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In luftiger Höhe über dem Mittelmeer

Mit Seil und Kletterfinken erschliesst sich Frankreichs Süden in einer neuen Dimension. Die wohl berühmtesten Felsen Frankreichs türmen sich in den Calenques bei Marseille über dem Mittelmeer.

Fels und Meer, das Klettergebiet über Morgiou. (Anne-Sophie Scholl)
Fels und Meer, das Klettergebiet über Morgiou. (Anne-Sophie Scholl)

Gigondas. Der Name wird Weinkennern in den Ohren klingen. Eine eigene Appellation unter den Weinen der südlichen Rhone bürgt der Name für Qualität. Vor allem die Grenache-Traube wächst hier in besten Lagen am Rand des Rhonetals und bringt einen gehaltvollen Wein hervor. 630 Einwohner zählt Gigondas, ein Dorf, wie es unzählige in der Provence gibt: Schmuck restauriert, mit verwinkelten Strassen, kleben die Häuser aus ockerfarbenem Stein dicht aneinandergedrängt auf dem Ausläufer eines Hügelzuges, der am Horizont mit Felszacken wie mit einem Krönlein bestückt erscheint. Filigran ziselierter SteinDie Zacken sind unser Ziel. Wir sparen uns den Abstecher in die Weinkeller für den Abend, fahren einen Bogen um das Dorf mit dem klingenden Namen und biegen auf eine Schotterstrasse. Holpernd fährt der Bus über die grossen Schlaglöcher. Am Wegrand leuchten honiggelbe Ginsterbüsche. Das Felskrönlein rückt näher, wächst an zu einer beeindruckenden Kluft aus filigran ziseliertem Stein. Dentelles de Montmirail heisst der Gebirgszug, ein Vorgebirge des Mont Ventoux. Dentelles, Klöppelspitzen, tatsächlich: Wie ein geklöppeltes Spitzenband ziert der von Wind und Wetter zerfressene Kalkfels den Hügelzug, da und dort ist der Stein durchbrochen, der mediterrane Himmel leuchtet durch die Löcher im Fels. Ein einzigartiges Kletterparadies. Drei parallele Felsketten machen die Dentelles aus, ihre höchste Spitze erreicht 734m. Die pittoreske Nordseite des Hauptzugs, die Chaîne de Gigondas, bietet Schatten, wenn die südliche Sonne auf den Fels brennt. Wir suchen die Sonne. Und leichte Routen für den Einstieg.Pinien, Zedern, RosmarinWo diese liegen, weiss Bergführer Peter. Hinter dem Col du Cayron hält der Bus an. Kaum sichtbar windet sich ein schmaler Trampelpfad durch die dürre Garrigue hinauf zum Fuss der Felsen; es duftet würzig nach Pinienharz, nach Zedern und Rosmarin. Wir gehen zu der nördlichsten Felsenkette, zu dem an den Rocher du Cayron anschliessenden Klettersektor Ecole. Zahlreiche leichtere Routen im vierten und fünften Grad mit häufig gesetzten Haken sind hier zu finden. Zunächst wiederholen wir die wichtigsten Knoten zum Sichern einer einzelnen Seillänge: der gesteckte Achter, der Halbmastwurf und die Selbstsicherung. Schliesslich das Einhängen der Zwischensicherungen und das Fädeln für die Umlenkung im obersten Haken der Route. Die Grundlagen müssen sitzen, dann geht es los. Der Fels ist warm und fühlt sich angenehm an. Die Griffe sind gross, verleihen Sicherheit und lassen das Gefühl für den Fels wachsen. Einmal leer schlucken, wer am Ende der Route den Sprung ins Leere wagt und sich von seinem Seilpartner gesichert wieder auf festen Boden hinablässt. Doch das Vertrauen wächst.Am nächsten Tag ist es vorbei mit den grossen Griffen. Klettern ist Fussarbeit, sagt der Bergführer, mit den Händen sucht man nur die Balance. Der Reflex ist genau umgekehrt. Zum Üben klettern wir die Routen und versuchen, je nur den Mittelfinger zu