On the Rocks

Der Winter ist Geschichte. Für den Tourismus in den Schweizer Bergen dauert sie schon 150 warme und kalte Jahre, wie ein prächtiger neuer Bildband zeigt.

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Es klingt beinahe zynisch – aber die Geschichte des Wintertourismus begann mit Krankengeschichten. Im Winter 1864/65 wurden die ersten Tuberkulosepatienten nach Davos in die trockene, reine Luft geschickt, um gesund zu werden. Vielen Patienten ging es nach ihrem Aufenthalt in der hellen Wintersonne zwar besser, aber so manch früher Tourist dürfte sich in Davos auch angesteckt haben. Bevor Robert Koch 1882 nämlich entdeckte, dass Schwindsucht von einem Bazillus ausgelöst wird und ansteckend ist, logierten die Kranken und die Gesunden zusammen – aus heutiger Sicht eine Ungeheuerlichkeit. Erst 1883 eröffnete Alexander Spengler in Davos das erste geschlossene Sanatorium.

Auch in St. Moritz waren Sanatorien geplant. Doch der Ort war als Reiseziel im Sommer durch seinen Badebetrieb bereits so etabliert, dass die führenden Hoteliers eine Konkurrenzierung befürchteten. Ausserdem wollte man kein Krankenimage, man hatte Angst, die moribunden Gäste könnten die bis­herigen Sommerurlauber vertreiben. Schwindsüchtige waren in St. Moritz definitiv nicht willkommen. Ein wichtiger Entscheid, denn er machte den Weg frei zum mondänen Wintersportort. Während in Davos die Kranken noch bis 1950 auf die Veranden der Sanatorien geschoben wurden, sonnte sich St. Moritz bereits in einem eleganten Ruf mit illustrer Prominenz bei Curling und Schlittenrennen. Hotelpionier Johannes Badrutt hatte dafür 1856 mit dem Kulm den Grundstein gelegt.

Michael Lütscher zeichnet in seinem opulent gestalteten Buch die Anfänge und Entwicklung des sportlichen Treibens in den Schweizer Bergen sehr anschaulich und detailliert nach. Ein Hotelzimmer mit Vollpension kostet 1870 im Kulm zum Beispiel 7 Franken. Im englischen Seebad Brighton muss man zu dieser Zeit das Doppelte zahlen. Es war also durchaus auch der Preis, der die Engländer ins Engadin lockte. Ausserdem waren die Winterabende in der Schweiz länger als die auf der britischen Insel. Und: Die Engadiner waren durch die vielen ausgewanderten und erfolgreichen Zuckerbäcker international vernetzt und im Umgang mit Fremden versiert. In die Schweiz zu reisen, wurde für wohlhabende Bürger chic.

In englischer Gesellschaft

Anfang des 20. Jahrhunderts ist der Winterbetrieb in St. Moritz so etabliert, dass der Ort zum Reiseziel des europäischen Hochadels wird – häufiger Gast ist Österreichs Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Ein Palasthotel nach dem anderen entsteht, das Palace, 1896 von Caspar Badrutt eröffnet, einem Sohn des Kulm-Gründers, setzt mit seinem Namen und luxuriösen Ambiente weltweit Massstäbe für die Wintervergnügen der Happy Few. 1904 ist der Ort auch mit der Eisenbahn erreichbar, und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zehn Jahre später erlebt St. Moritz eine gloriose Zeit sondergleichen.

Vor allem die englischen Gäste organisieren das Gesellschaftsleben rund um die Hotels, sie schliessen sich in sogenannten Outdoor Amusement Comitees zusammen. Beliebt ist zunächst das Schlitteln: Man lässt sich von einem Pferd durch die Landschaft ziehen oder koppelt mehrere Schlitten zu einer Kollektivfahrt an ein Gespann. Bald kommen Curling, Schlittschuhlaufen und Eissegeln auf dem gefrorenen Silsersee dazu. Maliziös berichtet ein Zeitzeuge im Buch, dass die deutschen Gäste anders als die sportlichen Engländer wenig übrig hatten für die Vergnügungen im Freien.

