Leser fragen

Da muss man durch! Wirklich?

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass harte Zeiten Kinder stärker machen.

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Die Rekrutenschule gilt als Schule fürs Leben, da muss man durch. Gemeint ist: unten durch. Als Lohn wird man vom Jüngling zum Mann. Unerwartet äusserte sich mein freundlicher Nachbar dankbar über seinen Lehrer, der ihn «drangenommen» habe, sonst hätte er sein Leben wohl verträumt. Auch im zarten Juniorensport grassiert gegenüber harten Trainern diese Haltung: Da muss das Kind durch, das wird ihm später helfen. Ist da was Wahres dran? Und etwas Gutes?
A. C.

Lieber Herr C.,

Die Zeiten haben sich geändert: Das Lineal wird in den Schulen nicht mehr als Züchtigungsinstrument verwendet. Selbst der Psychiater Winterhoff, der weiss, warum aus Kindern Tyrannen werden, wenn man nicht rechtzeitig Grenzen setzt, sehnt sich nicht nach den Erziehungsmethoden des Herrn Dorfpfarrer aus Hanekes «Weissem Band» zurück. Sogar der Sportunterricht scheint nicht mehr vor allem die Erniedrigungs- und Blossstellungsmaschinerie zu sein, als die sie die unsportlichen Schüler der 60er- und 70er-Jahre (ich zum Beispiel) erlebten. Und auch aus den Rekrutenschulen wird längst mehr Langeweile als Misshandlung gemeldet.

Doch statt Zufriedenheit über die Zivilisierung der Gesellschaft, herrscht im öffentlichen Diskurs schon seit Jahren die pädagogische Alarmstufe Dunkelorange. Ernsthaft werden angesichts des Leistungswillens asiatischer Tigermütter der ökonomische Untergang des Abendlandes beschworen, der Niedergang der Disziplin und der Verlust der Werte und der Leistungsbereitschaft: Das Leben ist nun mal kein Ponyhof, sondern ein Haifischbecken. Die Schwächsten kommen in die Lasagne, nur die Besten schaffen es in die Hofreitschule. Wenn es nur die Herrenreiter wären, die solchen Schwachsinn verbreiteten, so wäre das noch verständlich. Aber das Lob des Drills und der Elite hat rätselhafter auch die mittelmässigen Ponys erfasst, die froh sein können, dass die Anforderungsprofile, die sie da für den stählernen Menschen der Zukunft entwerfen, für sie (noch nicht) gelten.

Ich glaube, die behauptete Sehnsucht nach den Vor-Kuschelzeiten und die Anpreisung der Ohrfeigen, die einem nicht geschadet haben, sind pures Mimikry. Tarnung der eigenen Ohnmacht und Überspielen der erlittenen Kränkungen, die im Berufsleben subtil institutionalisiert sind. Zu denen es z. B. gehört, gegenüber Human-Ressources-Schnöseln, welche an Leadership-Ratgeber glauben wie Hanekes Dorfpfarrer ans Neue Testament, eine gute Figur zu machen. Was ein Häkchen ist, muss an den Segen der frühen Krümmung glauben.

Erstellt: 08.03.2013, 15:14 Uhr

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