Hilfe, mein Kind trägt Dieter-Bohlen-Kleider

Der Sohn unserer Autorin liebt Autos, Geld und Partys, wo halb nackte Frauen tanzen. Wie konnte es so weit kommen?

Das Dieter-Bohlen-Outfit ist Symbol der Fremdheit zwischen Mutter und Sohn. Foto: Keystone

Das Dieter-Bohlen-Outfit ist Symbol der Fremdheit zwischen Mutter und Sohn. Foto: Keystone

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Ach, diese Hose. Wenn er diese entsetzliche Hose anhat, schiessen mir Gedanken wie dieser durch den Kopf: «Das kann nicht sein, dass das mein Sohn ist.» Die Hose ist eine stonewashed Karottenjeans mit riesigen Löchern. Ich nenne sie insgeheim die «Dieter-Bohlen-Hose». Mein Sohn trägt sie aufgekrempelt, dazu weisse Sneaker und, wenn es ganz schlimm kommt, die Bomberjacke mit dem weiss-gelben Logo auf dem Rücken. Wenn es maximal schlimm kommt, trägt er dazu auch noch seine Basecap und zwar umgedreht, mit dem Schirm im Nacken. Mein Gott, was haben wir nur falsch gemacht?

Als ich meinen Sohn zum ersten Mal im vollständigen Dieter-Bohlen-Outfit auf mich warten sah, war ich so fassungslos, dass mir versehentlich aus dem Mund gerutscht ist: «So gehe ich nicht mit dir auf die Strasse!» Mein Sohn war damals schon erwachsen, 22 Jahre alt. Ein Jahr vorher war er ausgezogen, die Zeit der Abnabelungskonflikte lag eigentlich hinter uns. «Was, bitte, ist das Problem, das du mit mir hast?», wollte mein Sohn wissen. Die Antwort war zu kompliziert, um sie zwischen Tür und Angel zu geben. Es ist ausserdem eine Antwort, die meinen Sohn verletzen würde, zumindest Teile davon. Darum schreibe ich diesen Artikel anonym, nenne auch seinen Namen nicht und verfremde, so weit es mir nötig erscheint, unsere Lebensumstände.

So ein Idiot!

Das Problem, das ich mit meinem Sohn habe, ist, dass aus dem Kind, das er war, ein junger Mann geworden ist, dessen Verhalten, Vorlieben und Interessen ich immer wieder total befremdlich finde. Ein Symbol dieser Fremdheit zwischen ihm und mir ist das Dieter-Bohlen-Outfit. Er sieht darin aus wie einer, der – meiner Meinung nach – vom rechten Pfad abgekommen ist: wie ein junger Mann, der Maseratis, Rolex und Champagner super findet. Wie einer, über den ich, wäre er nicht mein Sohn, urteilen würde: «Idiot!»

Champagner in der Limousine: Mein Sohn hat andere Vorlieben, als ich mir das wünschte. Symbolbild: Getty

Eines der wichtigsten Lebensziele meines Sohnes ist es, viel Geld zu verdienen: Sein Studienfach hat er schon mal danach ausgesucht. Er mag Ballerspiele, Feiern, Luxus und Sport. Er interessiert sich nur oberflächlich für Politik und kein bisschen für Literatur, Kunst und Kultur. Er hasst Radfahren. Er fährt lieber Auto, isst am liebsten Fleisch und verbittet sich Moralpredigten zu diesen Themen. Er kommt zu uns zum Abendessen, belächelt «Mamas feministische Vorträge» und dass «Papa immer über Romane und so intellektuelles Zeug» reden will. Nach dem Essen geht er zu einer Grossraum-Party, bei der halb nackte Frauen auf High Heels in Käfigen zu Elek­trobeats tanzen, und zwar zusammen mit seiner Freundin, die ebenfalls auf Grossraum-Clubs und High Heels steht. Wie konnte das passieren?

«Mensch, das ist bestimmt nicht so leicht, wenn das eigene Kind so angepasst ist.»

Immer, wenn ich mich das frage, enden meine Gedankengänge bei der Tochter von Freunden, die so alt ist wie unser Sohn. Ihr Kind löst ausschliesslich Stolz und Entzücken bei ihnen aus und bei mir Anflüge von elterlichem Neid: Die Tochter spielt sehr gut Cello, im Uniorchester. Wenn sie nicht gerade Cello spielt, studiert sie Politik oder reist mit Freundinnen in die Hauptstädte Europas. Sie engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und wohnt in einer Wohngemeinschaft. Exakt so stelle ich mir eine vorbildliche Jugend vor.

«Und wie gehts L. so? Auch alles gut bei ihm?», pflegen uns unsere Freunde nach unserem Kind zu fragen. «Ja», sagte mein Mann beim letzten Wiedersehen, «alles prima.» Unser Sohn wolle demnächst mit seiner Freundin zusammenziehen, mit der er gerade auf Ibiza gewesen sei. Bald habe er Geburtstag, er wünsche sich ein Sky-Abo und einen Anzug. Anzüge brauche er für die Praktika, die er ständig mache. Da lachten unsere Freunde und wir mit ihnen, dann wurden sie ernst und schauten mitfühlend, und unsere Freundin sagte: «Mensch, das ist bestimmt nicht so leicht, wenn das eigene Kind so angepasst ist.» Weil wir Freunde sind und weil wir vertraut sind, traute ich mich zu sagen: «Stimmt, ich hadere manchmal damit, wie er so ist. Dabei ist eigentlich unser Sohn der Rebell und eure Tochter die Angepasste. Jedenfalls ist sie genau so, wie ihr es immer wolltet.»

