Zunge zeigen – ist das heute ganz normal?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Bedeutungswandel von Gesten.

Das Herausstrecken der Zunge ist bei Kindern aus der Mode gekommen. Warum eigentlich? Foto: TA-Bildarchiv

Das Herausstrecken der Zunge ist bei Kindern aus der Mode gekommen. Warum eigentlich? Foto: TA-Bildarchiv

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Als Kind hat man mir beigebracht, dass anderen Menschen die Zunge herauszustrecken etwas sehr Unanständiges sei. Sobald heutzutage ein Handy oder eine Kamera auf Kinder gerichtet wird, fährt umgehend deren Zunge aus dem Mund. Bin ich mit 70 Jahren schlicht zu alt, um das neue Gebaren zu verstehen?
K. S.

Lieber Herr S.

Sie haben nichts verpasst, sondern ganz im Gegenteil etwas miterlebt. Nämlich den Bedeutungswandel von Gesten. Ich weiss nicht mehr, wann ich zuletzt ein Kind gesehen habe, das einem anderen Kind oder einem Erwachsenen die Zunge herausgestreckt hat, um das zu ­signalisieren, was diese Geste unter Kindern vielleicht noch in den 50er- oder auch 60er-Jahren bedeutete: Ätsch, du kannst mich mal. Beziehungsweise: Du kannst mir gar nicht. Aber auch zu diesen Zeiten handelte es sich beim Zungeherausstrecken nicht gerade um eine starke Beleidigung, sondern eher um eine Geste der kleineren Kinder, die auf nur etwas Ältere bereits keinen grossen Eindruck mehr machte.

Ich bin zwar kein empirisch arbeitender Volkskundler, sondern nur unsystematisch beobachtender Teilnehmer unserer Kultur, aber ich bin doch ziemlich sicher, dass die herausgestreckte Zunge als ernst gemeintes, nonverbales Ätschibätschi-Signal schon seit längerem eine antiquierte Seltenheit geworden ist. Schon seit langem ist diese Geste ironisiert worden. Zum Beispiel in den 80er-Jahren, als die Raver auf den Love Parades begannen, lasziv vor sich hin zu züngeln, sobald eine Kamera auf sie gerichtet war. Dabei handelte es sich um eine Art des ironisch-erotischen Posierens wie beim Victory-Zeichen oder bei den zur Kuss-Schnute aufgeschürzten Lippen des sogenannten Duckface.

Sich mit der herausgestreckten Zunge auf Fotos in Szene zu setzen, geht freilich auf ein viel älteres Vorbild zurück. Und zwar ist es ein Zitat der wohl berühmtesten Porträtaufnahme Albert Einsteins. Mit diesem Schnappschuss von 1951 zu Einsteins 72. Geburtstag ist das Zungeherausstrecken gewissermassen hochkulturell geadelt worden. Auf unzähligen Postkarten und Postern reproduziert, wurde es zum Sinnbild von Wissenschaft als einem anarchischen, antiautoritären Unterfangen. Nicht zuletzt in Studenten-WGs gehörte es darum zur Einrichtung wie das Billy-Regal von Ikea. So betrachtet, sind die von ­Ihnen der Unartigkeit gescholtenen Goofen kleine Einstein-Epigonen. Jedenfalls bildlich.

Erstellt: 08.11.2017, 09:33 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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