Mit Düften heilen

Ätherische Öle können viel bewirken: Sie töten etwa Tumorzellen und helfen gegen Angst vor dem Zahnarzt.

Hilft gegen Spannungskopfschmerzen: Pfefferminzöl. Foto: Madeleine Steinbach (iStock)

Hilft gegen Spannungskopfschmerzen: Pfefferminzöl. Foto: Madeleine Steinbach (iStock)

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Änis-Chräbeli und Zimetstärnli, Glühwein mit Gewürznelken und Orangen, frische Tannenzweige – zur Weihnachtszeit sind wir von Düften umgeben. Sie können aber weit mehr als nur Nase und Gaumen kitzeln: Zimt, Koriander, Lavendel, Meerrettich & Co. helfen gegen Infektionen, lassen uns ruhig schlummern, lindern Übelkeit, Schmerzen und Ängste oder bringen Spermien auf Trab.

Duftrezeptoren gebe es in allen Geweben des menschlichen Körpers, sagt Hanns Hatt von der Ruhr-Universität im deutschen Bochum. Deshalb nehmen auch die Haut, die Niere, die Hoden und der Darm Düfte wahr. Selbst Tumorzellen können «riechen» – was Hatt im Experiment ausnützte. Prostatakrebszellen etwa besitzen viele «Veilchenduftrezeptoren». Mit Veilchenduft liess sich das Wachstum dieser Tumorzellen stoppen, so Hatt.

Der deutsche Biologe und Mediziner war einer der Referenten an der Jahrestagung der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) Ende November, die den ätherischen Ölen gewidmet war. Denn sie sind der Grund für die feinen Düfte, die viele Pflanzen verströmen. Eigentlich sollen sie die Pflanzen davor schützen, gefressen oder von Schädlingen befallen zu werden. Aber die Öle lassen sich auch medizinisch vielfältig nutzen, wie folgende Beispiele zeigen:

Haut:  An der Universitäts-Hautklinik im deutschen Freiburg schwören die Ärzte auf eine Salbe mit Korianderöl (siehe Kasten). «Wir verwenden sie in grossen Mengen», sagt Christoph Schempp, Oberarzt der Klinik. Etwa 1000 Kilogramm davon tragen dort allein die stationären Patienten pro Jahr auf ihre Haut auf. Das Korianderöl beruhigt entzündete Haut, beseitigt wegen seiner antibakteriellen Wirkung eitrige Pusteln und Candida-Hautpilz, wirkt schmerzlindernd und habe «vorzügliche Eigenschaften», lobt Schempp das Öl.

«Früher bekamen beispielsweise Patienten mit Gürtelrose als Komplikation oft eine Hautinfektion. Seit wir diese Salbe einsetzen, sehen wir das praktisch nicht mehr.» Auch bei multiresistenten Erregern im Nasen-Rachen-Raum habe sich das Öl aus den Korianderfrüchten bewährt.

Ein grosses Problem bei entzündeter Haut ist, dass sie zu allergischen Reaktionen neigt. Teebaumöl beispielsweise oxidiert rasch. Dabei entstehen Produkte, die leicht Allergien auslösen. Auch Sandelholzöl wirkt häufiger Allergie-auslösend. Deshalb ist bei allem Schmieren und Salben Vorsicht angebracht.

Doch auch hier schneidet Korianderöl sehr gut ab: «Wir haben bisher über 10000 Patienten mit Korianderöl behandelt, und es gab nicht eine einzige allergische Reaktion. Linalool, der Hauptbestandteil des Korianderöls, ist ausgezeichnet hautverträglich. Man sollte es aber nicht bei Menschen mit Allergien gegen Duftstoffe anwenden», rät Schempp.

Schmerzen:  Lavendelöl zum Gebären, Pfefferminzöl gegen Spannungskopfschmerzen, Rosenduft bei Nierenkolik – in diversen kleinen Studien wurde die Aromatherapie mit Erfolg eingesetzt. «In unseren Breitengraden kennen wir die Damaszener-Rose vor allem als Duft. In anderen Kulturkreisen wie dem Iran wird sie hingegen auch als Schmerzmittel wahrgenommen und beforscht», sagt Reinhard Saller, der ehemalige Direktor des Instituts für Naturheilkunde an der Universität Zürich. 

