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Zur Schnauztransplantation in die Türkei

Türkische Chirurgen haben einen neuen Markt entdeckt: Sie verhelfen Ausländern mit spärlichem Haarwuchs zu einem stattlichen Schnauzer. Reiseagenturen bieten gar Pauschalreisen an.

Der Gesundheitstourismus in der Türkei boomt: Ein 27-jähriger britischer Tourist unterzieht sich in einer Istanbuler Klinik einer Haartransplantation.
Der Gesundheitstourismus in der Türkei boomt: Ein 27-jähriger britischer Tourist unterzieht sich in einer Istanbuler Klinik einer Haartransplantation.
Reuters
Dabei werden am Hinterkopf Haarfollikel entnommen und am gewünschten Ort eingesetzt.
Dabei werden am Hinterkopf Haarfollikel entnommen und am gewünschten Ort eingesetzt.
Reuters
Entdeckt haben die türkischen Chirurgen inzwischen auch die Nachfrage nach Schnauztransplantationen. Ein häufiges Vorbild soll der populäre kurdische Sänger Ibrahim Tatlises sein.
Entdeckt haben die türkischen Chirurgen inzwischen auch die Nachfrage nach Schnauztransplantationen. Ein häufiges Vorbild soll der populäre kurdische Sänger Ibrahim Tatlises sein.
AP
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Türkische Männer waren lange Zeit als Schnauzträger schlechthin bekannt: Kräftiger Haarwuchs ermöglicht vielen einen dichten schwarzen Balken zwischen Mund und Nase. Gemäss einer Marktforschungsstudie trugen 1993 ganze 77 Prozent aller türkischen Männer einen Schnauz. Inzwischen hat sich der türkische Schnauzer nun zu einem Exportschlager entwickelt. Wie das «Wall Street Journal» schreibt, erfreut sich der neuste Zweig des türkischen Gesundheitstourismus immer grösserer Beliebtheit.

Bei der Transplantation entnehmen Chirurgen dem Patienten beispielsweise am Hinterkopf ganze Haarfollikel und pflanzen diese am gewünschten Ort wieder ein. Entwickelt wurde die Methode zur Behebung einer Glatze. Die Operation wird unter lokaler Betäubung durchgeführt und kostet bis zu 5000 Franken. Reisebüros sollen sogar Transplantationspauschalreisen inklusive Shoppingausflug nach Istanbul oder Badeurlaub am Mittelmeer anbieten.

«Nun fühle ich mich viel besser»

Die Nachfrage für die Gesichtshaar-Transplantation stammt offenbar vor allem aus dem Nahen Osten. Das «Wall Street Journal» zitiert einen 34-jährigen Geschäftsmann aus Erbil im Norden des Irak, der nach Jahren geringen Selbstvertrauens eine Schnauztransplantation durchführen liess: «Der Schnauz ist in unserer Kultur sehr wichtig. Meine Frau unterstützte meinen Entscheid. Nun fühle ich mich viel besser. Ich habe die Operation allen meinen Freunden empfohlen.»

Die Gesichtsbehaarung ist im Nahen Osten auch politisch aufgeladen. Mit einer glatten Rasur bekunden viele Männer ihre zumindest ideologische Zugehörigkeit zur westlich orientierten Elite eine Landes. Ein Schnauz steht hingegen mehr für die Orientierung an traditionellen Werten des eigenen Landes – und ein Bart als Symbol für die Religiosität.

Die kulturelle Macht der Soap-Operas

Eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte ist aber nicht die einzig mögliche Erklärung für die steigende Beliebtheit des Schnauzers. Befördert wird diese nach Ansicht von Chirurgen vor allem auch durch das türkische Fernsehen. Im arabischen Raum und auf dem Balkan erfreuen sich türkische Soap-Operas grosser Beliebtheit. Viele ihrer Patienten würden Bilder von Stars mitbringen, sagte Canan Koksuz, eine Instanbuler Chirurgin, dem «Wall Street Journal». «Früher war die Nachfrage geringer, weil die Gesichtsbehaarung als politisch galt. Heute aber sind Schnäuze und Bärte modisch – und die Leute wollen trendy aussehen.»

Während die Nachfrage aus dem Ausland besteht, scheint die Idee einer Schnauztransplantation für viele Türken lächerlich zu sein. «Ich persönlich wäre argwöhnisch, wenn ein Türke sich keinen Schnauz wachsen lassen könnte», sagte Cenggiz Altug, ein Istanbuler Verkäufer, dem «Wall Street Journal». Wenn sich aber Ausländer einer Operation unterziehen müssten, dann sollten sie dies hier tun – «der türkische Schnauz ist immer noch der Neid der Welt».

Nicht alle von Altugs Landsleuten scheinen dies aber so zu sehen: Im Jahr 2011 betrug die Quote der Schnauzträger im Land nur noch 34 Prozent.

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