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Promis auf Polizeifotos: Die Augen auf Halbmast

Mugshots sind in den USA viel mehr als nur Haftfotos. Sie sind der rote Teppich der Promi-Rebellen – und der moderne Pranger, an dem gefallene Weltstars wie Tiger Woods gedemütigt werden.

Michaela Haas
Der Mugshot auf dem Markt der Eitelkeiten: Tiger Woods als gedemütigter Promi. Foto: Keystone/SZ
Der Mugshot auf dem Markt der Eitelkeiten: Tiger Woods als gedemütigter Promi. Foto: Keystone/SZ

Niemand hat es so schön hingekriegt wie Jane Fonda 1970: Mit geballter Faust und perfekter Frisur blickte Häftling Nummer 139813 halb kokett, halb kämpferisch in die Kamera auf der Polizeistation in Cleveland. Die Anklage für das Treten eines Polizisten wurde dann auch prompt fallengelassen. Cooler geht es nicht.

Der «Mugshot» ist der rote Teppich des Promi-Rebellen. Mit «Haftfoto» wäre der Begriff völlig unzureichend übersetzt, schliesslich ist «Mug» ein Slangausdruck für «Fresse», und Shot ein Schuss, der auch nach hinten losgehen kann. Hartnäckig hält sich die Angewohnheit der amerikanischen Polizeistationen, die meist extrem unvorteilhaften Schnappschüsse der Neuankömmlinge online zu stellen. Fans wie Feinde können sich dann daran ergötzen, ihre prominenten Vor- und Feindbilder ungeschminkt, zerzaust und zerknautscht im Blitzlicht am Tiefpunkt zu sehen.

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Mario Anzuoni, Reuters
... wurde in Los Angeles verhaftet. Sie war unter Alkohol- und Drogeneinfluss als Geisterfahrerin unterwegs. (23. August 2007)
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... fuhr in Malibu unter Drogen- oder Alkoholeinfluss. (28. Juli 2006)
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... wurde in New Orleans festgenommen, weil er sich lauthals mit seiner Frau stritt und dabei handgreiflich wurde. (16. April 2011)
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Orleans Parish County Sheriff's Office, Reuters
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... wurde in Miami betrunken und ohne gültigen Fahrausweis bei einem Autorennen erwischt. (23. Januar 2014)
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Miami-Dade Corrections and Rehabilitation Departme, Reuters
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... wurde wegen Kokainbesitzes verhaftet. (28. August 2010)
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... wurde in Kalifornien verhaftet. Auch sie soll unter Drogen- oder Alkoholeinfluss Auto gefahren sein. (28. September 2008)
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Santa Barbara County Sheriff's Department, Reuters
Er schwörte den Drogen ab. Trotzdem wurde Robert Downey Jr. ... (14. November 2014)
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... wegen Besitzes von Kokain und Metamphetaminen festgenommen. (25. November 2000)
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Reuters
Wiederholungstäterin: Schauspielerin Lindsay Lohan ... (25. Mai 2017)
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Stephane Mahe, Reuters
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Das jüngste Opfer ist Tiger Woods. Ob er auch ein Täter ist, weiss noch keiner. Diese Woche wurde er um 3 Uhr morgens am Steuer seines Wagens in Palm Beach, Florida, verhaftet, weil er offensichtlich einen Bogey, also einen zu viel hatte. Ob es eine allergische Reaktion auf ein Medikament war, die Woods behauptet, oder ob er doch noch etwas anderes im Blut hatte, werden die Gerichte klären, aber der Schaden ist schon jetzt grösser als ein misslungener Putt. Denn auf Mugshots in den frühen Morgenstunden wirken selbst Promi-Profis wie Verbrecher, lange bevor der Richter ein Urteil gesprochen hat. Die Augen auf Halbmast, die lichten Haare ungekämmt, die Bartstoppeln verwahrlost, da sieht Woods so unvorteilhaft aus wie ein Dackeltöter.

Ausgerechnet Woods, der doch mit seinem Lächeln und seinen vier Master-Siegen den American Dream perfekt verkörperte, bevor er abseits der Golfplätze über einige Handicaps stolperte und ihn seine damalige Traumfrau mit dem Golfschläger aus der gemeinsamen Auffahrt jagte! Zwischen seinem grössten Triumphzug in den Olymp der Golfgötter und seiner tiefsten Niederlage auf einem gottverlassenen Seitenstreifen in Palm Beach liegen 20 Jahre. »Tiger hat seit Jahren nichts mehr gewonnen«, höhnte der San Franscico Chronicle, »es sei denn, man zählt seinen Sieg im Wettbewerb um den schauerlichsten Mugshot.«

Mehr als ein Haftfoto

Das ist in der Tat ein Wettbewerb, nur bewirbt sich kaum einer freiwillig um die Siegerprämie. Darin liegt ja auch der voyeuristische Reiz des Ganzen und der Grund, warum diese Mugshots millionenfach um den Globus geklickt werden. Hugh Grant versuchte noch, mit seinem Verführerblick kokett in die Kamera zu blinzeln, da ging die Geschichte seines missglückten Blowjobs Interruptus im Auto auf dem Sunset Boulevard in Hollywood durch eine Prostituierte namens Divine Brown schon um die Welt. Im Endeffekt konnte er aber frohlocken, dass ihm die unfreiwillige Aufmerksamkeit sogar nutzte. Die Göttliche vom Strassenstrich finanzierte mit den rund 1,6 Millionen Dollar, die sie aus ihren Medienauftritten schlug, eine Privatschule für ihre Kinder, und Grant ging auf Entschuldigungs-Tournee durch alle grossen Talkshows. «Ich habe ein paar Backpfeifen verdient!» stimmte er den diversen Fernseh-Psychologen unverschämt grinsend zu.

