«Immer wieder sagen Sterbende: ‹Da ist jemand im Raum›»

Was passiert im Augenblick des Todes? Ein Gespräch mit der Palliativmedizinerin Claudia Bausewein.

«Sterben ist die wohl intimste und persönlichste Phase im Leben», ist die Palliativärztin Claudia Bausewein überzeugt. Foto: Keystone

«Sterben ist die wohl intimste und persönlichste Phase im Leben», ist die Palliativärztin Claudia Bausewein überzeugt. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Bausewein, tut Sterben weh?
Von allem, was wir von aussen sehen können, ist Sterben an sich kein schmerzhafter Prozess. Wenn körperliche Schmerzen auftreten, hängen diese meist mit der zugrunde liegenden Erkrankung zusammen, und wir können mit Medikamenten gut gegensteuern. Doch ob Sterben ein seelisch schmerzhafter Prozess ist? Das ist schwieriger zu beurteilen. Eine Rolle spielt vermutlich, ob sich die Person mit ihrem Leben und ihrem Sterben auseinandergesetzt hat. Und ob sie sich auf das Sterben einlassen kann.

Woran erkennt man, dass ein Mensch stirbt?
Harte Kriterien gibt es nicht, doch es gibt Zeichen: Die Atmung verändert sich. Zwischen den Atemzügen liegen einige Sekunden, manchmal auch eine ganze Minute. Nach so einer Pause kommt ein tiefer Atemzug, wie ein Seufzer. Diese Phase kann über Stunden gehen, sogar Tage. Das ist ein deutliches Zeichen. Manchmal kommt ein rasselndes Atemgeräusch dazu, wenn sich Speichel und Sekret im Rachen und in den Bronchien ansammeln. Die Menschen werden schläfriger, die Wachphasen kürzer, die Atmung flacher. Die meisten reagieren irgendwann nicht mehr, wenn man sie anspricht. So, als wären sie innerlich schon woanders. Manche bekommen kalte Finger und Zehen, weil sich das Blut zurückzieht in die Mitte des Körpers. Auch das Gesicht verändert sich. Die Haut wird blasser, manchmal tauchen bläuliche Stellen auf. Das zentrale Dreieck im Gesicht um Mund und Nase bekommt eine Blässe, die Nase wird spitz, die Nasenflügel fallen leicht ein. Manche nennen es das hippokratische Gesicht.

Wo beginnt das Sterben und wo endet es?
Es gibt nicht den Zeitpunkt X, an dem alles vorbei ist, als hätte man einen Schalter umgelegt. Der Sterbeprozess dauert unter Umständen Tage. Die Schwäche nimmt zu, der Puls wird flacher und schneller, es wird immer weniger Urin ausgeschieden. Die wesentlichen Herz-Kreislauf-Zentren geben langsam ihre Funktion auf. Das geht nicht schlagartig. Selbst nach dem Tod wächst auch das Haar noch ein, zwei Tage. Die Zellen sterben langsam der Reihe nach ab. Die Muskelfasern ziehen sich vielleicht später noch mal zusammen, sodass noch eine Bewegung oder ein Schnapper kommt, wenn der Mensch schon verstorben ist.

«Deshalb stirbt die Mutter genau in der halben Stunde, in der die Tochter sich Kaffee holt.»

In welcher Reihenfolge stellen die Sinnesorgane ihre Funktion ein?
Der Geschmack verändert sich meist schon im Lauf der Erkrankung. Häufig kommt eine Mundtrockenheit dazu. Die Augen fallen ein, der Blick ändert sich, alles wirkt verschleiert. Es wirkt, als würden die Sterbenden durch die Menschen um sie herum hindurchschauen, woandershin, wie in eine andere Welt.

Beschreiben die Menschen, was sie sehen, wenn sie so schauen?
Immer wieder sagen Sterbende: «Da ist jemand im Raum.» Manchmal kennen sie die Personen, die dort stehen. Oft sind es Freunde oder Verwandte, die bereits tot sind. Wenn uns ein Patient davon berichtet, fragen wir, ob sie sich fürchten. Solange sie keine Angst haben, greifen wir nicht ein.

Sind das Verwirrtheitszustände?
Es wäre falsch, dies alles als Delir abzutun. Manche Sterbende sagen: Ich packe jetzt meine Koffer und gehe nach Hause. Oder: Ich mache nächste Woche eine Reise. Das sind Bilder einer Lebenssituation, und sie sind oft tröstlich. Das Sterben ist schwer zu erforschen. Wir wissen nicht, was alles an inneren Bewegungen, vielleicht auch Kämpfen stattfindet. Es ist die wohl intimste und persönlichste Phase im Leben.

