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Polen: Das weite Land des Klapperstorchs

Noch geniesst Polen den Status eines Geheimtipps, doch das Land besitzt alles, was ein attraktives Ferienland ausmacht.

«Ach wirklich, nach Polen?», fragen viele erstaunt, wenn man ihnen das ungewöhnliche Ferienziel verrät. Unausgesprochen schwingt die Frage mit: «Was gibts dort zu sehen?» Meeresstrände, hohe Berge, Hügellandschaften, Ebenen, Flüsse, Schlösser, Kirchen, Museen, Schlachtfelder – auch Gedenkstätten, die an dunkelste Zeiten erinnern, so etwa das KZ Auschwitz.Fürwahr: Dieses Land, das für die Russen im Westen und für die Deutschen im Osten liegt, hat eine komplizierte Geschichte. Zwischen 1795 und 1918 verschwand der polnische Staat von der Landkarte, doch das Nationalbewusstsein lebte in der katholischen Kirche fort, was erklärt, weshalb der Katholizismus eine so grosse Rolle spielt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben die Alliierten Polens Staatsgrenzen: Östliche Teile fielen an die Sowjetunion, ehemals deutsche Gebiete wie Schlesien (Slask), Pommern (Pomorze) und Ostpreussen wurden polnisch.Wie Phönix aus der AscheDanzig (Gdansk) ist heute eine durch und durch polnische Stadt, auch wenn sich die hanseatisch-deutsche Vergangenheit an der Altstadt unschwer ablesen lässt. Polnische Fachleute haben die im Krieg zerstörten Gebäude bis ins Detail rekonstruiert. Denkmalpflegerisch ist das nicht unumstritten, doch das Resultat ist verblüffend. Der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, ist in Gdansk gegenwärtig. Hier fanden 1970 und 1980 Streiks unzufriedener Arbeiter statt, etwas, das in einem sozialistischen Arbeiterparadies nicht vorgesehen war. Hier errichteten Arbeiter 1980 bei der Werft (Stocznia Gdanska) erstmals im Ostblock ein Denkmal (rechtes Bild), das an die Opfer dieses Regimes erinnerte – ein unerhörter Vorgang. Der kleine Polski Fiat, der sich durch eine Lücke in der Mauer quetscht, ist eine später geschaffene Skulptur. Sie illustriert, dass es die unbeugsamen Polen waren, die dem Eisernen Vorhang erste Dellen beifügten, als sich noch niemand im Traum den Fall der Berliner Mauer vorstellen konnte.Führerbunker im WaldDie Nazi-Ära, deren erstes Kriegsopfer Polen war, hat Wunden hinterlassen. Mehrere Konzentrationslager befanden sich auf seinem Territorium: Auch der Gröfaz, nach eigener Einschätzung der Grösste Feldherr aller Zeiten, ersann in der gigantischen Wolfsschanze (Wilczy Szaniec) unweit der Stadt Rastenburg (Ketrzyn) einen Angriffskrieg, den er bis zum bitteren Ende führte. Hier scheiterte im Juli 1944 der Attentatsversuch des Grafen von Stauffenberg, was in der Folge ihn und seine Mitverschwörer das Leben kostete. Niemand schaffte es später, die Bunker zu sprengen. Noch jetzt stehen die finsteren Bauten im Wald, teilweise überwuchert und von Vogelgezwitscher umgeben. In der ehemaligen SS-Gästebaracke kann man günstig und in militärischer Kargheit übernachten. Im kahlen Foyer steht ein Billardtisch. Deutsche, polnische und russische Kinder tollen gemeinsam bis nach Mitternacht durch den Gang vor den Zimmertüren und rauben den Gästen den Schlaf. Wenn das der Führer wüsste!Nur wenige Kilometer entfernt ist ein Erbe des polnischen Sozialismus zu entdecken, aber ein weit angenehmeres. In einem Wald am Goldopiwo-See