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Praktikant? Nein, Hoteldirektor

Er hat albanische Wurzeln, ist 29 – und leitet das Waldhotel in Davos: Was Bardhyl Coli zum WEF sagt und wie er auf Klaus Schwabs Kritik reagiert.

Seit Juni 2012 heisst der Direktor des Waldhotels Bardhyl Coli: Die Aufgabe hat den Mann mit albanischen Wurzeln zu Beginn mächtig unter Druck gesetzt.
Seit Juni 2012 heisst der Direktor des Waldhotels Bardhyl Coli: Die Aufgabe hat den Mann mit albanischen Wurzeln zu Beginn mächtig unter Druck gesetzt.
Tanja Demarmels

In wenigen Tagen geben sich Spitzenleute aus Politik und Wirtschaft am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos wieder ein Stelldichein. Jene, die im Waldhotel mit Blick auf die Bündner Bergmetropole residieren, werden sich beim Handshake mit dem Gastgeber verwundert fragen: «Wie? Das ist der Hoteldirektor? Der ist doch viel zu jung für diesen Job.»

Ja, Bardhyl Coli ist jung. 29 Jahre alt. Man könnte glatt annehmen, er sei der Praktikant. Hätte er nicht diesen piekfeinen Anzug an. Er schnippt ein Staubkorn am rechten Ärmel weg, bückt sich und füllt das Cheminée in der Lobby mit frischen Holzscheiten auf. Richtet sich auf, geht mit grossen Schritten auf die Rezeptionistin zu und gibt ihr im Flüsterton ein paar Anweisungen. Das Waldhotel ist bereit fürs WEF, alles ist perfekt arrangiert in diesem geschichtsträchtigen Haus, das 1924 – damals noch Lungensanatorium – Inspiration war für den Roman «Der Zauberberg» von Thomas Mann. Dieser verbrachte 1912 mehrere Monate in diesem Hause, da sich seine Frau dort kurieren liess. 100 Jahre später wird Bardhyl Coli zum Direktor des Viersterne-Superiorhotels ernannt.

Als Coli acht Jahre alt war, zog es seine albanischstämmige Familie aus Kosovo in die Schweiz. «Meine Eltern waren überzeugt, dass unsere Zukunftsaussichten hier besser sind.» Coli erzählt, er habe sich schnell akklimatisiert, im Thurgau, wo er wohnte und erstmals zur Schule ging. «Die Sprache zu lernen, war sehr schwierig.» Doch Coli sagte sich: «Wenn du mitkommen willst, musst du das ganz schnell packen.» Er habe teilweise Nächte durchgebüffelt. «Das hat mich geprägt», sagt er in typisch breitem Thurgauer Dialekt.

Anspruchsvolle Gäste

Mittlerweile sieht Bardhyl Coli die Schweiz als seine Heimat an. «Ich fokussiere mich immer zu 100 Prozent auf etwas, halbe Sachen gibt es nicht.» 2006 hat er sich deshalb auch einbürgern lassen. «Hier habe ich realisiert: Wenn man will, geht alles. Man muss einfach mit ganzem Herzen bei der Sache sein.»

Das ist er auch jetzt, so kurz vor dem Start des Weltwirtschaftsforums. Besondere Vorkehrungen habe man im Waldhotel aber nicht getroffen, «es sind die üblichen Abläufe», sagt Coli. Im Fall des Waldhotels bedeutet das, dem Gast «ein Höchstmass an persönlichem Service zu bieten und ihm keinen Wunsch abzuschlagen». Es sei kein Zufall, sagt Coli, dass das Waldhotel von Schweiz Tourismus unter die 25 freundlichsten Hotels der Schweiz gewählt worden sei. «Wir setzen auf individuelle Aufmerksamkeiten.» Kundenverblüffung laute das Zauberwort. Damit will Coli signalisieren, dass der Gast mit seinen Anliegen ernst genommen werde.

Das fängt damit an, dass jeder Gast konsequent beim Namen angesprochen wird. Und hört damit auf, dass er abends unter der Bettdecke eine Wärmflasche vorfindet. «Die Ansprüche der Gäste sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Sie suchen nicht nur ein Bett, sondern ein Erlebnis.» Besonders wichtig sei diese individuelle Betreuung. «Damit können wir uns von der preisgünstigeren Konkurrenz in Österreich abheben.»