Viele Menschen weichen einer geliebten Person, die im Sterben liegt, kaum von der Seite. Warum sterben manche genau dann, wenn man nur kurz das Zimmer verlassen hat?
Nähe ist genauso wichtig wie Freiraum. Natürlich sagt man zu jemandem, den man liebt: Wenn du stirbst, werde ich da sein. Ein schöner Wunsch. Doch der Sterbende bestimmt mit, wann er geht. Und manche Menschen können erst gehen, wenn niemand sie hält. Deshalb stirbt die Mutter genau in der halben Stunde, in der die Tochter sich Kaffee holt oder der Partner heimfährt, um zu duschen. Die Hinterbliebenen haben oft grosse Schuldgefühle, weil sie ihr Versprechen nicht gehalten haben. Wir versuchen ihnen zu sagen, dass sie dem Sterbenden einfach den notwendigen Freiraum gegeben haben.

«Sterbende erleben oft, dass Freunde und Bekannte sich zurückziehen.»

Es gibt auch das Gegenteil: Viele sterben erst dann, wenn die geliebte Person bei ihnen ist.
Immer wieder habe ich das erlebt. Wir sagen einem Patienten, der schon nicht mehr kontaktfähig ist: Ihr Sohn ist jetzt losgefahren, in fünf, sechs Stunden ist er da. Und der Sterbende wartet, bis sein Kind da ist.

Nicht jeder hat das Glück, in den letzten Tagen jemanden an seiner Seite zu haben.
Viele Menschen haben Angst, Sterbenden zu begegnen. Sie sind mit der Situation überfordert oder fürchten sich davor, die eigene Sterblichkeit vor Augen geführt zu bekommen. Deshalb müssen viele Sterbende erleben, dass Freunde und Bekannte sich zurückziehen. Der Verlust des sozialen Umfelds macht die letzten Tage schwer erträglich, denn die Einsamkeit ist schmerzlicher als der physische Tod.

Angehörige sind oft unsicher, wie sie sich verhalten sollen, wenn der Sterbende nicht mehr reagiert.
Körperkontakt ist wichtig, auch eine vertraute Stimme. Eine Hand auf dem Arm, ein paar sanfte Worte: Das kriegen die Patienten mit. Ein Mann, der allein im Zimmer liegt und unruhig ist, kann plötzlich ruhig werden, wenn seine Partnerin sich neben ihn setzt, sein Gesicht streichelt. Man denkt, da kommt nichts an. Ich glaube aber, da wird ganz viel wahrgenommen.

Wie erklären Sie sich das?
Das Gehör ist das letzte Sinnesorgan, das seine Funktion aufgibt. Wenn der Sterbende also schon nicht mehr die Augen öffnet, heisst es nicht, dass er Ihre Anwesenheit nicht bemerkt. Erzählen Sie ihm etwas. Lesen Sie ihm vor und ja, lachen Sie auch. Und klären Sie Erbstreitigkeiten um Himmels willen vor der Tür.

Manchmal sind Paare, Familien oder Freunde zerstritten. Lassen sich Konflikte am Sterbebett lösen?
Wo Versöhnung nötig ist, unterstützen wir, dass diese hoffentlich möglich wird. Man sollte miteinander reden können, offen und ehrlich. Doch wenn ein Paar in 40 Jahren Ehe nicht wahrhaftig miteinander umgegangen ist, dann wird es zum Lebensende auch nicht plötzlich möglich sein. Wie wir gelebt haben, beeinflusst unser Sterben. Konflikte oder Zerwürfnisse in Familien und Paaren klären sich nicht automatisch mit dem Abschied. Es gibt Menschen, die sagen: Ich bin gottfroh, wenn der stirbt, dann bin ich endlich frei. Es gibt Väter, die sagen: Ich habe meinen Sohn 20 Jahre nicht getroffen und ich will ihn auch jetzt nicht sehen. Das ist nicht leicht auszuhalten. Wir müssen uns aber daran halten, selbst wenn wir den Eindruck haben, dass es den Abschied vom Leben erschwert.

Oft sind Sterbende froh, über ihren Zustand reden zu können. Gibt es auch solche, die bis zum Ende darüber schweigen?
Ich erinnere mich an eine junge Frau, Anfang dreissig, sie hatte Gebärmutterhalskrebs. Sie redete ständig davon, dass sie gesund wird und welche Reisen sie dann unternehmen würde. Dieses Verdrängen machte uns fast wahnsinnig. Dann, nur ein einziges Mal, sagte sie: «Ich weiss, dass ich sterben werde. Aber ich halte es nicht aus, die ganze Zeit darüber zu reden.» Ihr Mann und sie verbrachten die Zeit, als wären sie in den Flitterwochen und planten, auf dem Balkon sitzend, ihre Zukunft. Und ja, es war stimmig so.