erholen sich Familien in einfachen Sommerhäuschen vom Werktätigen-Dasein. Ruderboot fahren, Enten füttern, lesen, schlafen, Ball spielen, einfach sein: Hier ist definitiv nicht Ballermann. Dreimal täglich pilgern die Gäste zur Baracke auf der Waldlichtung. Das Essen steht auf nummerierten Tischen parat, dazu Kannen mit Tee wie im Schullager. Alle bekommen das Standard-Menü, Extras gibt es nicht. Nach drei Tagen schleicht sich das Auto der Schweizer mithilfe des Navigationsgeräts auf Waldsträsschen aus der Hüttensiedlung fort und peilt ein Luxushotel in einem renovierten ehemaligen Deutschritterschloss an. In einer halben Stunde vollzieht sich die Entwicklung, die Polen in den 20 Jahren seit der Wende erlebt hat: vom ärmlichen, grauen, knapp versorgten Proletarier-Dasein zum Leben im Wohlstand. Auch beim Schloss hat es einen idyllischen Badesee, und im Backsteingewölbe wartet im Keller ein Hallenbad. Wenn im Speisesaal das Personal die Clochen hochzieht, enthüllt sich auf dem Teller jedem Gourmet sein persönliches Lieblingsgericht.Polens arme, schöne EckeWir sind in Ermland-Masuren (Warmia-Mazury), dem südlichen Teil Ostpreussens. Der nördliche mit Kaliningrad (Königsberg) ist russisch, durch das Baltikum vom Mutterland getrennt, so wie einst das Laufental vom Kanton Bern nach Gründung des Kantons Jura. Die Landschaft hat etwas Melancholisches. Man ahnt die Weiten Russlands und hat das Gefühl, dass die kilometerlangen gepflasterten Alleen, die unverbauten Seen und Weiher, die sanften Hügel und Weiden mit Kühen und Pferden nie abreissen. Nicht immer war die Gegend die windstille Ecke Europas. Überwucherte Schienen, die sich in Blumenwiesen voller Schmetterlinge verlieren, zeugen von anderen Zeiten. Plötzlich erblickt man bei Stanczyki (Staatshausen) eine majestätische Eisenbahnbrücke. Die Reichsbahn nahm sie 1927 in Betrieb. Nach 1945 wurde die Linie unterbrochen, die Brücke wurde bedeutungslos. Touristen besichtigen sie, und Bungee-Jumper lassen sich hinabfallen, obwohl es verboten ist.Weisse Synagoge von SejmEin wichtiger Teil der polnischen Geschichte ist heute am Verblassen: der jüdische. Vor dem Krieg war jeder dritte Einwohner Warschaus jüdisch, im ganzen Land war es jeder zehnte. Heute ist die Zahl der Juden verschwindend klein. In Sejny, einem Städtchen an der Grenze zu Litauen, gibt es zwar nebst einer bekannten Marien-Kirche eine Weisse Synagoge, doch nichts erinnert im Innern an das jüdische Leben, das hier pulsierte: Sie ist nur noch ein Ausstellungs- und Konzertlokal.Paradies für NaturfreundeWer Naturerlebnisse sucht, liegt in Polen goldrichtig: So findet sich an der Grenze zu Belarus der letzte grosse Flachlandurwald Europas: die Puszcza Bialowieska. Der eine Teil in Lukaschenkos Reich und ist nicht zugänglich. Auf der polnischen Seite darf man ihn betreten, aber nur in Begleitung eines Führers. Vom Blitz getroffene Baumriesen liegen da, von Pilzen und Moosen überwachsen, von Würmern, Käfern und Bakterien mürbe gemacht und zerkleinert. Hier lebt der vor 90 Jahren fast ausgestorbene mächtige Wisent (zubr), der auch im Tierpark Dählhölzli zu sehen ist.Nur in Polen zu sehen ist der Weissstorch – jedenfalls in dieser Zahl. Ein Viertel der Weltpopulation nistet hier: auf Dächern, Strassenlaternen und Telefonstangen.

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