Innenleben eines Pollens

Pollen ist nicht gleich Pollen, wie Studien zeigen: Sein Gehalt an Allergie auslösenden Eiweissen ist stark verschieden – von Tag zu Tag, von Pflanze zu Pflanze, von schattigem zu sonnigem Standort.

Aggressive Birkenkätzchen: Birkenpollen enthalten sieben Eiweisstypen, die Allergien auslösen.

Aggressive Birkenkätzchen: Birkenpollen enthalten sieben Eiweisstypen, die Allergien auslösen. Bild: Keystone

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Seit 50 Jahren gibt es in der Schweiz wie auch in anderen europäischen Ländern die Pollenflugvorhersage. Diese Prognosen geben Allergikern recht genaue Anhaltspunkte, wann und wo sie mit welcher Pollenbelastung zu rechnen haben. Doch die Pollenprognosen helfen Heuschnupfengeplagten nur bedingt weiter, denn: «Der Allergengehalt in den Pollen variiert stark», sagt Jeroen Buters, Toxikologe am Zentrum für Allergie und Umwelt der TU München (ZAUM). Er und seine Mitarbeiter haben herausgefunden, dass ein Korn kurz vor der Pollenreife bis zu zehn Mal mehr Allergene enthält als an anderen Tagen und so Heuschnupfengeplagte sehr viel stärker stresst. Ob aber ein Pollenkorn mit hohem oder tiefem Allergengehalt in die Luft geschickt wird, um am Ende seiner Reise eine Eizelle zu befruchten – das lässt sich (noch) nicht vorhersagen.

Aggressivere Birkenkätzchen in München

Buters steigt regelmässig auf Birken und sammelt in der Blützezeit deren Kätzchen (Blütenstände) ein. Birkenpollen enthalten sieben Eiweisstypen, die Allergien auslösen. Am häufigsten reagieren Allergiker auf «Bet v 1». Beim Vergleich von Proben, die in zwei aufeinander folgenden Jahren in zwei unterschiedlichen Regionen Deutschlands (München bzw. Nordrheinwestfalen) gesammelt worden waren, stellte der Toxikologe beim Allergengehalt grosse regionale und saisonale Unterschiede fest. Die Pollen aus München stiessen in beiden Jahren drei Mal mehr Bet v 1 aus als diejenigen aus Nordrheinwestfalen, und zwar unabhängig von der Anzahl Pollen in der Luft. In beiden Regionen war aber im zweiten Jahr der Bet v 1-Gehalt insgesamt fünf Mal höher als im Jahr zuvor.

Die Unterschiede gehen noch weiter: Das allergische Potenzial von Pollen schwankt auch von Baum zu Baum, von Tag zu Tag, von schattigem zu sonnigem Standort. «Der Pollen lebt», sagt Jeroen Buters, denn: «Pflanzen sind Individuen.» Und so, wie es zum Beispiel beim Wein gute und schlechte Jahrgänge gebe, finde man auch bei den Birkenpollen mal mehr, mal weniger dynamische Zeiten. Interessantes Detail in den Ergebnissen des ZAUM-Forschers: Ein Pollen pumpt seinen Allergengehalt erst in den Tagen vor dem Flug auf. Es ist der Pollen selbst, der die verschiedenen Eiweissverbindungen wie Bet v 1 synthetisiert. Ob der Pollen fliegt, hängt allerdings nicht von seinem Allergengehalt ab, wie Jeroen Buters erklärt, sondern von der Anthere (auch: Staubbeutel), die den Pollen produziert hat. Buters: «Es ist die Anthere, die gleichsam entscheidet: ‚Pollen flieg!’» Welche Rolle beim Befruchtungsflug die Allergene spielen, ist noch nicht geklärt. Möglicherweise fungieren sie als Hormontransporter, vermutet der Münchner Toxikologe.

«Lebendige» Pollen auch bei Gräsern und Oliven

Den variierenden Allergengehalt von Pollen haben Buters und sein Team, die auch vom Helmholtz Zentrum München unterstützt werden, anfänglich an Birken in München und Nordrheinwestfalen nachgewiesen. Inzwischen haben sie die gleichen Unterschiede in anderen Gegenden Europas auch bei Gräsern und Oliven gefunden. Der lebendige Pollen scheint ein allgemeines Pflanzenphänomen zu sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.06.2010, 16:22 Uhr

Jeroen Buters

EU-Projekt zur Allergenbelastung

Wissenschafter Jeroen Buters koordiniert das EU-Forschungsprojekt HIALINE (Health Impacts of Airborne Allergen Information Network). Die Studie, an der 14 europäische Organisationen (ohne Schweiz) beteiligt sind, will die Auswirkungen von Klimawandel und anderen Umweltveränderungen auf windübertragene Allergene untersuchen. Ein zusätzliches Ziel ist ein Frühwarn-Netzwerk für die Allergenbelastung in der Luft.

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