Heuschnupfen – alles Psyche?

Nicht nur Pollen, auch psychische Faktoren spielen beim Heuschnupfen mit. Die Allergie wird durch Konflikte, Angst oder Stress verstärkt, meinen Fachleute.

Mit Stress oder psychischen Problemen besonders schlimm: Allergieauslöser.

Mit Stress oder psychischen Problemen besonders schlimm: Allergieauslöser.

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Zur Überwindung des Heuschnupfens plädiert der Berner Immunologie-Professor Beda Stadler für einen Paradigmenwechsel: Statt nach der gängigen Lehre Pollen zu vermeiden (Allergiekarenz), soll man sich ihnen vermehrt aussetzen. Denn allergische Reaktionen seien umso stärker, je ernster man sie nehme, behauptet Stadler. «Die Psyche allein kann sogar eine Allergie auslösen», sagte er im Interview mit Newsnetz. Hat Stadler recht? Ist die Psyche der Menschen dafür verantwortlich, dass 20 Prozent von ihnen während der Pollenflugsaison unter Heuschnupfen leiden?

«So überspitzt kann man das nicht behaupten», sagt der Pneumologe und Psychosomatiker Thomas Rothe von der Zürcher Höhenklinik Davos. «Heuschnupfen ist keine psychische und auch keine psychosomatische Erkrankung.» Aber auch Rothe will nicht ganz ausschliessen, dass psychische Faktoren bei der Pollenallergie eine Rolle spielen. «Bei einer Person, die zum Beispiel leicht neurotisch ist und zu Stress neigt, können sich die Symptome verstärken», erklärt der Arzt.

Nervensystem, Psyche und Immunabwehr

«Neuropsychoimmunologie» heisst das Fachgebiet, das sich mit den Zusammenhängen zwischen Nervensystem, Psyche und Immunabwehr beschäftigt. Psychosomatiker Thomas Rothe nennt in einem Fachartikel drei Beispiele, welche die mögliche Wirkung von Stress und Angst auf das Immunsystem illustrieren: Eine Studie konnte zeigen, dass Studenten, die einen mit Schnupfen-Viren getränkten Wattetupfer in ein Nasenloch erhielten, umso stärker an einem Schnupfen erkrankten, je gestresster sie waren. Kinder aus Scheidungsfamilien erkranken häufiger an Neurodermitis als Kinder aus intakten Familien. Eine andere Studie untersuchte Patienten mit allergischem Schnupfen, dabei zeigte sich: Je ängstlicher die Patienten waren, desto stärker fielen die Allergie-Reaktionen im Haut-Prick-Test aus. «Die Beispiele zeigen, dass neuropsychoimmunologische Zusammenhänge bei ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern von Bedeutung sind», schreibt Rothe.

Am intensivsten erforscht ist der Zusammenhang zwischen Psyche und Asthma. Bereits vor über 100 Jahren wurde hier nach Wechselbeziehungen gesucht, wobei zu dieser Zeit aber völlig unbekannt war, dass die Symptome durch Allergene – Hausstaub, Pollen, Tierhaare – ausgelöst werden. Das «Asthma nervosa», wie es damals genannt wurde, galt als psychisch bedingtes Anfallsleiden. In den 1940-er Jahren identifizierten Psychosomatiker aufgrund der Lehre von Sigmund Freund die überprotektive Mutter als Auslöserin von Asthma. Heute weiss man zwar, dass Asthmaanfälle eher selten rein psychisch bedingt sind. Aber die Psyche spielt trotzdem mit. In einer Untersuchung löste schon nur der Anblick von Kunstblumen bei Pollenansthmatikern akute Atemnot aus. «Konditionierung, Suggestion und Plazebo-Effekt sind Faktoren, die auch beim Asthma auftreten», hebt Thomas Rothe in seinem Artikel hervor. Auch wenn Menschen aus Angst hyperventilieren, kann dies zu asthmatischen Symptomen führen. Für die Asthmatherapie sei es deshalb wichtig, neben den körperlichen auch psychische Aspekte zu berücksichtigen, betont Rothe.

Eine Art neurotische Konflitkbewältigung

Dasselbe gilt auch für den Heuschnupfen. Diese Meinung vertritt jedenfalls der promovierte Münchner Psychotherapeut Reiner Matheis, der ein Buch über psychosomatische Zusammenhänge beim Heuschnupfen geschrieben hat. «Es ist unbefriedigend, Pollen oder andere Allergene als einzige ursächliche Faktoren für den Heuschnupfen anzunehmen» schreibt Matheis auf seiner Homepage. «Man kann immer wieder beobachten: Bei ein und demselben Patienten treten die allergischen Symptome bei gleicher Allergenexposition zu verschiedenen Zeiten in ganz unterschiedlicher Heftigkeit auf, oftmals bleiben die Beschwerden ganz aus, trotz hoher Pollenkonzentration in der Atemluft.»

Als Gründe für diese Schwankungen macht der Münchner seelische Ursachen geltend: Bei einem Patienten mit verdrängter Wut etwa genüge in der Blütezeit bereits eine geringe Pollenmenge in der Luft, um eine heftige Heuschnupfenattacke hervorzurufen. Gelegentlich sei der Allergie auslösende Blütenstaub mit aggressiven und sexuellen Konflikten verknüpft. «Beziehungskonflikte, Konkurrenz im Beruf, Trennung, Trauer, solche schwierigen Situationen können sich auch durch Heuschnupfen äussern», sagt Matheis». So gesehen sei die allergische Reaktion eine Art neurotische Konftliktbewältigung. Auch die Konditionierung spiele eine Rolle: Während die meisten Menschen beim Anblick einer blühenden Wiese Freude empfinden, fängt der Pollenallergiker an zu niesen. Die Schönheit wird ihm buchstäblich verleidet.

Erstellt: 23.08.2010, 16:43 Uhr

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