nutzen. Heute stehen wir an der südlichsten Kette der Dentelles, die Chaîne du Clapis. Angst überwindenDer Fels hier ist anders, «aggressiver» nennt es Bergführer Peter: kleine Tropflöcher, die das Wasser in den Kalk gefressen hat, manchmal exakt die Passform für eine Fingerbeere, die Kanten sind scharf und griffig. Technische Kletterei ist hier gefordert. Schnell und zielstrebig, auf die kleinsten Vorsprünge vertrauend, geht es die langen Felsplatten hoch. Finden die Hände keinen guten Griff, steigt das Adrenalin. Da gibt es nur eines: Klettermeter abspulen, so Peter, am besten im Vorstieg, also von einer Zwischensicherung zur nächsten sich vorwagend, immer wieder. Auch das ist Klettern, die Angst überwinden, das Vertrauen aufbauen, die eigenen Grenzen hinausschieben. Schliesslich merkt man: Der nächste Schritt ist viel einfacher als gedacht. Klettern geschieht vor allem im Kopf, sagt Simon, der früher viel in der Wand war und sich nach einer Pause neu eingewöhnen will. Es ist auch das Faszinierende. Die Konzentration ist absolut. Nur die nächsten zehn Zentimeter spielen eine Rolle: eine grosse Anstrengung und gleichzeitig eine enorme Entspannung.Endlich bin ich oben. Die Selbstsicherung in den Ring, tief durchatmen, dann das Seil lösen und durch die Öse ziehen. Die Aussicht ist atemberaubend. Ein heftiges Sommergewitter hat in der Nacht die Luft reingewaschen. Der Blick streift über den weiten Talkessel unter der Felsenkluft und verliert sich am Horizont. Hellgrün leuchten die Reben im Gegenlicht auf den sauber terrassierten Hängen. Die Chaîne du Clapis sei für die Einheimischen der schönste Fels der Dentelles, schreiben die Autoren in unserem Kletterführer. Bis zu 70 Meter lange Routen sind hier eingerichtet. Ich stehe 30 Meter über dem Boden und fühle mich wie in einem Adlerhorst. Plötzlich schiebt sich ein Schatten vor die Sonne: Ein Geier zieht seinen Kreis hoch über den Felsen, stolz und erhaben. Maximale Konzentration«Eine dreiviertel Stunde hast du gebraucht, bis du oben warst», sagt Bergführer Peter, kaum bin ich wieder auf dem Boden. Die maximale Konzentration: Mir war es vorgekommen wie höchstens zehn Minuten. Der Geier übrigens gehört zu einem einzelnen Paar sogenannter Schmutzgeier, die jeweils von März bis August in den Dentelles nisten, ein Plakat beim Parkplatz verweist auf die stark gefährdete Vogelart. Bis in die 1970er-Jahre gab es hier auch den Habichtsadler.Fünf Hauptsektoren mit insgesamt mehr als 700 Routen, rund 100 davon im fünften Grad, führt unser Buch für die Dentelles an, in Tagesdistanz liegen weitere Klettergebiete, die Combe Oscure bei Bedoin etwa oder Buis-les-Baronnies, beide näher am Mont Ventoux gelegen. Zwischen Marseille und CassisDoch das Meer lockt und mit ihm die wohl berühmtesten Kletterfelsen über dem Mittelmeer: die Calenques. Zwischen Marseille und Cassis spannt sich diese einzigartige Naturlandschaft: Zwei Gebirgsmassive, die Marseilleveyre und das Massiv von Puget-Gardiole, zum Meer hin aufgesplittert in unzählige Buchten, die sich tief in den Kalkfels graben und Fjorden ähnlich mit Meerwasser aufgefüllt sind. Durch Absinken des Meeresspiegels und gleichzeitiges Anheben des Kalkmassivs ist diese einzigartige Landschaft entstanden. Die Calenques – ein Wort gemacht aus Fels und Licht, schreiben die Autoren des neuen Kletterführers, den wir auf der Fahrt ans Meer hervorholen. 