Die Angestellten des Waldhotels hat der ehrgeizige Coli entsprechend auf diese Philosophie eingeschworen; jeder Einzelne müsse sich in seinem Bereich als Gastgeber sehen, führt er aus. Wer sich nicht wie er bedingungslos der Dienstleistung verschreibt, den stelle er nicht an, betont Coli. Und wirkt dabei wie ein alter Hase.

Die Hälfte seines Lebens hat er bereits seinem Beruf verschrieben. Ab dem 15. Geburtstag arbeitete er ungewöhnlich strebsam auf sein grosses Ziel hin: dereinst ein angesehenes Hotel zu leiten. Er fing ganz unten an, machte seine Lehre als Serviceangestellter im Seminarhotel Kartause Ittingen, und durchlief danach in nur zehn Jahren alle wichtigen Stationen der Hotellerie.

Während Gleichaltrige am Wochenende feierten und die Nächte im Bier ertranken, liess Coli sich in die kom­plexe Welt der Weine einführen und machte das Sommelier-Diplom. Weine sind seine grosse Leidenschaft, besonders französische Tropfen haben es ihm angetan.

2003, mit 19 Jahren, machte Coli eine zweite Ausbildung als Koch. Danach zog es ihn ins Fünfsternehaus Capital Hotel London als Chef de Rang (19 Gault-Millau-Punkte), anschliessend wechselte er an den Empfang des Hotels Hof Weissbad, ehe er 2008 an der Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich die Ausbildung zum diplomierten Hotelier absolvierte. Danach zog es ihn in die deutsche Hauptstadt und er stieg dort in kurzer Zeit im NH Hotel Berlin Mitte zum stellvertretenden Hoteldirektor auf.

Feiern – erst nach Mitternacht

Nie hatte er einen Durchhänger, nie einen Absturz in seinem Leben. So scheint es jedenfalls. Die Richtung in Colis beruflichen Leben zeigte immer nach oben, sein CV ist so fleckenfrei wie sein Anzug, so makellos wie sein Teint. Hatte er niemals das Gefühl, in seinen jungen Jahren etwas verpasst zu haben? Dass unbeschwerte Zeiten zwischen Kochlöffel und Hoteltheorie auf der Strecke geblieben sind? «Nein», sagt Coli entschieden. «Ich habe meine Jugend genossen, habe auch gefeiert und Quatsch gemacht. Allerdings immer erst nach Mitternacht, nach Feierabend. Das hatte den Vorteil, dass zu dieser Stunde bereits alle sehr guter Laune waren», lacht er verschmitzt.

Wenn er lacht, wirkt er noch ein bisschen jünger. Und er lacht viel, wirkt entspannt. Strahlt eine Ruhe aus, die Menschen eigen ist, die am Ziel ihrer Träume angelangt sind. Bardhyl Coli betont aber immer wieder, dass ihm nichts in den Schoss gefallen sei. «Vor allem muss man Leistung bringen für den Erfolg und kämpfen.» Besonders als Ausländer: «Ich musste mich doppelt anstrengen. Aber wer in der Schweiz fleissig ist, kann was erreichen, egal welches Geschlecht oder welche Nationalität man hat.»

Ständig unter Strom

Gewiss, Bardhyl Coli hatte auch Glück. Die Leidenschaft für seine Berufe, die er als seine Berufung sieht, überzeugte einen ehemaligen Direktor des Waldhotels so sehr, dass er Coli den deutsche Besitzern des Waldhotels, der Familie Gemmingen, empfahl. Und diese machte ihn nach einem Vorstellungsgespräch zum Direktor. Wahrscheinlich gerade wegen seiner damals erst 27 Jahre: Frischer Wind sollte rein ins Traditionshaus, man suchte einen, der den Willen und die Energie hat, wieder mehr Schweizer ins Waldhotel zu bringen und die Übernachtungszahlen deutlich zu steigern.