Unsere Freunde hatten immer klar definierte Ansprüche an ihr Kind: Ihre Tochter sollte nicht nur Cello spielen, sie durfte auch Latein lernen und jedes Jahr in den Sommerferien durch Osteuropa radeln, obwohl sie viel lieber Französisch gelernt und am Strand gelegen hätte. Ich wollte immer eine Mutter sein, die ihrem Kind die Gewissheit gibt, um seiner selbst willen geliebt zu werden – nicht für seine Leistungen oder seine Vorzeigbarkeit. Dass hat mit meiner eigenen Kindheit zu tun. Ich habe erlebt, was für Schuldgefühle, welche Scham und welchen Schmerz es auslöst, wenn Eltern einem die Macht zuschreiben, sie nicht nur zu nerven, sondern sie zu enttäuschen.

Lieber in der Nase bohren als lesen

Darum beschränkten wir unseren Erziehungsanspruch darauf, unserem Sohn ein paar Grundregeln beizubringen, die man unserer Ansicht nach beherzigen muss, wenn man mit anderen zusammenlebt. Keinen grossen Wert legten wir darauf, unseren Sohn gezielt zu fördern. Klar, wir lasen ihm täglich vor und erzählten ihm Geschichten, als er klein war, und sobald er selbst lesen konnte, überhäuften wir ihn mit Büchern. Wir sangen, malten, bastelten, spielten, reisten und redeten mit ihm. Wenn er etwas Neues ausprobieren wollte, durfte er es ausprobieren. Aber er musste nichts durchhalten, nur weil wir es gut gefunden hätten. Weil Familie ein möglichst stressfreier Ort sein sollte, schickten wir unseren Sohn trotz Gymnasialempfehlung auf eine Gesamtschule, sodass er die schulischen Anforderungen ohne uns bewältigen konnte. Zu Hause sollte Liebe, nicht Leistung, im Vordergrund stehen.

Tatsächlich reifte unser Sohn zu einem lebenstüchtigen jungen Menschen heran, allerdings in vieler Hinsicht anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Zum Beispiel hörte er irgendwann auf zu lesen. Stattdessen wollte er ständig Computer spielen. Wenn er das nicht durfte, löste er Kreuzworträtsel oder Sudokus, baute Modellflugzeuge oder bohrte in der Nase, aber niemals, nicht mal in Momenten grösster Langeweile, nahm er ein Buch in die Hand. Am Morgen seines Auszugs kam er mit einem Karton aus seinem Ex-Zimmer, darin sämtliche Bücher, die wir ihm im Laufe seiner Kindheit und Jugend geschenkt hatten: «Kann ich die hierlassen? Ich brauche die nicht mehr.»

Die Vorstellung, dass mein Sohn von nun an in einer Wohnung ohne Bücherregal leben würde, schmerzte mich tief.

Ich hätte fast geweint. Es kam mir selbst albern vor, aber die Vorstellung, dass mein Sohn von nun an in einer Wohnung ohne Bücherregal leben würde, schmerzte mich tief. Ebenfalls schmerzte mich die Erkenntnis, dass ich endlich aufhören musste, zu hoffen, dass mein Sohn noch ein anderer werden würde, als er ist. Mir wurde klar, dass wir uns selbst belogen hatten, als wir uns gerühmt hatten, keinerlei Erwartungen an unser Kind zu haben. Wir hatten uns eingeredet: Wenn wir es nur liebevoll genug erziehen, wird es uns so super finden, dass es, womöglich nach einer Phase der jugendlichen Rebellion, diese Erwartungen ganz freiwillig erfüllt. Pustekuchen.

Nichts kann meinen Sohn umhauen

Eine Zeit lang trauerte ich regelrecht. Zugleich schämte ich mich dafür, so zu empfinden: Müsste ich als Mutter mein Kind nicht uneingeschränkt toll finden? «Nein, müssen Sie nicht», sagte meine Therapeutin. «Eltern können ihr Kind über alles lieben und es gleichzeitig sehr kritisch sehen, das ist sozusagen das Kernwunder der Elternliebe. Und dieses Wunder ermöglicht es Ihrem Sohn, er selbst zu sein: Er ist sich Ihrer Liebe sicher, auch dann, wenn er weiss, dass Sie nicht alles gut finden, was er tut, sagt oder denkt.» Ich dagegen hätte als Kind verinnerlicht, dass Liebe und Verschiedenheit einander ausschliessen, deshalb würden mich meine widerstreitenden mütterlichen Gefühle nun so verunsichern. «Dabei ist das ganz normal, dass wir unsere Kinder auch mal richtig doof finden. Trotzdem geht uns immer wieder das Herz auf, wenn wir sie sehen.»

Das ist wahr. Ich finde vieles grossartig an meinem Sohn: Wenn er im Urlaub ist, schreibt er lustige Postkarten. Wenn er Mist gebaut hat, sagt er: «Es tut mir leid, ich habe Mist gebaut.» Er besucht nicht nur uns gern, sondern auch seine Oma. Als sein Onkel im Sterben lag, hat er auch ihn besucht, um sich zu verabschieden, allein, da war er gerade 20 und fand: «Alles andere wäre doch feige.» Die Beziehung zu seiner Freundin nimmt er sehr ernst, und er weiss jetzt schon, dass er Kinder will. Vielleicht aber ist das ja gar kein Zeichen von Angepasstheit, sondern von Reife und dafür, dass Familie für ihn nicht Unfreiheit, sondern Geborgenheit bedeutet. Er ist oft fröhlich, immer friedfertig und sehr geduldig. Wenn er Kummer hat, bittet er uns manchmal um Rat, aber noch nie hatten wir den Eindruck, irgendein Problem könnte so gross sein, dass es ihn aus den Socken haut. Er strahlt Gelassenheit aus, ein Urvertrauen ins Leben, das mir selbst fehlt.

Erstellt: 24.07.2019, 22:43 Uhr

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