Sogar aus Bill Gates wurde trotz seiner Porsche-Rasereien und seines kriminell unterirdischen Outfits, für das er eigentlich im Knast schmoren sollte, noch ein erfolgreicher Unternehmer. Dass der ramponierte Ruf durchaus karrierefördernd sein kann, wusste natürlich auch Prince, der Star der Selbstinszenierung. Sein berühmter Schwarz-Weiss-Mugshot von 1980, ist mit ziemlicher Sicherheit fake und wurde nur inszeniert, damit er ihn selbst auf T-Shirts drucken lassen konnte.

Sogar Flüchtige schicken neuerdings bessere Fahndungsfotos ein, wenn ihnen die von der Polizei geschusterten nicht gefallen.

Nicht-Prominente und ihre Karrieren erholen sich selten wieder von einem katastrophalen Mugshot – schliesslich googeln auch Chefs vor der Einstellung neuer Mitarbeiter erst mal den inoffiziellen Lebenslauf der neuen Bereichsleiterin, und die Mugshots sind den Abgründen des Internets nie wieder zu entreissen. Zahllose Webseiten verdienen ein Vermögen damit, gegen die Zahlung mehr oder weniger horrender Summen die Löschung der Verbrecher-Visagen zu versprechen, bevor sie die Banker-Karriere oder die Aufnahme in Harvard ruinieren.

Wie bei anderen Wettkämpfen auch laufen die Mugshots auf den Webseiten in handelsüblichen Kategorien wie Promis, Busen, Bad Attitude, Hawaii-Shirts, Strippers oder Tattoos. Nick Nolte führt in den Disziplinen Hawaii-Hemd und Hairstyling.

Fortgeschrittene schaffen es sogar, gleichzeitig in einem halben Dutzend Kategorien abzuräumen, wie etwa Mehrfachtäterin Lindsay Lohan, die sich in den letzten zehn Jahren sowohl in den Disziplinen Promis, Busen, Bad Attitude, Stripper und Glatze profilieren konnte. Aber Promis zahlen eben mit einer anderen Währung. Justin Bieber, der als 19-Jähriger bekifft und betrunken am Steuer seines gelben Lamborghinis durch Miami raste, lacht auf seinem ersten Mugshot fröhlich, mit gut sitzender Gelfrisur – die Aufnahme ist kaum von einem professionellen Paparazzi-Klick zu unterscheiden. Er hat sogar seinen eigenen Mugshot wie eine Auszeichnung auf seinem Instagram veröffentlicht, mit dem Aufschrei (in GROSSBUCHSTABEN): «I LOVE THIS because it reminds me IM NOT EXACTLY WHERE I WANT TO BE BUT THANK GOD IM NOT WHERE I USED TO BE!! THE BEST IS YET TO COME DO YOU BELIEVE IT?» - er liebe das, weil es ihn daran erinnere, dass er nicht dort sei, wo er sein sollte. Und das Beste käme ja erst noch.

Vorverurteilte für Voyeure

Natürlich gelingt es den wenigsten, mit Handschellen so nett in die Linse zu grinsen. Für Ambitionierte empfiehlt es sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Seit der kalifornische Gangster Jeremy Meeks für seinen Mugshot und seine hohen Wangenknochen mit unzähligen Fanbriefen, einem Model-Vertrag und einem Auftritt in Cannes belohnt wurde, beschweren sich Möchtegern-Stars immer öfters über die schlechte Qualität ihres Bewerbungs-, äh, Verbrecherfotos. Es komme nun regelmässig vor, dass Verbrecher darauf drängen, ansehnlichere Mugshots anfertigen zu lassen, melden die Polizeistationen. Sogar bessere Fahndungsfotos schicken Flüchtige neuerdings ein, wenn ihnen die von der Polizei geschusterten nicht gefallen – denn die Unterweltler haben das Potential erkannt: Die Festnahme kann das Einfallstor für fünf Minuten Ruhm werden. Auch Ganoven sind eitel, und im Zeitalter des Selfies wäre das gut ausgeleuchtete Knastie nur die konsequente Weiterentwicklung.

Noch besser wäre: Man schafft diesen modernen Pranger ganz ab. Dass die Mugshots, genau wie die 911-Notrufe, öffentlich gemacht werden, dient nur den Voyeuren. Wieso dem Elend eine Bühne bieten, wenn doch zum Zeitpunkt des Fotos noch nicht einmal klar ist, ob der Betroffene überhaupt etwas ausgefressen hat?

Allen gestrauchelten, insbesondere Tiger Woods, wünschen wir, dass sie irgendwann die gleiche Nachricht wie Justin Bieber online stellen können: THANK GOD I’M NOT WHERE I USED TO BE! Möge der schlimmste Mugshot hinter ihnen und das Beste noch vor ihnen liegen.

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