Den wirklichen Durchbruch verdankt der Wintersport aber natürlich dem Skifahren. Schneeschuhe wurden in den Schweizer Bergen von Bauern und Jägern seit je benutzt; 1849 soll sich dann Josef Imseng, Pfarrer im Walliser Saastal, erstmals zwei Bretter zu Ski umfunktioniert haben und seine Schäfchen damit im unwegsamen Tal aufgesucht haben. Als Fridtjof Nansen 1890 seinen Bericht über seine Expedition in Grönland publizierte, war dies das Fanal für alle: Ich will auch Ski fahren!

Für die Frauen ist das zunächst umständlich, 1900 rutschen sie noch in bodenlangem Rock und Korsett auf ihren Ski über den Schnee. Doch der Österreicher Mathias Zdarsky, der als Begründer der alpinen Skifahrtechnik gilt, befand schon kurz vor der Jahrhundertwende, dass die kundige Hausfrau sportliche Kleidung durchaus auch selber nähen könne. Im Buch liest man Folgendes: Eine robuste Herrenhose auf Kniehöhe abschneiden, dann die Aussennaht bis zur Hüfte auftrennen und seitlich einen Zwickel einsetzen, damit Beinfreiheit gewährleistet ist.

Der erste Skischuh

Später drehte die Wintermode dann so manche Pirouette: Knickerbocker, elastische Keilhose von Bogner 1948, der unverzichtbare Norwegerpulli der 60er-Jahre und Anoraks, die nach dem Sturz ins Weiss so nass und schwer waren wie alter Sulzschnee. Es sollte noch eine Weile dauern, bis die Outdoormode entwickelt wurde, die mitunter nostalgisch aussieht, aber mit allerhand Hightech ausgerüstet ist.

Die Erfindung des Skischuhs, die Jagd auf den letzten Bären 1904 in Scuol oder der Einsatz der ersten Schneekanone 1967 in Urnäsch: All das wird im Buch auch noch geschildert. Von verschiedenen Autoren in kürzeren Texten, die für Abwechslung sorgen. Dazu ist der Band gespickt mit vielen historischen und zeitgenössischen Bildern sowie tollen Werbeplakaten. Klar, sind die üblichen Verdächtigen dabei: der Schah von ­Persien, der sich neben dem Suvretta House mit der Villa Suvretta ein Pied-à-Terre kaufte und dort mit seiner Frau Farah Diba und den Kindern residierte. Oder Gunter Sachs, der mit seiner späteren Frau Mirja fotogen in die Kamera lacht.

Doch die heiter-hellen Momente, als 1968 etwa noch ein James-Bond-Film auf dem Schilthorn in Mürren gedreht wurde und dem Schweizer Winter einen riesigen Popularitätsschub verpasste, sie sind Vergangenheit. Seit den 90er-Jahren läuft es nicht mehr so rund im Schweizer Wintertourismus. Stagnation hat sich breitgemacht, auch diesen Aspekt blendet das Buch nicht aus. Der teure Franken und die Globalisierung mit Billigflügen in den Süden setzen der Branche zu. Der Nachwuchs geht nicht mehr ins Skilager, und Kinder aus Migrantenfamilien spielen ohnehin lieber Fussball, als auf die Piste zu gehen. Tradition ist zwar gut und schön, aber keine Überlebensstrategie.

Das Angebot entscheidet

Der CEO des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, David Bosshard, antwortet im Interview am Schluss des Buches denn auch mit der Gegenfrage: «Wenn jemand keinen Bezug zur Tradition hat, zum Beispiel durch seine Familie, wieso soll Tradition dann eine Rolle spielen? Das aktuelle Angebot ist entscheidender.» Die Hoteliers müssen sich also etwas einfallen lassen, wenn sie die Zukunft packen wollen. Aber auch die Gäste könnten bereits heute Überraschendes ent­decken. Zum Beispiel die goldenen Lärchenwälder im Engadin und im Wallis, etwas vom Grossartigsten überhaupt, was der Bergwinter zu bieten hat.

(Erstellt: 23.12.2014, 18:54 Uhr)

Das Spektakel für die Gäste gehört dazu: Ein Kellner auf Schlittschuhen serviert Sodawasser, St. Moritz um 1935. Foto: Imagno (Keystone)

Michael Lütscher: Schnee, Sonne und Stars. Buchverlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2014. 272 S., ca. 88 Fr.

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