«Reiche Menschen sterben nicht leichter. Oft sind es die Ärmeren, die zufrieden sind.»

Das klingt nach einem friedlichen Abschied.
Ach wissen Sie, wir haben dieses Ideal vom schönen und guten Sterben, die Leute müssen ihren Frieden machen und so weiter - das sind Idealvorstellungen, von denen wir uns immer wieder trennen müssen. Es werden auch Menschen in Unfrieden sterben. Wenn jemand als Kind missbraucht wurde oder sein Leben lang mit Missbrauch zu tun hat - was gibt uns das Recht zu fordern, dass er friedlich stirbt? Er hat ein Recht darauf, in seiner Wut, in seinem Schmerz, in seinem Zorn zu sterben. Ja, man wünscht ihm, dass er einen Frieden findet, aber das ist verdammt viel verlangt.

Menschen auf der Palliativstation sind nicht länger der Verdiener, der Sportler, die Weltreisende oder der fürsorgliche Elternteil.
Das ist das Spannende: Wer ist man wirklich, hinter diesen Rollen, hinter denen man sich auch gerne versteckt? Das Menschsein kommt dann raus. Manche sagen: Ich bin nichts mehr wert, wenn ich da so liege. Aber der Wert eines Menschen ist nicht primär über eine Rolle oder Leistung definiert. Sondern einfach durch das Dasein. Durch den intensiven Kontakt, durch Gespräche, ein Lächeln. Am Ende des Lebens bringt mir mein teures Auto nichts, meine Publikationen und mein Haus auch nicht. Reiche Menschen sterben nicht leichter und sind auch nicht gelassener. Oft sind es die ärmeren und die einfacheren Menschen, die zufrieden sind mit dem, was ist.

Schaut man vom Sterben ins Leben zurück: Was kann man lernen?
Man sollte für sich immer wieder überlegen: Womit verbringe ich meine Zeit? Pflege ich meine Beziehungen? Tue ich die Dinge, die mir wichtig sind, auch jetzt? Es gibt nichts Traurigeres, als wenn jemand kurz nach der Pensionierung eine fortgeschrittene Erkrankung diagnostiziert bekommt und sagt: Ich wollte noch so viel machen.

Wenn man mitten im Alltag steckt, ist es manchmal schwer zu erkennen, ob man lebt oder das Leben hinausschiebt.
Eine Patientin Anfang 50 sagte einmal: «Wie, mein Leben ist schon vorbei? Ich habe noch gar nicht gelebt.» Da bleibt mir die Luft weg, das tut in der Seele weh. Dieser Eindruck, das Leben verpasst zu haben. Oft sind das Menschen, die nicht den eigenen Wünschen gefolgt sind, sondern denen anderer. Menschen, die ganz viel für andere da sein wollten oder mussten - oder so sehr im Beruf aufgegangen sind, dass für anderes keine Zeit mehr geblieben ist.

Wirkt sich die Art, wie wir leben, auf unser Sterben aus?
Im Sterben verdichtet sich das Leben, wie unter einem Brennglas. Wenn man auf das eigene Leben blickt, ist die spannende Frage: Kann ich am Ende «Ja» sagen zu meinem Leben mit allen Aufs und Abs? Oder habe ich mich in wichtigen Situationen falsch verhalten? Habe ich Menschen so geliebt, wie ich sie lieben wollte? Gibt es Schuld, Zerwürfnisse? Diese Themen kommen hoch angesichts des Sterbens. Wenn ich persönlich zurückschaue, dann möchte ich sagen können: Ja, mein Leben war so, wie ich es leben wollte.

Erstellt: 05.06.2019, 17:36 Uhr

Claudia Bausewein, geboren 1965, ist Lehrstuhlinhaberin für Palliativmedizin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und Direktorin für Palliativmedizin am Klinikum Grosshadern. Sie hat auch einen Doctor of Philosophy in Medicine am King's College London. In der Palliativpflege geht es darum, allen Bedürfnissen Sterbender gerecht zu werden - medizinisch, sozial und spirituell.

Artikel zum Thema

Das Einmaleins des guten Sterbens

In Letzte-Hilfe-Kursen lernen Angehörige, was sie für ihre Liebsten am Ende des Lebens tun können. Das Angebot boomt. Mehr...

Sterben wie im Paradies

Ein Zürcher Fotograf hat für die Gesellschaft für Palliative Care eine Doku gedreht. Sie geht der Frage nach, wo man auf der Welt würdevoll ableben kann. Mehr...

Unternehmerin wird Praktikantin

Beruf + Berufung Karriere als Managerin, Chefin einer eigenen Firma und jetzt Palliativ-Pflegerin im Spital: Jacqueline Zesiger ist immer wieder ihrer Neugier gefolgt. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...