Der Druck, der auf Colis schmächtigen Schultern lastete, muss gross gewesen sein. Seit seinem Antritt vor eineinhalb Jahren sei er «ständig unter Strom» gestanden, erzählt er. Schlecht geschlafen haben muss er auch, zugeben tut er dies indes nicht. Feine Augenringe zeugen allerdings davon. «Mittlerweile sehe ich das Ganze aber ein wenig entspannter. Auf der Spitze des Berges sind wir aber noch nicht angekommen, die Übernachtungszahlen will ich weiter steigern.» Der Buchungsstand für diesen Winter sei gut, liege im Schnitt bei 83 Prozent. Das ist höher als vor Colis Antritt. Trotzdem gibt er sich damit nicht zufrieden. «Mein Wunsch ist eine Belegung von 90 Prozent für den gesamten Winter.» Der Ehrgeiz flackert in Colis grünen Augen auf. Jener ungebändigte Ehrgeiz, der dafür gesorgt hat, dass Bardhyl Coli heute da ist, wo er ist.

Er macht eine formelle Handbewegung in Richtung Treppenhaus. Coli zieht es auf die Dachterrasse, eine «grandiose Aussicht» habe man da oben. Wenige Minuten später liegt ihm Davos zu Füssen. «Ich liebe die Ruhe hier.» Es ist bitterkalt, Coli blickt zum Jakobshorn hoch. «Schon als Junge war ich hier mit dem Snowboard unterwegs, machte meine Jumps.» Diese Gedanken lassen ihn grinsen, sein weisser Atem entschwindet in der kalten Bergluft.

Das Snowboard hat Coli mittlerweile in die Ecke gestellt. In dieser Saison will er zum ersten Mal in seinem Leben mit Ski den Berg runterfahren. «zusammen mit einem Stammgast». Hauptsächlich Schweizer und Deutsche ­checken bei ihm ein, immer öfter sind es aber auch Briten und Russen.

Die Gästeschar wird in der WEF-Woche noch kosmopolitischer sein als üblich. In den nächsten Tagen strömen sie aus aller Welt hierher, und sie tragen klingende Namen. Er habe schon die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen dürfen oder den Boss der Technologiebörse Nasdaq, Robert Greifeld, erzählt Coli. «Ganze Stockwerke haben die Herrschaften für sich reserviert …» Und dann schweigt er, mehr Namen gibt er nicht preis. Schon gar nicht jene, die in den nächsten Tagen hier residieren. «Da sind wir sehr diskret.» Man glaubt ihm, dass er alles tun wird, damit sich die Top-Shots bei ihm wohlfühlen. Damit sie wieder kommen.

Klaus Schwabs Kritik

Darauf hat Bardhyl Coli Einfluss. Darauf, was ausserhalb des Hotels in Davos passiert, weniger. Entsprechend trifft ihn die Kritik von WEF-Gründer Klaus Schwab, der in der Sonntagspresse moniert hat, die Davoser seien zu wenig gastfreundlich. «Da kann die Stimmung im Hotel noch so angenehm sein; das Zusammenspiel mit der ganzen Gemeinde muss stimmen. Dies muss vom Polizisten über die Serviertochter bis hin zum Taxifahrer allen bewusst sein, die ganze Destination muss positiv denken und an einem Strang ziehen.»

Auch wenn sein Eindruck ein anderer ist als jener von Klaus Schwab: «Wir nehmen die Kritik auf und versuchen, ihn von einer besseren Seite zu überzeugen.» Es sei wichtig, Kritik aufzunehmen und sofort zu überlegen, wie eine Verbesserung erreicht werden kann.

Nach dem WEF, so Coli, wolle er selbst in die Ferien verreisen. Abschalten, wieder mal ein Buch lesen; wahrscheinlich zusammen mit seiner Freundin. Aber auch darüber schweigt er, «das ist Privatsache».

Lange kann Bardhyl Coli indes nicht weg. Bald stehen die Planungen für die Sommersaison an. Wie viele Jahre will er das Waldhotel leiten? «Solange es mir Spass macht.» Und was kommt nach Davos? Hat ein Mann von knapp dreissig Jahren, der sein grosses Ziel bereits erreicht hat, überhaupt noch Träume? Sicher, sagt er. «Aber ich lebe in der Gegenwart.» Deshalb zähle für ihn derzeit nur das Waldhotel und nichts anderes. «Ich investiere meine ganze Energie dafür, hier einen guten Job zu machen.» Träume haben da ­keinen Platz.

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