schöpft er aus dem Umstand, dass die Anlage im regionalen Waldplan vorgemerkt ist und die Standortgemeinden Rüeggisberg und Rüschegg zonenrechtliche Anpassungen zugunsten des Projekts vorgenommen haben.

Früher Kritiker des Naturparks

Segessenmanns Einsatz fürs Biathlonzentrum reicht weit vor die Anfänge des heutigen Naturparks Gantrisch zurück. Und der Sportsfreund war vehementer Gegner des Parks: «Ich wehre mich heftig gegen die Umsetzung des Naturparks», gab er 2009 der Presse zu Protokoll. Segessenmann befürchtete ein zu viel an Naturschutz. In der Tat äusserten sich verschiedene Amtsstellen damals skeptisch zu seinen Plänen. Ihre sinngemässe Aussage: Es diene der erhofften Etablierung des Naturparks kaum, im Bewerbungsdossier die Moorlandschaft als wichtigen Teil anzupreisen – und sich gleichzeitig hinter ein Projekt zu stellen, das den Moorschutz in Frage stelle.

Prüfstein für den Park

Seit dem 1. Januar 2012 gibt es ihn nun, den Naturpark Gantrisch – und zur Kenntnis genommen wurde inzwischen auch, dass regionale Naturpärke keine reinen Naturschutzprojekte sind, sondern einem weit gefassten Nachhaltigkeitsbegriff folgen. Zu den Parkzielen gehört zwar auch am Fusse des Gant­rischs, die Natur zu erhalten und aufzuwerten, aber eben auch, der Gesellschaft zu dienen und die Wertschöpfung im Gebiet zu steigern. Gleichwohl ist Segessenmanns Biathlonprojekt ein Prüfstein für die anhaltende Debatte, was denn in einem Naturpark alles gutgeheissen werden soll.

In einem Moorschutzgebiet von nationaler Bedeutung eine Schiessanlage für Biathleten planen und eine Piste planieren und teeren: Wie geht das zusammen mit dem Selbstverständnis des Naturparks? Naturpark-Geschäftsführer Christoph Kauz macht deutlich, dass man sich in solchen Fragen «nicht als Schiedsrichter» verstehe. Primär folge man der Absicht, «gemeinsam mit der Parkbevölkerung die Ziele des Naturparks möglichst gut und im Rahmen der geltenden Gesetze umzusetzen». Aufs konkrete Projekt bezogen heisst das: Die Naturpark-Verwalter nehmen sich aus der Diskussion und warten auf den Entscheid der kantonalen und allenfalls nationalen Fachstellen. Erhalte das Projekt von allen Seiten grünes Licht, werde auch der Naturpark dessen bestmögliche Umsetzung unterstützen, sagt Kauz.

Das Fundament der Astronomen

In der Zwickmühle befindet sich der Park aber dennoch. Die exakt gleichen betonierten Quadratmeter, welche die Wintersportler beanspruchen, sind auch bei einer anderen Zielgruppe des Naturparks begehrt: Der Panzerschiessplatz ist das erschütterungsfreie Fundament für all die Astronomen, die hier zahlreich aufkreuzen – das nächste Mal morgen, wenn die diesjährige grosse Star Party auf dem Gurnigel steigt. Das Sternenguckertreffen ist ganz im Sinne des Naturparks, führt er doch eigens ein Projekt namens «Sternenlicht», das – unter anderem auf besagter Panzerschiessplatte – die «weitgehend ungestörte Beobachtung des Nachthimmels» zum Ziel erhebt. Der Park prüft jetzt gar, ob sich die bis heute von Lichtverschmutzung verschont gebliebene Ecke als Lichtschutzgebiet zertifizieren liesse. Das wäre für den Park ein Alleinstellungsmerkmal.

«Gratis gibts nichts»

Gleichzeitig liebäugelt die Trägerschaft des Parks damit, von der Biathlonanlage zu profitieren. Sie hat in Vernehmlassungsantworten skizziert, dass sie sich im Betriebsgebäude eine Informationsstelle des Parks, eine Verkaufsstelle für regionale Produkte und allenfalls gar eine Schaukäserei vorstellen könne. Segessenmann reagiert auf solche Wünsche mit der ihm eigenen Klarheit. Den vom Naturpark an ihn herangetragenen Wunsch, 120 Parkplätze auf dem Panzerschiessplatz bereitzustellen, «können die sich abschminken». Und wolle der Naturpark Betriebsgebäude oder Toilettenanlage mitbenutzen, dann gelte: «Gratis bekommen sie es nicht.» Auch für die Wohnmobiltouristen, die heute den Ort rege nutzen, hat er keine gute Nachricht: «Für Camper ist es natürlich zu Ende.» Die Sternengucker wiederum «stören niemanden», sagt Segessenmann und verweist auf eine 800 m2 grosse Ecke der Panzerschiessplatzfläche, die voraussichtlich betoniert bleibe. Die Vermutung: Bevor hier auf Rollskis trainiert und mit Kleinkalibermunition ins Schwarze getroffen wird, gilt es wohl doch noch einiges auszudiskutieren. (Der Bund)

Erstellt: 13.08.2015, 13:23 Uhr

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