2555 Routen listen sie in ihrem Buch auf, doch diese sind nur eine Auswahl. Seit mehr als 120 Jahren wird in den Calenques geklettert, 3436 Routen sind bis heute vermerkt. Spuren der GeschichteEtliche Klassiker, die in den Anfängen eröffnet wurden, sind heute saniert und mit modernen Haken neu ausgestattet. Speckig sind sie allemal, warnt uns Peter, also abgegriffen, blank poliert vom Schweiss an den Händen und von den unzähligen Bergschuhen und später den Kletterfinken, die im vergangenen Jahrhundert über den Kalk gegangen sind. Was er meint, verstehen wir gleich am ersten Tag. Von der Jugendherberge, die einsam in der kargen Weite auf dem Kalkplateau hoch über Cassis steht, laufen wir über staubige Strassen eine knappe Stunde zu einer der schönsten Buchten, zu der Calenque En Vau. Verschiedene Pfade ziehen sich über die von Meerwind, Mistral und Sonne ausgedörrte Hochebene, einfach ist der Weg nicht zu finden. Unser Pfad windet sich zunächst langsam, dann überraschend steil hinab, immer höher wachsen linker- und rechterhand mächtige Felsklüfte in den Himmel: Obwohl in maritimem Gebiet, mutet der Weg alpinistisch an. Eine gewaltige Schlucht tut sich vor uns auf, an deren Ende in charakteristischem Türkis das Meerwasser an die weiss leuchtenden Felsen gespült wird. Zwei markante Felstürme stehen am Strand, die Grande Aiguille und die Petite Aiguille, zwei herausfordernde Nadeln. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden diese erstmals begangen, steht in unserem Buch zu lesen. Manch ein angehender Alpinist bestieg hier seinen ersten Gipfel. Wir versuchen uns an den Klassikern: kompakte Blöcke, mit Felsbändern durchsetzt, nicht allzu schwierig, aber wenig abgesichert, abgegriffen und glatt. Später, am Strand schauen wir einer Zweierseilschaft zu, die gekonnt an der Wand hoch über dem Wasser in einer der historischen Routen von mehreren Seillängen das Plateau erklimmt. Die Kulisse ist grandios, die über hundertjährige Leidenschaft für den Fels schwingt in der Luft, an dem polierten Stein ist sie fühlbar. Wer nicht der Geschichte der Calenques und des französischen Alpinismus nachspüren will, geht besser in eine andere Bucht. Dass es auch anderen Fels in den Calenques zu entdecken gibt, zeigt uns Bergführer Peter am letzten Tag.Nie mehr BadeferienÜber den Col de la Gineste geht es nach Luminy in den Campus der Universität von Marseille. Eine gute Stunde Marsch führt in die Felsen über der Calenque von Morgiou, das Meer funkelt in der Ferne. Ein kleines Juwel eines Klettersektors haben wir vor uns: eine Verschneidung, ein Couloir, ein Überhang mit guten Schaufelgriffen für athletische Kletterei, aber auch grosse Platten mit kleinsten Tropflöchern.Der Fels hält Überraschungen bereit, zum Beispiel rötlich gefärbte Kristalle in dem Couloir oder kleine Sinterfahnen, die Tropfsteinen ähnlich von austretendem Wasser in den Überhängen entstanden sind. Die Routen fordern die unterschiedlichsten Bewegungen, die ganze Palette verschiedener Kletterstile kommt zum Einsatz. Klettermässig kann man sich in diesen um die Jahrtausendwende eingerichteten Routen richtig austoben. «Von nun an habe ich besseres zu tun, als in den Ferien am Strand zu schmoren», sagt Andreas, der sich fünf Tage zuvor zum ersten Mal einen Klettergurt angeschnallt hat. Erschöpft von der Anstrengung, aber glücklich.

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