Die rein schmerzlindernde Wirkung der Düfte sei zwar «nicht so gut, wie wir uns das wünschen würden», bekennt Saller. «Dennoch können zahlreiche ätherische Öle wesentlich dazu beitragen, den Teufelskreis von Schmerzen zu unterbrechen, weil sie beruhigen, Angst lindern und entspannen.»

Desinfektion:  Auf einer Krankenstation im italienischen Iseo versprühten Forscher mithilfe von Ultraschallverneblern eine Mischung aus ätherischen Ölen. Sie enthielt unter anderem Geraniumöl, Myrtenöl und Sibirisches Tannennadelöl. Das Resultat: Erstens gediehen rund 90 Prozent weniger Bakterien, Hefen und Pilzen auf Tischen und anderen Oberflächen. Zweitens sank der Verbrauch an Antibiotika und Medikamenten für die Lungen deutlich.

«Viele ätherische Öle wirken antimikrobiell. Sie können sowohl zur Desinfektion eingesetzt werden als auch, um die Wirkung von Antibiotika zu verstärken oder um resistente Bakterien zu bekämpfen», sagt Matthias Melzig vom Institut für Pharmazie an der Freien Universität Berlin. Er listet über ein Dutzend Studien auf, die diese Wirkungen belegen. In einer davon wirkte zum Beispiel 0,5 Prozent Oreganoöl als Zusatz in der Seife genauso gut gegenüber dem Durchfallerreger Salmonella wie die Beigabe des umstrittenen chemischen Desinfektionsmittels Triclosan. In einem anderen Versuch reduzierte eine Mundspülung mit ätherischen Ölen Zahnfleischentzündungen. Die Kombination von Thymian- und Zimtöl wiederum verstärkte die Wirkung gängiger Antibiotika.

«Das ist alles schon lange bekannt», sagt Melzig. «Die Frage ist: Warum wird es so selten genutzt?» Er plädiert dafür, nicht entweder ein Antibiotikum oder aber ätherische Öle einzusetzen, sondern beides zu kombinieren, weil sich die Wirkung so verstärken lasse.

Ängste:  Reduziert Lavendelduft die Angst vor dem Zahnarzt? Ja, fanden indische Forscher heraus. Sie verdampften in den Wartezimmern mehrerer Zahnkliniken entweder Lavendelöl oder Wasser. Auch bei Angststörungen, Schlafproblemen, depressiven Verstimmungen sowie nach der Entbindung bewährte sich das Öl in verschiedenen Studien – ohne dass es zu Abhängigkeit oder Müdigkeit führte, wie manch konventionelle Medikamente dies tun. Das Linalool im Lavendel beeinflusst bestimmte Rezeptoren im Gehirn und wirkt so angstlösend und beruhigend. Seit Juni wird in der Schweiz ein Lavendelöl-Präparat von der Grundversicherung bezahlt.

Blasenentzündung:  «Es gibt immer mehr Patienten mit resistenten Erregern. Wir haben schon lange nach einem Ausweg gesucht», sagt die österreichische Labormedizinerin Gerda Dorfinger. Seit sie und ihr Mann, ein Urologe, die ätherischen Öle entdeckt haben, seien in ihrer Praxis die Antibiotikagaben merklich zurückgegangen. Überdies könne die Kombination aus Antibiotikum plus Lavendel- oder Oreganoöl zum Beispiel Kolibakterien bekämpfen, die gegen viele Antibiotika bereits resistent sind. Dorfinger berichtet von einer Patientin mit ständigen Blasenentzündungen, bei der Antibiotika immer nur kurz halfen. Ihr verschafften Sitzbäder mit einem Badeöl aus Thymian, Rosengeranie, römischer Kamille und Teebaumöl eine 17-monatige Pause von den Infektionen. «Bei manchen Patienten sind es auch kürzere Infektionspausen. Das klingt nach wenig», sagt Dorfinger. «Aber für die Patienten ist es ein grosser Erfolg.»

Erstellt: 15.08.2019, 13:35 Uhr

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